Hausnummer am „Neuen Frankfurt“, Christos Vittoratos, CC BY-SA 3.0

Die Schrift der Alternative für Deutschland

Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) spricht gern und oft über „Denkverbote“, die „Politikerkaste“ oder den „Mut zur Wahrheit“ und wenn sie diese Worte druckt, verwendet sie die Schrift Futura. Die Futura wurde in den 30er Jahren von Paul Renner entworfen und erfreut sich bis heute großer Beliebtheit.

Die Futura ist die Schrift von Volkswagen, Red Bull und Ritter Sport. Von den politischen Parteien hatten Sie die FDP und SPD lange im Programm, die Grünen und die Linkspartei tragen sie noch immer im Logo. Warum die Futura bei deutschen Parteien so beliebt ist, lässt sich schwer sagen. Wahrscheinlich halten Agenturen immer noch den Gedanken für furchtbar originell, die Futura für jede Spielart des Themas „Zukunft“ zu verwenden. Der AfD ist soviel Einfallsreichtum sicher auch zuzutrauen.

Wenn eine Partei die Futura zur Hausschrift macht, dann sendet sie durch die Schrift vor allem eine Botschaft — „ich will dazugehören!“ Die Futura ist so regierungstragend-stabil und politisch-neutral, dass man mit ihr gleichzeitig die „Lügenpresse“ schelten und noch zum Bundespresseball eingeladen werden kann. Als Alternative gegen den arrivierten Mainstream kann die Schrift nicht gelten. Der Einsatz der Futura bricht mit ähnlich vielen Tabus wie die Einladungskarte zum Kindergeburtstag in Comic Sans.

Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob sich AfD-Anhänger lieber mit Fraktur oder Futura kleiden. Im Gegensatz zur Fraktur gilt die Futura jedoch als bürgerliche Garderobe und ist damit tauglicher für kurze Ausflüge jenseits der Grenzpfeiler des Grundgesetzes: Ob Björn Höcke mit seinen biologistischen Thesen oder Beatrix von Storch mit ihren Vorschlägen zum Einsatz von Waffengewalt gegen Flüchtlinge — nach kurzen Abstechern rudert man wieder zurück in den konservativen Hafen. Man kann von einer self-fulfilling prophecy sprechen, wenn die Empörung einkalkuliert ist und als Beleg für angebliche „Denkverbote“ dient. Das ist dann „Mut zur Wahrheit“ im wohlverstandenen Sinne. Für die Vermittlung dieser einfachen Botschaft reicht der Bold-Schnitt der Futura vollkommen aus.


Die Programm Paul Renners war ein anderes. Als er die Futura in den 20er Jahren entwickelte, war er wie viele andere Künstler seiner Zeit von Konstruktivismus und Bauhausstil inspiriert. Er stand der Zeitschrift Neues Frankfurt nahe und brachte seine Schrift-Entwürfe für das gleichnamige Frankfurter Bauprogramm ein, welche sich an Vorbildern wie De Stijl und Le Corbusier orientierte.

Wie überall in Deutschland wurde Anfang der Dreißiger Jahre der Druck auf Vertreter der Avantgarde immer größer. Renner griff einen Terminus der NS-Propaganda über das Neue Bauen auf und veröffentlichte im März 1932 die Streitschrift „Kulturbolschewismus?“(1). Der Begriff des „Kulturbolschewismus“ wurde in der NS-Zeit anfangs zur Diffamierung moderner architektonische Stilrichtungen verwendet und galt schließlich allen Kunstwerken, die nicht der NS-Ideologie entsprachen.

Photomechanischer Nachdruck der 1932 erschienenen Originalausgabe

Auf 60 Seiten seiner Streitschrift wendet sich Paul Renner wider die „antisemitische Hetze gegen die moderne Kunst“. Er verteidigt das Neue Bauen und kritisiert einen völkischen Kulturbegriff. Gegen ihn betont er, dass die deutsche Architektur auf Adaption und Integration, nicht auf dem Ausschluss äußerer Einflüsse beruht.

Wer die deutsche Baukunst aus dem Gang der europäischen Vergangenheit ausschalten will, beweist, daß er ihre Vergangenheit nicht kennt.
(…)
Wenn es diese völkische Selbstgenügsamkeit schon in früherer Zeit gegeben hätte, wären die Kirchen, die Rathäuser und Schlösser, auf die wir heute so stolz sind, niemals gebaut worden.

Sehr früh für seine Zeit betrachtet er den Antisemitismus als ein wesentliches Motiv des Nationalsozialismus und sieht wahnhafte Angst als eine seiner Triebfedern an.

Die Bastionen und Bollwerke, welche der Antisemitismus überall zu sehen glaubt, existieren nicht, und deshalb ist es ein so klägliches Schauspiel, wenn er gegen die Ausgeburten seiner eigenen panischen Angst Sturm läuft.

Wenn Paul Renner über Anfeindungen gegen die Presse berichtet, wird eine geistige Nachbarschaft zwischen den damaligen und heutigen Verschwörungstheorien über die sogenannte „Lügenpresse“ spürbar.

Was wird nicht heute alles „jüdische Presse“ genannt! Ungefähr jede bessere Zeitung, die nicht auf der äußersten politischen Rechten steht.

Renners Streitschrift wurde nur durch den Züricher Eugen Rentsch Verlag verlegt und wenig später in Deutschland verboten. Renner wurde dafür am 4. April 1933 festgenommen, kam aber auf Fürbitte des Schwiegervaters seiner Tochter, des Rudolf-Heß-Freundes Karl Haushofer frei. Schließlich setzte man ihn als Leiter der Buchdrucker-Meisterschule in München ab, woraufhin er sich in sein Privatleben zurückzog.


Renner verteidigte in „Kulturbolschewismus?“ letztlich die Vorstellung von einer deutschen Kultur, die ihre Entwicklung vor allem ihren mannigfaltigen internationalen Bezügen und Einflüssen verdanke. In diesem Sinne galt auch für seine Futura ein universeller Anspruch. Paul Renner schrieb später 1940, dass die Futura aufgrund „ihres neutralen Formcharakters fast zu allen Schriften und ebenso zur klassischen Antiqua“(2) passe.

Heute kann die Futura auf eine erstaunliche Karriere zurückblicken. Sie gilt als eine der populärsten Schriften weltweit und findet sich in zahllosen Drucksachen wieder. Dass die Futura nun das Logo einer Partei der Neuen Rechten ziert, mag angesichts der Biographie ihres Erfinders irritieren, allerdings spielte dieser Umstand bei der Auswahl sicher keine Rolle, wenn er überhaupt bekannt war. So stümperhaft wie die AfD mit Typografie umgeht, hätte es wohl auch eine Arial getan. Letztlich ist es aber auch das Schöne an Schriften, dass Texte keine Spuren an ihnen hinterlassen.

Fußnoten

(1) Paul Renner: Kulturbolschewismus? Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main 2003
(2) Paul Renner: Die Kunst der Typografie. MaroVerlag, Augsburg 2003, S. 147

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