…weile im Amt

Heinz, der Dacapo, stand vor dem Getränkeautomat. Der war ganz hübsch, fand er. Große braune Tropfen und ein Strahl von Koffeinbrause ergossen sich über die Seitenwand und ein überdimensionales Glas fing diese auf. Das stimulierte ihn visuell in solchem Maße, dass er sich bei jeder Automaten-Passage genötigt sah, das Gerät zu benutzen und eine der kleinen, gekühlten und stark überteuerten Dosen zu kaufen. Er fand selbst, dass das zwanghaft war. Manchmal, wenn er kein Kleingeld bei sich hatte und er dem Zwang nicht nachkommen konnte, versuchte er den Automaten im Gebäude auszuweichen: gar nicht so einfach in einem Labyrinth aus Gängen, die systematisch mit den Geräten gespickt zu sein schienen. Er hatte bereits vermutet, dass der Maler bei deren Aufstellung seine Hände im Spiel gehabt hatte. Dem traute er prinzipiell alles zu. Die Ausweichaktionen des Dacapo glichen den Schleichfahrten eines U-Bootes, das versuchte, den Kontakt mit drohenden Wasserbomben und Zerstörern zu meiden. Als Sonar-Ersatz hatte er sich einen Gebäudeplan mit den markierten Positionen dieser großen, schwarzen Kästen in seinem Smartphone gespeichert. Sie sprengten zwar keine Boote aber seine Geldbörse. Damit waren die Getränkeautomaten in die gleiche Gefahrenklasse einzustufen. Als Ermittler und Greifer eines Geheimdienstes kannte er sich mit Klassifikationen dieser Art bestens aus.

Heute hatte Heinz Geld im Portemonnaie, niemand war in den Büros auf dem unteren langen Gang des BKA-Gebäudes UND er hatte nichts zu tun. Letzteres war ein Zustand, der ihn nervös machte. Es konnte nicht sein, dass das Verbrechen aktuell ruhte. Dies gab es nicht. Es hatte sich vor ihm versteckt, war auch auf Tauchfahrt. So blieb ihm nichts weiter übrig, als sich mit einer gekühlten Dose Limonade zu amüsieren, bis ein Einsatz kam. Sonntage konnten gewaltig langweilig sein. Er lief durch das ehemalige Kasernengebäude, das dem BKA als Quartier diente. Am Ende des Ganges, den vor Jahrzehnten Rekruten mit aufgeregt-geregeltem Durcheinander bevölkert hatten, stand ein Getränkeautomat. Hinter dem hübsch verzierten Gerät führte eine Treppe zu einer kleinen Eingangshalle. Ihre großen Glastüren ließen die Blicke aus dem trüben Halbdunkel ungehindert auf den grünen Innenhof fliehen, der heute sonnenbeschienen war. Zwischen dem Dacapo und seinem elektromechanischen Etappenziel befand sich kein Hindernis, nur einige Meter leeren Ganges. Er schmeckte bereits die Orange in der Limonade und beschleunigte in Erwartung einer Abwechslung seine Schritte. Während des Laufens zog er seine Geldbörse aus der linken Innentasche seines schweren, langen und schwarzen Ledermantels. Die großen blauen Schulterklappen leuchteten im Halbdunkel. Eine Batterie, die er vorsorglich jeden Tag lud, versorgte die Leuchtfolie zuverlässig mit Energie. In der Vergangenheit hatte es nur ein einziger Kollege gewagt, ihn wegen seines Aufzuges ‘Zirkuspolizist’ zu nennen. Einen Tag später hatte der Dacapo dafür gesorgt, dass dieser Kollege ihm als Partner bei einem Einsatz zugeteilt wurde. Zwei Tage später hatte sich dieser auf eigenen Wunsch in die gefahrlose Aktenregistratur versetzen lassen, war wegen psychischer Instabilität für zwei Monate beurlaubt und auf einen Bauernhof gesandt worden. Heinz war der Dacapo — er war die mächtige Verkörperung der Staatsgewalt. Er war gewaltig. In diesem Augenblick wurde er gewaltig von einem Getränkeautomaten angezogen.

