Lasst uns die Digitalisierung nicht zerreden

In den letzten Tagen kamen immer wieder Anfragen zu Veränderungsprojekten auf uns zu, alle zum Thema der digitalen Transformation und digitalen Wandel – und das aus ganz unterschiedlichen Branchen: Pharma, Banken, Sozialwirtschaft und auch Kirche. Und nun bin ich selbst mittendrin. Seit Tagen diskutieren Kirche und kirchennahe Vertreter über die Form und den Status der “Digitalen Kirche” in Deutschland.

Datasette

Spätestens die Headline verrät einiges über das Alter. Und ich musste mich heute selbst zwicken und eingestehen, dass es doch mittlerweile schon über 30 (!?!) Jahren zurück liegt, dass ich mit Freunden in guten 8-bit Zeiten begann, an Heimcomputern herum zu schrauben, bis der Arzt kam.

Nun, etliche Jahre später, finde ich mich in vielen Strategie- und Veränderungsprojekten wieder, die in der letzten Zeit auffällig immer mehr als Kernthema die “Digitalisierung” und „Digitaler Wandel“ zum Gegenstand bekommen haben. Und dabei lässt sich schwerlich ein gemeinsamer Nenner übersehen, denn unabhängig von der Größe und Herkunft stehen alle Organisationen sehr ähnlichen Herausforderungen gegenüber:

  • Ungewissheit: Für viele ist noch nicht klar, wohin der digitale Wandel sie führen wird, was die Digitalisierung ist, was sie mit sich bringt und wie weit sie reichen wird. Wie erfolgskritisch ist der digitale Wandel für unsere Zukunft und was sind die Voraussetzungen für ein Gelingen? Solche Fragen sind nun auch auf Vorstandslevel aufgekommen.
  • Unklarheit: Daher verwundert es nicht, dass es (noch) an strategischer Klarheit fehlt und Zielstellungen und Vorgehen noch offen sind. Es fehlt an Definitionen und an einem klaren Bezugsrahmen für einen Diskurs. Wie können wir die #Digitalisierung lebendig und greifbar machen, bevor keiner mehr dieses Wort hören kann. Worüber reden wir eigentlich, über digitale Essenspläne oder über tiefgreifende Veränderung in unserem Geschäftsmodell – und wie bekommen wir alle mit an Board?

Und so sitzen alle in einem Boot, das oft eher einem Versuchslabor gleicht (positive). Es verwundert daher nicht, dass viele Organisationen aktuell erheblich Energien aufwenden, um Initiativen und Programme aufzusetzen und eifrig nach „Digitalisierungsmanagern“ zu suchen. Und Kirche?

Seit einigen Tagen gibt es eine größere Diskussion um die „Digitale Kirche“, auf die ich hier gerne näher eingehen möchte:

1. Worum sich die Diskussion dreht

Die in der Diskussion wieder zu findenden Meinungen und Haltungen sind genauso vielfältig, wie die Kirche selbst (positive). Das reicht vom Vorwurf, dass die Kirche einmal mehr „hinten dran“ sei, was die Auseinandersetzung mit einem großen Zeitthema betrifft und geht bis hin zu praktischen Formatvorschlägen für eine Diskussion. Der Vorwurf „Kirche hat einmal mehr den Anschluss verpasst“ ist in der Tat nichts Neues. Bedenkt man, dass die Kirche eine der ältesten Organisationsformen überhaupt ist, dürfte es nicht verwundern, wenn sie sich wenig flexibel und wandlungsfähig zeigt.

Meines Erachtens bleibt hier außer Betracht, dass sich einerseits vor einigen Jahren Landeskirchen schon auf den Weg gemacht haben, erhebliche Budgets von „analog“ auf „digital“ umzuwidmen, um bspw. moderne Collaboration-Systeme, Social Media Konzeptionen, Web-Baukästen für ihre Gemeinden usw. auf den Weg zu bringen – und auf der anderen Seite zeigt sich, dass viele große Organisationen in Deutschland in der Tiefe auch nicht viel weiter sind. Es existieren auch in Industrie, im Gesundheitswesen und in der Sozialwirtschaft noch erheblicher “Nachholbedarf”. So sind Prozesse, Geschäftsmodelle branchenübergreifend noch längst nicht durch-digitalisiert und unter Berücksichtigung des digitalen Wandels neu gestaltet. Auch hier trifft man immer wieder auf einen „Inner-Circle“ und insbesondere auf junge Generationen, die der eigenen Institution vorhalten, zu langsam und nur zögerlich auf den digitalen Wandel einzugehen.

