Captain Fantastic — Kritik

Ben (Viggo Mortensen — “A History of Violence”) ist Genie, Perfektionist und bekennender Misanthrop: Er verachtet das kapitalistische System unserer Welt, flieht gemeinsam mit Frau und Kindern in die Natur, fernab all unserer kultureller Normen und Zwänge und versucht seine Brut in dieser Umgebung als einzigartige Genies aufzuziehen, die die Bezeichnung “individuell” wirklich verdienen und nicht nur vortäuschen. Zur Morgenroutine der Familie gehören daher anstrengende Wettläufe und Sportübungen, zum Abendprogramm gibt es Quantenphysik und erweiterte Medizin. Ben formt seine Sprösslinge zu hochbegabten Realisten ohne jedweden sozialen Kompass und ist zufrieden mit seinem Schaffen. Bis die Idylle eines Tages von einem tragischen Ereignis heimgesucht wird und Familie Cash sich gemeinsam der so verhassten weiten Welt stellen muss.

Um es gleich zu Beginn klarzustellen: Bei “Captain Fantastic” handelt es sich natürlich nicht um einen Superheldenfilm (obwohl die Vorstellung eines Helden-Blockbusters mit Viggo Mortensen in der Hauptrolle durchaus verlockend wäre). Vielmehr handelt es sich, trotz des komödiantisch anmutenden Inhalts und der schrulligen Filmbilder, um ein ernstzunehmendes Familiendrama rund um Angst, Verlust und letztlich Kompromiss. Inszeniert wurde der Film von Matt Ross, der sich in Filmen wie “American Psycho” oder “Face/Off” eigentlich eher als Schauspieler in Hollywood wiedergefunden hatte. Als Regisseur und Autor trat Ross bisher nur bei Kurzfilmen sowie dem Drama “28 Hotel Rooms” in Erscheinung. Mit Captain Fantastic verarbeitet der Amerikaner nun so etwas wie eigene, von Isolation und Angst geprägte Kindheitserlebnisse. Und siehe da, auf Regisseur Ross sollte man in Zukunft ein Auge haben, zeichnet sich sein Captian Fantastic, abgesehen von ein paar Schwächen, doch als realistisch angehauchtes, feinfühliges und vor allem erstaunlich erwachsenes Drama aus, das ein schweres Thema in weiten Zügen angemessen und in erstaunlich persönlicher Manier behandelt.

Bevor wir uns in der Kritik auf die Oberfläche und den Inhalt des Films stürzen, sollen die tollen Darsteller von Captain Fantastic hervorgehoben werden, die hier teilweise bravouröse Leistungen abfeuern. Gerade die verschiedenen Jungdarsteller um Annalise Basso (“Oculus) und Shree Crooks (“American Horror Story”) wirken niemals störend und geben ihren Figuren die nötige realistische Sogkraft, was gerade im Kontext der jungen Charaktere, die hier teilweise amerikanisches Recht fehlerfrei herunterrattern müssen, äußerst beachtlich ist. Ross lässt seinen Darstellern merklich Freiraum mit ihren Figuren umzugehen, was sich auch an George McKays (“Pride”) Bo ausdrückt, dessen Gestik und Mimik seiner Figur eine Tiefe geben, die allein durch gesprochene Zeilen nicht ausdrückbar gewesen wäre. Unantastbar funktioniert bei Captain Fantastic aber Viggo Mortensen als Ben Cash. Mortensen versteht es erstaunlich gut seiner Figur eine Aura aus herablassendem Alleswissertum und sympathischer Melancholie zu verleihen, ohne dass diese zwei sich widerstrebenden Emotionen jemals unpassend oder forciert erscheinen. Man könnte gut und gerne an Mortensens Figur herumkritisieren, wirkt sie doch oftmals nur wie ein Sprachrohr für Ross‘ Ansichten auf unsere Welt. Aber Mortensen schafft es seinem Ben Glaubhaftigkeit zu verleihen, ohne dabei je ins überdramatische abzudriften. Bravo.

