7 Göttinnen — Kritik

Der indische Regisseur Pan Nalin beschäftigt sich in seinen Filmen seit vielen Jahren mit den Themen Gesellschaft, Religion und Sinnlichkeit. Im Mittelpunkt steht bei ihm die spirituelle Suche innerhalb des Kontextes dieser Themen. Dieser Ansatz wird auch in seinem neuen Filmdrama 7 Göttinnen deutlich, versucht Nalin doch einen der brisantesten gesellschaftlichen Konflikte seiner Kultur einzufangen: in teils sinnlichen, teils dokumentarischen Bildern zeigt er sieben Frauen, die den Wunsch hegen, von der Gesellschaft geachtet und geschätzt zu werden, sich jedoch mit patriarchalischen Strukturen und grenzenlosem Machismo konfrontiert sehen. Bereits in den ersten Minuten legt der Film seine Weichen und gibt einen Vorgeschmack auf die dem Konflikt innewohnende latente Aggressivität, die sich jederzeit zu entladen droht.

Zu Beginn wird der Zuschauer sowohl von der unruhig schwankenden Kamera als auch von einer übereiligen Einführung der Charaktere geradezu überrumpelt. In den hastigen Aufnahmen liegt der Wille des Regisseurs, in einem dokumentarischen Stil die Realität auf die Leinwand zu bannen. Das ist durchaus verständlich, auch wenn es sich im weiteren Verlauf mit der sinnlichen Bildästhetik zu beißen scheint. Der schwerwiegendere Fehler liegt hingegen in den abgehetzten Einblicken in das alltägliche berufliche Leben der Frauen. Der Film verpasst die wichtige Gelegenheit, die nicht auf den Mund gefallene Modefotografin Frieda (Sarah-Jane Dias), die aufsässige Aktivistin Nargis (Tannishtha Chatterjee), die feinfühlige Bollywood-Sängerin Madhurita (Anushka Manchanda), die kompromisslose Businessfrau Suranjana (Sandhya Mridul), die begabte angehende Schauspielerin Joanna (Amrit Maghera), die freundliche Seele Lakshmi (Rajshri Deshpande) und die resignierende Vorzeigehausfrau Pamela (Pavleen Gujral) als eigenständige Individuen vorzustellen. Damit wird der beabsichtigten Kritik an der bestehenden altbackenen gesellschaftlichen Ordnung der Wind aus den Segeln genommen. Da hilft auch eine plakativ vorgetragene, vor Wut überschäumende Auflehnung der Frauen nichts. Der Zuschauer ist orientierungslos und flüchtet sich in eine unproduktive Distanz zu den Charakteren.

Als die Frauen zusammenkommen und eine Art Junggesellinnenabschied feiern, bietet sich die Gelegenheit, hinter die zum ewigen Lächeln verdammten Gesichter zu schauen und auf die Verfassung der Frauen einzugehen. Visuell kommt an diesem Punkt die Sinnlichkeit ins Spiel, die aber keinesfalls von dringlichen Dialogen oder menschlichen Interaktionen begleitet wird, sondern den Zuckerguss auf einer dahindümpelnden Oberflächlichkeit bildet. So tritt nur eine Ahnung zutage, wie es um die Innenwelt der Frauen bestellt sein könnte. Das Persönliche hält sich in Grenzen, die angesichts der Thematik hätten überschritten werden müssen.

Erst als es plötzlich zur tragischen Zuspitzung des Konflikts kommt und die Geschlechter aufeinandertreffen, findet der Film zu seiner politischen Schärfe und Nachdrücklichkeit. Was ihm auf der intellektuellen Ebene nicht gelingt, holt 7 Göttinnen auf der physisch-emotionalen Ebene teilweise wieder auf, sodass die zentrale Botschaft doch noch ihren Weg in die Köpfe der Zuschauer finden kann. So kommt der Originaltitel des Films, der „Angry Indian Goddesses“ lautet, sichtbar zum Tragen. Denn der Zorn steckt tief in den weiblichen Mitgliedern der indischen Gesellschaft und der Film beschreibt, wie diesem Luft gemacht wird, auch wenn er noch nicht in klare Gedanken zu fassen ist. Und was die Konsequenz aus gedankenlosen Taten ist, damit wird der Zuschauer ebenfalls schonungslos konfrontiert.

Fazit

Der Originaltitel ist bei Pan Nalins neuem Film Programm. Am Beispiel von sieben „zornigen Göttinnen“ weist er auf die Konsequenzen von unterdrückten Konflikten innerhalb der indischen Gesellschaft hin, die mit der patriarchalischen Vorherrschaft zu tun haben. Zwar sind die filmischen Mittel vom Regisseur unglücklich gewählt und das Drehbuch hat deutliche Schwachstellen, doch lässt sich eine gewisse Feinfühligkeit für die Thematik im Film nicht übersehen. Die wichtige Botschaft wird hier weniger intellektuell vermittelt, als mit der emotionalen Keule ins Hirn des Zuschauers geprügelt. Eine Variante, die Erfolg haben kann, auch wenn sie einseitig erscheint.

Diese Kritik ist zuerst auf Moviebreak.de erschienen. Folgt uns dort:

Autor: Jonas Göken


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