Surveillance | Sousveillance

Surveillance / Überwachung bezeichnet die zielgerichtete Beobachtung und Informationserhebung von Personen, Gegenständen und Orten. Oft wird »CCTV« (closed circuit television) als Bezeichnung dafür verwendet was übersetzt soviel wie »geschlossenes Videoüberwachungssystem« bedeutet.
Das Akronym dazu wäre dann nach meiner eigenen Definition das OCTV (open circuit television), ein offenes Videoüberwachungssystem. Diese begriffliche Eigenkreation als Gegenteil von Überwachung passt begriffserweiternd zur sogenannten Unterwachung. »Sousveillance« wurde durch den amerikanischen Professor Steve Mann als “watchful vigilance from underneath” (engl. „aufmerksame Wachsamkeit von unten“) geprägt. Er formte das Konzept als Kritik an Bestrebungen in Richtung eines Überwachungsstaates. Sousveillance beschreibt die Umkehrung des Überwachungsweges, welcher sich in der Regel wie folgt darstellt. Die wenigen Priviligierten sind durch »Über-Wachung« in der Lage die Masse von oben zu beobachten. Bei der Unterwachung dreht sich dieses Konzept um, die überwachte Masse sieht sich in die Lage versetzt, selbst die obigen Institutionen oder Personen mit Sonderrechten, zu beobachten, kontrollieren, zu unterwachen. Steve Mann forscht auf den Gebieten des Wearable Computing und erweiterte Realität und hat mit Geräten wie dem EyeTap technische Hilfsmittel entwickelt, mit dem Normalbürger ohne Umstände dauerhaft Bilder ihrer Umgebung aufzeichnen können. Diese Mittel dienen in erster Linie dem Selbstschutz um im Zweifelsfall etwas nachvollziehen zu können, eine Dokumentation mit forensischem Anspruch. Dieses Prinzip ist heute etwas verquer bereits im Alltag und formales Unterbewusstsein eingedrungen. Situationsdokumentation, bei Unfällen oder bemerkenswerten Momenten, werden blitzschnell von Smartphones festgehalten und landen nicht selten direkt im Internet. Dort werden die Inhalte meist nicht wieder verschwinden, es ist ein Datenspeicher und Überwachungsinstrument, nicht durch die Regierung sondern initiiert durch Privatpersonen für Privatpersonen. Genutzt werden diese Daten allerdings auch von Regierungen um profilings anzulegen. Genutzt wird dieses Instrument häufig zur Faktenerhebung bzgl. Tatverläufe. Wer war wann und wo, lässt sich auch durch das Internet beweisen. Die Dokumentation des individuellen Lebens ist durch das Internet stark vereinfacht geworden. Fast schon verkommen zur Banalität wird Selbstdokumentation betrieben.
Quellen für diese Inhalte sind social media, diese bieten einen Kanal um individuelle Überwachung privat bereitzustellen. Personen beobachtet sich selbst und vermittelt diese Informationen an alle anderen öffentlichen Teilhaber. Sie liefern also ihre eigene Überwachung. Sind somit gleichzeitig Überwachter und Überwachender. Die ideale Unterwanderung und Unterwerfung von Überwachnug. Es scheint, als ob das Konzept Überwachung nicht mehr nötig wäre wenn doch so gehäuft Unterwachung im Alltag praktiziert wird um im Notfall all diese Daten zu verwenden um ein möglichst ganzheitliches Bild einer individuellen Situation als Collage, durch Bruchstücke unterschiedlicher Personen zusammengefügt zu analysieren.
Der Überwachungsapparat der ehemaligen DDR zeigte eine offensive Überwachung der gesammten Bevölkerung. Dies stellte einen enormen personellen Aufwand da welcher heute scheinbar nicht mehr nötig ist. Dieser Prozess ist passiv ohne das jemand diesen Prozess bewachen muss. Das moderne Überwachungssystem ist über die Vorstellungen der Vergangenheit hinausgewachsen, individualisiert und konsequent, uneingeschränkt agierend, durch die überwachten Subjekte selbst mit Daten gefüttert.