Als das erste Zweieurostück im Münzschlitz des Gerätes verschwand, war die Welt noch in Ordnung. Vor der Tür, am Ende des Ganges, schien die Sonne. Hinter der Glasscheibe des Automaten leuchtete das Licht der Verheißung. Einen Augenblick später brach für Heinz die Welt zusammen. Anstatt des rollenden Geräusches, das sich in den Tiefen des dunklen Kastens verlor, erklang nur ein kurzes ‘Rrrrlll-klick’. Aus, vorbei. Die Hand mit der zweiten Münze, die bereits erhoben war, verharrte in der Luft. Heinz sah verdutzt den Automaten an. Er hätte ein ‘Rrrrrllllrllrllrrlllll-klick-klick-klack-rllll-ggggrrr-klack’ erwartet. Natürlich war er als Power-User mit den Eigenheiten und Geräuschen der Technik bestens und intensiv vertraut. Schließlich diente sie der Befriedigung seiner Zwänge. Das rechte Ohr an die Seitenwand des Gerätes gelegt, versuchte er, jeden Laut hinter der Blechfassade zu erfassen. Vielleicht hatte ein Techniker bei der letzten Wartung mehr Öl als sonst genutzt und die Verdauung der Münzen ging jetzt wesentlich geräuschloser vonstatten, als noch vor einer Woche. Es war nichts weiter zu hören, als ein leises Brummen, offensichtlich von der Kühlung. Als er sich wieder der Front des großen, stummen Kastens zuwandte, flimmerte von links nach rechts über die Leuchtanzeige unter dem Münzschlitz das Wort ‘Störung’. Zuerst irritierte ihn nur die hohe Geschwindigkeit und das flackernde Hüpfen der Schriftzeichen. Etwas später wurde ihm bewusst, dass der Getränkeautomat keine Büchse auswerfen würde und sein Geldstück irgendwo in dessen Innereien verklemmt war. Das Rollgeräusch war nur sehr kurz zu hören gewesen. Wahrscheinlich war die Münze bereits direkt hinter dem Einwurf stecken geblieben. ‘Wenn ich etwas nachhelfe, dann wird das schon’, dachte der Dacapo. Natürlich fiel ihm sofort der Reinigungsstab seiner Magnum Desert Eagle ein. Er spürte die große, schwere Pistole mit dem 10-Zölligen Lauf in dem Holster, das auf dem Rücken in seinen weiten Ledermantel gearbeitet war. Der Reinigungsstab war in der rechten Innentasche des Mantels, zusammen mit Putzlappen und einem Fläschchen Waffenöl. Man musste immer vorbereitet sein. Er konnte sich nicht darauf verlassen, zwischen zwei Einsätzen zurück in die Dienststelle zu kommen. Seine Dienstwaffe gebrauchte er bei jedem Einsatz, ausnahmslos! Genau dazu war sie schließlich da, um die Staatsgewalt durchzusetzen. Was für ein Glück er wieder hatte! Der Reinigungsstab passte gerade noch so in den Schlitz des Münzeinwurfes. Der Dacapo schob ihn vorsichtig immer weiter in die Tiefe des Automaten. Aha! Schon nach wenigen Zentimetern traf er auf einen Widerstand. Widerstand war etwas, das es für den Dacapo schon aus Prinzip nicht gab. Jetzt war es mit der Vorsicht vorbei: Bei Widerstand musste mit der gesamten Härte und Gewalt der Staatsmacht durchgegriffen werden. Ein kräftiger Ruck, der Reinigungsstab rutschte weitere zwei Zentimeter in den Schlitz und aus dem Inneren der Maschine war ein ‘Rrlllllg’ zu vernehmen. Zwar war dies sehr kurz, aber deutlich und ausreichend, um dem Dacapo ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. ‘Na geht doch!’, dachte er und versuchte den Stab mit noch mehr Druck weiter in das Innere des Automaten zu treiben. Dieser wehrte sich jetzt und hielt erfolgreich stand. Nichts bewegte sich mehr, weder vor, zurück noch drehend war der Reinigungsstab dazu zu bewegen, seine Position zu verändern. ‘Aktiver Widerstand gegen die Staatsgewalt!’, schoss es dem Dacapo durch den Kopf. Das war in keinem Falle hinnehmbar und zu Verhandlungen war er schon aus Prinzip nicht bereit. Er riss und rüttelte an dem Ende des Stabes, der mit dem Getränkeautomaten zu einer Einheit verschmolzen