2. Unter dem Eisberg

Hierin offenbart sich ein bisher wenig benannter Kern der Diskussion: Möglicherweise geht es gar nicht allein um die „Digitalisierung“, sondern es geht um einen tiefgreifenden Wandel, den die neue digitale Welt offenbar macht. Ein Wandel, der vielleicht mehr durch eine Veränderung im Denken, in Haltungen in Bezug auf (digitales) Leben und Arbeiten geprägt ist und sich insbesondere auch im Generationswechsel niederschlägt. Dabei tun sich naturgemäß große Organisationen erheblich schwerer mit dem Wandel, als kleine Start-ups. Die Frage der “Digitalen Kirche” ist also auch eine organisationale.

Ein Treiber spielt dabei sicher auch das Auseinanderfallen von privatem und beruflichem Leben: Generationsübergreifend stellen wir fest, dass unser Leben mehr und mehr Digitalisierung erfährt. Nutzen wir privat bspw. intensiv digitale Kommunikationswege, digitale Homesteuerung, Online Services für Banking und Bestellungen, digitale lokale Dienste und Navigation, Online Desktop Tools usw., trifft man in der Arbeitswelt noch auf papierbasierte Prozesse, Formulare, lange Entscheidungswege, wenig Transparenz und nur geringe Möglichkeiten, zum vernetzten (digitalen) Arbeiten – so auch in Kirche.

Doch eine Generationsfrage?

Und in der Regel kommen die Verantwortungsträger in Organisationen aus einer Generation, die vor allem analog geprägtes Arbeiten gewohnt sind. Die „Macht der Gewohnheit“ und die langjährig eingeübte und gelebte Kultur ist dabei nicht zu unterschätzen: Sie gibt ein Gefühl der Sicherheit und Stabilität – für jede größere Organisation und im Besonderen für Kirche ein wesentliches Identifikationsmerkmal.

Und dennoch glaube ich persönlich, dass es eine Offenheit für den (digitalen) Wandel gibt und es nun gilt, neue, systematische Wege zu finden, wie dieser gelingen kann. Dabei ist es nicht verwunderlich, dass die disruptiven Innovationen und die Schnelligkeit der Digitalisierung mit den hohen Anforderungen unserer Zeit (VUCA) zu wahr genommenen „Entscheidungslähmungen“, Vorbehalten und Zurückhaltungen führen, die auch die aktuelle Diskussion zur „digitalen Kirche“ prägen.

Bitte nicht nur Social Media

Die Diskussion und die Beiträge drehen sich zu einem großen Teil um den Umgang mit Social Media – und dies nahezu ausschließlich in einer Gruppe, die selbst eine hohe Affinität zu Social Media hat. Dies birgt die Gefahr, dass Argumentationen sehr eindimensional geführt werden. Ich möchte mich gerne denen anschließen, die dafür plädieren, neue Formate zu finden, die die Betrachtung weiterer Sichtweisen und Aspekte ermöglicht – beispielsweise ein bewusst analoges Format mit erweiterten Kreis auf Bundes- und Landesebene (tbd).

Und dennoch ist die Bereitschaft der Kirche, sich auf digitalen Kommunikationsebenen abzubilden, ein Indikator für die Bereitschaft eines digitalen Wandels und lässt auf die wahre Tiefe des Eisberges schließen.

3. Ebenen des digitalen Wandels

Um die Tiefe der Digitalisierung zu ergreifen, lohnt es sich für die Diskussion, die Ebenen und Tragweite des digitalen Wandels zu betrachten, hier eine Möglichkeit:

Echter (digitaler) Wandel betrifft bei der Betrachtung nicht nur die Ebene der Prozesse, wie bspw. im Kommunikation gestaltet wird. Es betrifft auch nicht nur das „Kerngeschäft“, bspw. Gemeindearbeit („digitale Seelsorge“ u.a.). Es betrifft auch die Art und Weise, wie wir denken, miteinander interagieren, unsere Sprache und Organisationsgrammatik u.v.m.

