Erschütternde Wahrheit - Kritik

Einst war Will Smith (“Men in Back 3“) einer der erfolgreichsten und charmantesten Darsteller, die Hollywood zu bieten hatte. Nicht nur zeigte er fiesen Drogendealern und zerstörerischen Aliens wo es lang geht, auch die dramatischen und komödiantischen Töne standen dem Amerikaner ausgezeichnet (auch wenn sich hier und da natürlich etwas Ermüdung einstellte). Heute ist es ruhiger um Smith geworden, seine Filmographie der letzten Jahre strotze mit Vertretern wie “After Earth“ oder “Focus“ nicht gerade vor Hochkarätern, seine Auftritte in der Öffentlichkeit wurden rarer und die Euphorie um den Superstar schwand. Mit “Erschütternde Wahrheit“ meldet sich Will Simth nun zurück. Und obwohl ihm die Academy eine Nominierung für den Oscar verwehrte muss man doch feststellen: Diese darstellerische Rückmeldung hat Wucht! Leider überträgt sich das aber nicht auf den Rest von “Erschütternde Wahrheit“, welcher neben einem starken Will Smith zwar durchaus im Ansatz überzeugen kann, dem es im Endeffekt aber an der nötigen Konsequenz mangelt.

Bevor Smith Ende des Jahres in “Suicide Squad“ wieder auf knallharte Action setzen darf, wird also zunächst die emotionale Seite bedacht. Die wahre Geschichte des Arztes Dr. Bennet Omalu, der als erstes auf die nachhaltigen gesundheitsschädigenden Folgen des American Footballs hingewiesen und sich damit ins Zielfeuer der sportfanatischen Bevölkerung begeben hat, bietet dabei genug Stoff für ein emotional aufrüttelndes und packendes Drama. In unseren Breitengraden mag man das zunächst hinterfragen, immerhin ist unsere Bindung zum Football nicht ganz so groß, Regisseur und Drehbuchautor Peter Landesman (“Parkland”) gestaltet seine Geschichte aber dennoch spannend genug, dass auch jeder, der kein Football-Enthusiast ist, hier mitgerissen werden kann.

Denn insgesamt zeichnet sich “Erschütternde Wahrheit“ durch ein überraschend gelungenes Pacing aus: Die Geschichte wird spannend, aber nicht überdramatisch erzählt, die medizinischen Hintergrundinformationen wirken selten gestelzt oder zu sehr vereinfacht. Wenn man “Erschütternde Wahrheit“ erzählerisch einfach auf sein Thema reduziert, steckt hier ein starker, interessanter und mitreißender Film. Dies wird, wie gesagt, durch eine wirklich bemerkenswerte Performance von Will Smith sowie durch eine stimmige Atmosphäre und Inszenierung unterstrichen. Natürlich verfällt der Film in mancherlei Moment zu sehr ins bekannte “Oscar-Bait“-Territorium, wenn mancher Monolog sich allzu dramatisch und pathetisch inszeniert, insgesamt hält sich”„Erschütternde Wahrheit“ aber angenehm mit diesen Szenen zurück und verlässt sich nicht ausschließlich auf die Präsenz seines Hauptdarstellers.

Am Ende ist es eine fast schon schändliche Mutlosigkeit, die “Erschütternde Wahrheit“ in die Mittelmäßigkeit drückt. Denn wirklich konsequent fährt der Film seine Linie nicht. So wird der American Football zwar immer wieder für seine schädlichen Folgen angeprangert, zu einem definitven Statement lässt sich der Film dann aber nicht hinreißen. Viel schlimmer sogar: “Erschütternde Wahrheit“ versucht in diesem Zuge einen Spagat aus Kritik und Hommage, der einfach nicht gelingen will. Hier wird der Football genauso oft glorifiziert, wie er kritisiert wird, was selbstverständlich weder der Botschaft, noch der Figur von Dr. Omalu wirklich gerecht wird, ging dieser bei seinem Vorgehen doch nur wenige Kompromisse ein und blieb seiner Linie treu. Der Film vollbringt das nicht und verlässt sich lieber auf eine unangenehme Unentschiedenheit zwischen erhobenem Zeigefinger und erhobenen Händen, um dem amerikanischen Publikum ja nicht zu sehr auf die Füße zu treten.

Hinzu kommen einige narrative Ungereimtheiten und Zweckmäßigkeiten. So verkommt der Nebenplot um Omalus Frau (Gugu Mbatha-Raw) zum emotional extrem offensichtlichen Zweckmittel, welches nur für einige Spannungsmomente missbraucht wird und welches daher auch niemals emotional funktioniert. Auch die leicht penetrante Christlichkeit wirkt eher oberflächlich abgefrühstückt, ebenso wie der teils unangenehme Patriotismus. “Erschütternde Wahrheit“ verfällt abseits seines interessanten Hauptplots einfach zu oft in nervige Klischees und untergräbt seine eigene Hauptfigur mit einer mutlosen Unentschiedenheit, die sie nicht verdient hat.

Fazit

Hinter all der platten Gefühlsduselei und dem unangenehmen und im Kontext des Themas sogar unangebrachten “Football-Fuck-Yeah“-Patriotismus, steckt ein wirklich guter Film, der sich durch gut gelungenes Pacing, eine interessante Geschichte sowie einen starken Hauptdarsteller auszeichnen kann. Leider fehlt “Erschütternde Wahrheit“ aber der Mut auf seine Stärken zu setzen, was den Film letztlich zum massentauglichen Drama degradiert. Schade.

Diese Kritik ist zuerst auf Moviebreak.de erschienen. Folgt uns dort:

Autor: Thomas Söcker


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