zu sein schien: nichts! Ohne lange zu überlegen und seiner Wut freien Lauf lassend, griff er mit beiden Händen fest um das aus dem Automaten ragende Ende des Reinigungsstabes und stemmte sich mit beiden Füßen gegen das Glas, hinter dem noch immer das Licht der Verheißung leuchtete. Er hing jetzt an dem Automaten, fast einen Meter über dem Boden. Die Schöße seines Mantels baumelten herunter und berührten gerade noch den Boden. Unter lautem Stöhnen rüttelte er an dem Stab. Heftige Vibrationen gingen durch die Maschine. Der Stab löste sich jedoch nicht und aus der rechten Außentasche des Mantels war ein ängstliches Fiepen zu hören. Erstaunt hielt der Dacapo inne. Mit solch nachdrücklichem Widerstand hatte er nicht gerechnet. Auf der Straße traute es sich niemand, ihm den Weg zu verstellen. Jeder Verbrecher ließ sich von ihm freiwillig verhaften und solch ein dummes Stück Technik probte den Aufstand? Nicht mit ihm! Mit einem gewaltigen Ruck, kräftigen Rüttlern und gezielten Tritten malträtierte er den aufständischen Widerständler. Da er immer noch an dem Automaten und über dem Fußboden hing, konnte er sich mit seinem gesamten Gewicht nach hinten werfen. Das machte der Getränkeautomat nicht länger mit: Er unterließ jegliche Gegenwehr und gab auf. Langsam, wie in einem in Zeitlupe abgespielten Film, kippte der große Kasten in den Gang hinein. Er wurde in seiner Fallbewegung noch einmal kurz durch das Stromkabel aufgehalten. Dieses spannte sich straff zwischen dem Automaten und der Steckdose in der Wand. Es war nur eine sehr kurze Verzögerung. Mit einem ‘Pllllll’ sprang der Stecker aus der Dose und der Getränkeautomat kippte vollständig auf den in einem gewaltigen Wutanfall zappelnden Dacapo. Dieser lag nur kurzzeitig unter dem schwarzen Kasten. Er wälzte sich unter der Maschine hervor und diese kippte laut polternd auf die Seite. Den finalen Sturz überlebte die Sicherung der Fronttür nicht. Sie sprang auf, klappte auf den Boden und zersprang in viele, glitzernde Splitter. Die Dosen, die das Innere des Automaten gefüllt hatten, rollten polternd und klackend über den Gang des ehemaligen Kasernengebäudes. Sie mischten sich mit den vielen unterschiedlichen Münzen, die aus der geborstenen Front hervorquollen. Dort, wo vor einigen Jahren noch Rekruten mit der Bohnerkeule sinnlose Strafen für nicht existente Vergehen abarbeiten mussten, hüpften nun bunte Getränkedosen über die blanken, glatten Fliesen. Heinz lief den Dosen hinterher und rutschte mehrfach auf den Münzen aus, die sich schnell über den gesamten Gang verteilten. Er versuchte die Dosen zu fangen und einzusammeln. Sie polterten und hopsten lustig den Gang entlang und die Treppe hinunter. Zwischen ihnen hüpfte der Dacapo. Der Innendruck machte die dünne Aluminium-Außenhaut elastisch. Sie sprangen wie Gummibälle hin und her. Einige Dosen platzten auf der Treppe und Schaumfontänen ergossen sich in den Gang und Vorraum. Orange Zungen liefen an den Wänden und den Fenstern des Eingangsbereiches langsam herunter. Die Spritzer der Limonade erinnerten Heinz an die orangen Markierungen ‘Des Malers’. Erschrocken sah er sich um: War der jetzt auch noch hier? Als er das Chaos hinter sich erblickte, dachte er nur noch an Flucht, um der orangenen Hölle zu entgehen.

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Inhaltsverzeichnis

  1. Querschläger
  2. Hier hat jeder Anruf Folgen
  3. Neben der Spur
  4. Vor den Toren der großen Stadt
  5. Im Wald da wohnen die Fahrradfahrer
  6. Drifting in
  7. Rußige Leere
  8. Der Rachen des Ungeheuers
  9. Das Paradies im Norden
  10. Kein Weg hinaus
  11. Bei Stau hilft blau
  12. Berlin am Abend
  13. Wer kann der kann

Personen

Heinz Fass (a.k.a. Dacapo)