Wollen wir Vorhaben zur Digitalisierung bewerten und diskutieren, helfen u.U. Fragen aus dem Innovationsmanagement:

  • Inhaltlich: Was ist neu (digital) und in welchem Umfang?
  • Nutzerorientiert: Digital und akzeptabel für wen?
  • Normativ: Digital gleich erfolgreich? Erfolgreich in welcher Hinsicht?
  • Prozessual: Wo beginnt, wo endet die digitale Neuerung?

Dabei ist es für eine Diskussion auch wichtig, sich des Paradigmas bewusst zu sein, dem die Kirche wie auch andere Organisationen gegenüber stehen: Echter Wandel, ausgelöst durch disruptive Innovationen, bedeutet auch, dass wir den Ausgang und das Ergebnis (heute) noch nicht abschließend kennen und ergreifen können.

4. Wie ein Diskurs gelingen kann

Daher braucht es Formate für einen Diskurs – und Rahmenbedingungen, wie dieser gelingen kann. Ich möchte daher gerne einen Anfang für eine Diskussion machen und ein paar Thesen aufstellen (was für ein Wort in diesem Jahr), welche Voraussetzungen förderlich für einen fruchtbaren Diskurs sein könnten:

1. Es braucht ein Bewusstsein und einen offenen Diskurs darüber, was Digitalisierung und digitaler Wandel bedeutet. Dieser kann und muss auf unterschiedlichen Ebenen geführt werden.

2. Dieser Prozess ist offen zu gestalten, um echten Paradigmenwechsel zuzulassen. Allein der Ruf danach wird ihn noch nicht gestalten. Festlegungen – ähnlich wie in Kreativ-Prozessen – sind hierbei hinderlich.

3. Es braucht Raum für Experimente und eine Kultur der Offenheit und Fehlertoleranz. Kirche ist aufgefordert, diesen Raum zur Verfügung zu stellen und zu moderieren – unter Berücksichtigung von Punkt 1 und 2. Wenn dieser Raum nicht zur Verfügung steht, werden Innovationen sich außerhalb der aktuellen Möglichkeiten eigenen Raum suchen.

4. Es braucht neben einer Prozessoffenheit bewusst Schnittstellen für Impulse von außen. Die Notwendigkeit, das Momentum und die Dringlichkeit für einen Wandel wird so ermöglicht und gefördert. Anders herum: Eine „digitale Kirche“ kann nicht allein aus Erkenntnissen eines selbstreferenzierenden Systems entstehen.

5. Es bedarf eines theologischen Diskurses: Auch tiefgreifender Wandel berücksichtigt immer die Grundidee. Daher wird die digitale Kirche sich auch immer als Kirche selbst fragen müssen, wie sie ihrem Auftrag und ihren Wesenselementen gerecht werden kann. Dieser Diskurs ist für das Etablieren von neuen Formen essentiell.

6. Bei aller Diskussion hilft es, sich auf eigene Stärken zu besinnen: Digitale Kirche wird ihrer Tradition und Stärke gerecht, normative Diskurse in einer sich verändernden Gesellschaft zu führen und moderieren zu können. Wenn sich Kirche hier nicht als Moderator und Partner anbietet, werden bspw. ethische Diskussionen (10 Gebote, permanently online, u.a.) außerhalb der Kirche oder ohne Kirche geführt.

7. Es braucht Diversität und Vernetzung: Die Kraft für Innovationen liegt in der Beteiligung und in der Verknüpfung von unterschiedlichen Erfahrungen, Fachkompetenzen und Sichtweisen. Wandel braucht ein Ringen um neue Ansätze und eine interdisziplinäre Methodik, die Kirche gut bereitstellen kann.

8. _______________ (your call).

Und in alldem kann Kirche hier ihre normative Stärke gut ausspielen, denn die Diskussion zeigt, dass es zentrale Werte braucht: (Digitaler) Wandel ist Kulturveränderung und damit sind wir wieder bei ganz essentiellen Grundfragen. Und genau das motiviert mich persönlich, die Diskussion zu verfolgen und mitzugestalten.

Ich freue mich auf viele Ergänzungen und eine lebhafte Diskussion.