Erdoğan Abı

Er ist jeden Tag bei uns im Cafe, trinkt sehr viel Tee, isst immer Köfte mit Kola oder Ayran dazu, telefoniert lange und liesst Zeitung. Seine Finger sind kurze Stummel, ich weiss nicht ob das eine Krankheit ist oder ob er einen Unfall hatte. Seine Erscheinung ist sehr gepflegt und ruhig, genau so seine Art zu sprechen. Ich habe ihn nie Beten oder zur Moschee gehen sehen, aber während Ramadan hat er gefastet. Er raucht nicht, trinkt nicht, und wirkt sehr jung und dynamisch, obwohl er doch schon etwas älter ist. Aber wer weiss, bei Türken kann man das nie so leicht sagen.

Aber ich frage mich die ganze Zeit was er eigentlich macht? Wohl irgendwas mit Immobilien, er hat meinem Chef die Räumlichkeiten für das Cafe organisiert, und dadurch Çay- und Köfte-Flatrate. Also eine Art Makler, unser guter Erdoğan. Dann sitz er öfter mit Leuten zusammen, sie reden über Projekte von Stiftungen und Organisationen. Sie schreiben Listen und zeichnen Pläne, telefonieren und laden Leute zu sich an den Tisch ein zum kennen lernen. Und er redet am Telefon oft über Schulden und Geld. Aber nie sein eigenes, es geht immer um andere Leute. Immer andere Namen, Schulden und Zahlen von mehreren Tausend.

Tja, das alles macht Erdoğan. Und das ist — was?

Eine Art Gemeinde Vater von Cihangir. Er stellt Kontakt her, schafft Beziehungen, pflegt sie, entspannt sie wenn Streit um Geld oder sonst was in der Luft liegt, verbindet Leute und wirkt beruhigend auf alles um ihn herum. Ein Knotenpunkt in den oft so schwer zu durch schauenden Seilschaften von Istanbul.

Auch auf mich wirkt Erdoğan beruhigend. Wenn ich mich um seinen Tisch kümmere ist das immer entspannend. Eine gute Seele von Mensch, unser lieber Erdogan.