Diese Überlegungen führen mich zu »Weltentwerfen« von Friedrich Borries. Der Architekt, Kurator, Theroetiker und Hochschullelehrer schreibt, dass das gesellschaftliche System der Gegenwart auf Suggestion basiert. In dieser sogenannten Suggestionsgesellschaft erfolgen Entmächtigung und Unterwerfung freiwillig. Dieser neue Typ von Gesellschaft beruht nicht mehr auf Disziplinierung und Kontrolle (Überwachung), sondern ist durch Freiwilligkeit geprägt. Eine postfaktische Gesellschaftsform? Die Suggestion, die Täuschung, prägt die Gesellschaft. Teile der Gesellschaft begeben sich selbstinitiativ in Kontexte von denen bekannt ist, dass sie genutzt werden um zu überwachen und zu manipulieren. Diese Kontexte beschränken sich allerdings nicht auf Social Media und das Internet. Entscheidend für diesen Umstand ist, schreibt Borries, bestehende Zwangsstrukturen auszublenden um Freiheit zu simulieren. Es werden Umstände und Zusammenhänge gefiltert, ausgeblendet, ignoriert und gekonnt manipuliert um diese Täuschungsstruktur aufrecht zu halten. Es tritt die Selbsttäuschung an stelle der kritischen Perspektive. Paradoxerweise kennzeichnet sich die Entmächtigung durch das gezielte Simulieren oder Vortäuschen von Entfaltungsmöglichkeiten. Das Individuum wird getäuscht, es scheint, als würden ihm Handlungsmöglichkeiten angeboten (Services), diese entpuppen sich bei genauerem Betrachten aber als entmachtende Struktur. Ich kann nicht aus dem System, den Angeboten, entfliehen. Ich kann nichts wahrnehmen was mir nicht angeboten wird außer aber ich ermächtige mich darüber hinweg und generiere selbst ein neues Angebot, eine entwerferische Handlung. Dadurch würde man den überwachten Angeboten entkommen indem man einen unterwachenden Service anbietet. Dieses wiederum muss mit dem vorhandenen, überwachenden System arbeiten. Die Entmächtigung in der Konsumkultur, schreibt Borries, wird nicht als Entmächtigung erlebt sondern als Bereitstellung von Erlebnis und Entfaltungsmöglichkeiten. ”Überwachung wird als Service verstanden, Unterwerfung als Selbstverwirklichung.” Diese Vordefinierung von Handlungsmöglichkeiten ist das »scripting« einer Gesellschaft welche sich durch Täuschung und Selbstbetrug selbst konditioniert hat. Faktisch sind alle Angebote, Serviceleistungen, Möglichkeiten, Handlungs- und Entscheidungsspielräume vorgegeben. Das Postfaktische daran ist die suggerierte und scheinbar allgmein verinnerlichte Vorstellung, dass diese Scripte Freiheiten darstellen würden. Es geht um Selbstbestimmung, Entscheidungsfreiheit und den Willen dazu. Das Entwerfende Individuum setzt sich über diese angebotene, unterwerferische Möglichkeiten hinweg und entwirft unterwachende Systeme welche zwangsläufig im überwachenden System eingebunden sein müssen um agieren zu können. Das Unterwerfende ist Gegenteilig, es entzieht sich selbst der Möglichkeiten neues zu schaffen und bleibt stets im Rahmen der Vorgaben um indirekt dadurch Überwachung zu gewährleisten. Interessanterweise muss das Entwerfende mit dem Unterwerfenden zusammen arbeiten um das System zu ändern, die Suggestion erweitern, das scripting umschreiben nach den Regeln des gegnerischen Systems.
Unterwachung — Entwerfen | Überwachung — Unterwerfen. Sich den Fakten fügen. Fakt ist, das Prinzip Überwachungsstaat ist überhohlt, hat sich selbst überholt oder möglicherweise eben bewusst überholen lassen. Die Etablierung sozialer Netzwerke und die damit einhergehende Eigenüberwachung der Bevölkerung ist ein mächtiges Tool zum scripten. Angebote erzeugen, direkt aus dem Alltag und den Wünschen der Zielgruppe ist ein gangbares Mittel um Konsumkultur noch diverser auszuprägen und gezielt Kundschaft anzusprechen. Überwachung ist nicht nur Teil eines Sicherheitsdesign oder System, sondern ist gewachsen zu einem ökonomischen Faktor. In einer Zeit, in der You-Tuber ein Beruf ist, man keine Webseite öffnen kann ohne personifizierte Werbung bzw. InternetKaufhäuser gezielt Artikel nach deinem persönlichen Kaufprofil vorschlagen, ist es gut nachvollziehbar sich ein gesundes Maß an Skepsis gegenüber Überwachung zu bewahren.
Es scheint, als sei Unterwachung vom Gegenpol zum einverleibten Teil des Überwachungsprinzips avanciert. Als solches ist Überwachung in der Lage ihre Aufgaben zu erfüllen ohne selbst aktiv daran beteiligt zu sein, ein Methodenwechsel der sich durch eine entwerfende — unterwerfende Konsumkultur bezahlt macht.