Auch inhaltlich überzeugt der Film vor allem durch seine sehr strukturierte, aber niemals aufdringliche Narrative. Captain Fantastic darf sich mit seinen Figuren entfalten, Exposition wirkt hier nur selten überhastet, sondern im Filmkontext stets stimmig. Gerade die Konflikte, in die die Figuren mit der Zeit geraten, wirken nachvollziehbar und packend, weil der Film sie dem Zuschauer nicht von Anfang an aufs Auge drückt, sondern sie sich logisch entwickeln können. Auch vor einem nötigen Augenzwinkern verwehrt sich Captain Fantastic in diesem Zuge glücklicherweise nicht. Dass die Figuren bei dieser Prämisse nämlich ab und an in höchst abstrakte Situationen kommen (wenn Bo zum Beispiel ohne Schulausbildung problemlos in jede große Universität hineinkommt, aber nicht weiß wie er mit Mädchen umgehen soll), ist selbstverständlich und Ross scheut sich nicht davor sie mit einer humoristischen Note anzupacken. Der Fokus des Films liegt dennoch nicht in der Komik dieser Momente, sondern ihrer Tragik. So wird der Film vor allem in der ersten Hälfte zwar immer wieder durch viele Schmunzel-Szenen aufgelockert, am Stärksten ist Captain Fantastic aber immer dann, wenn er seine schrulligen Figuren wirklich ernst nimmt. Ross liegt etwas an seinen Außenseitern, weswegen wir immer mit ihnen und fast nie über sie lachen.

Im Zuge dieser sehr ernsten Betrachtung seiner Figuren, gleitet Ross dann aber doch ein ums andere Mal in überdramatische Gefilde ab. Das hängt vor allem mit der recht schwülstigen Musik des Films zusammen, die oft wie ein plakativer Störenfried in diesem sonst sehr subtilen Erlebnis wirkt. Die emotionalen Spitzen des Films funktionieren aber trotzdem, auch wenn sie irgendwann relativ absehbar werden. Bens notwendige Erkenntnis, dass die ihm so verhasste Welt seinen Kindern auch gut tun und sie wertvoll in Dingen unterrichten kann, die nicht aus Büchern kommen, mag zwar kein Augenöffner sein, sie macht in ihrem emotionalem Gewicht innerhalb des Films aber Sinn. Captain Fantastic zeigt beide Seiten der Medaille, ohne allzu oft in ein einseitiges Statement abzugleiten, welcher Lebensweg denn nun besser ist oder nicht. Nur ab und zu kann sich Ross eine recht plakative Gesellschaftskritik nicht verkneifen. Und diese wirkt dann meist eher forciert.

Ebenfalls angreifbar ist eine fehlende Konsequenz innerhalb des Films. Zuschauer, die ihre Botschaften über die Realität der Welt am liebsten kalt und unerbittlich serviert haben wollen, werden bei Captain Fantastic hier und da wohl ins Kopfschütteln verfallen, gibt sich der Film in vielerlei Hinsicht doch überraschend versöhnlich. Und durchaus, ab und an werden manche Konflikte zu schnell fallen gelassen oder zu Gunsten von eher versöhnlichen Momenten gleich ganz ignoriert. Das mag dann vor allem gegen Ende hier und da etwas sauer aufstoßen, der Film schafft es aber trotzdem seine Geschichte rund zu Ende zu bringen, weil Captain Fantastic seine Figuren lernen und Dinge besser machen lässt, anstatt sie in Tiefen der Unentrinnbarkeit zu schicken. Und so funktionieren die emotionalen Höhen des Films, trotz diverser erzählerischer Versäumnisse, ganz ausgezeichnet. Ein wirklich schönes Filmerlebnis.

Fazit

“Captain Fantastic” ist ein erstaunlich gefühlvoller Film über Angst und Einsicht, über Ignoranz und Kompromiss, der seine schrulligen Figuren mit viel Respekt und Ernsthaftigkeit behandelt und daher, trotz einiger narrativen Ungereimtheiten, leichter Überdramatisierung und fehlender Konsequenz, mit einem äußerst runden Gefühl der Befriedigung entlässt. Großartig gespielt und schön in Szene gesetzt, überzeugt “Captain Fantastic” zudem durch eine angenehme Subtilität und Ruhe. Hier wird Exposition über weite Strecken logisch und nachvollziehbar vorangetrieben, was bei der Fülle von Figuren und Konflikten kein Selbstläufer ist. Matt Ross hat hier einen wirklich erwachsenen Film abgeliefert, der seinem eigenen Anspruch zwar nicht immer gerecht wird, in dramatischer Hinsicht aber um einiges weitsichtiger vorangeht als viele vergleichbare Genrebeiträge.

Autor: Thomas Söcker

Diese Kritik ist zuerst auf Moviebreak.de erschienen. Folgt uns dort: