Hell or High Water — Kritik

Bereits in den ersten Szenen von Hell or High Water beschwört David Mackenzie (Mauern der Gewalt) eine klassische Atmosphäre aus einem der ältesten Genres der Filmgeschichte herauf. Auf dem Weg der Bankangestellten zu einem neuen Arbeitstag in ihrer Filiale ertönen schwermütige Geigen und leise Frauengesänge auf der Tonspur, bevor die Frau vor dem Eingang des Gebäudes von zwei maskierten Männern überfallen und zur Herausgabe des Geldes gezwungen wird.

Der britische Regisseur inszeniert seinen Film von Anfang an wie einen klassischen Western, wovon nicht nur die geradezu schwermütigen Klänge der musikalischen Untermalung zeugen, für die Nick Cave (20.000 Days on Earth) und Warren Ellis (Nick Cave & The Bad Seeds: The Videos) zuständig waren, sondern auch die staubig-schwülen Aufnahmen von West Texas, einer Region, die ohnehin wie aus der Zeit gefallen wirkt. In diesem ländlichen Setting irgendwo in den Südstaaten scheinen sich die Leute gerne noch etwas langsamer zu bewegen und nach einem eher entschleunigten Rhythmus zu leben, was gleichzeitig zu dem Stil von Mackenzies Regie passt, der Hell or High Water als gemächlich brodelnde Mischung aus Heist-Thriller, Neo-Western und Texas-Noir anlegt.

Diese Idylle in dem überschaubaren Städtchen wird jedoch durch die Taten von Toby und Tanner durchbrochen, die es sich, wie anfangs schon beschrieben, zur Aufgabe gemacht haben, verschiedene Banken auszurauben. Die Brüder gehen dabei nach einem gezielten Schema vor, bei dem sie eher kleinere Banken anvisieren, in der sich so wenige Kunden wie möglich befinden. Als Beute nehmen sie ebenfalls nur kleinere Scheine an sich, damit größere Beträge nicht zu ihnen zurückverfolgt werden können. Hinter der Motivation der beiden steckt allerdings keine bloße Geldgier, sondern das Ziel, die hinterlassenen Schulden der kürzlich verstorbenen Mutter abbezahlen und ihr Farmhaus behalten zu können. Schon bald werden zwei örtliche Texas Rangers auf die Verbrechen der Brüder aufmerksam und verfolgen die Spur von Toby und Tanner.

Das Drehbuch von Taylor Sheridan (Sicario) folgt hierbei einer äußerst geradlinigen, entschlackten Linie, auf der sich die Überfälle der Brüder mit der Ermittlungsarbeit der Texas Rangers abwechseln. Neben der einfach gehaltenen Geschichte, die sich an altmodischen Strukturen des Genres orientiert, offenbaren sich genauere Feinheiten viel mehr in der Zeichnung der unterschiedlichen Figuren. Ben Fosters (Contraband) Tanner kommt hierbei der typische Part des unberechenbaren, launischen Draufgängers zu, der sich ohne große Überlegungen ins Geschehen stürzt, während sein von Chris Pine (Star Trek) gespielter Bruder der wesentlich interessantere Charakter ist. Toby will das Farmhaus behalten, jedoch nicht für sich, sondern für seine beiden Söhne, die es geerbt haben. Da auf dem Grundstück außerdem Öl gefunden wurde, will er die Rechte an diesem verkaufen, damit er sich ein finanzielles Einkommen für seine Familie sichern kann. Dass er zu seiner Ex-Frau und den Jungs in einem kalten, distanzierten Verhältnis steht und von einem seiner Söhne während eines Gesprächs gesagt bekommt, dass dieser gar nicht wüsste, was er mit einem Haus auf dem Land anfangen solle, macht die Situation nicht gerade einfacher.

Pine, der bislang eher als charmanter Schönling besetzt wurde, hat auch in dieser Rolle nichts von seiner glatten, attraktiven Ausstrahlung verloren, doch als Toby ist er verschlossener und nachdenklicher als sonst, während es in einer Szene zu einem körperlichen Ausbruch von ihm kommt, der so schockierend wie überraschend geschieht. Überhaupt ist die Gewalt ein unglaublich nachhallender Faktor in Mackenzies Werk, denn der Regisseur platziert die brutalen Momente mit einer punktuellen Präzision, so dass ausnahmslos jeder davon mit maximaler Effizienz und oftmals wie aus dem Nichts einschlägt. Auch die Tatsache, dass in diesem Film offenbar jeder Bürger eine Waffe bei sich zu tragen scheint, schafft einerseits einen unangenehm aktuellen Bezug, während Hell or High Water durch diesen Umstand noch stärker wie ein Western wirkt, der sich im Hier und Jetzt niedergelassen hat.

Auf der Seite des Gesetzes steht Jeff Bridges (The Big Lebowski) als gealterter Texas Ranger, der kurz vor dem Ruhestand steht. Der Schauspieler spielt seine Figur mit der gewohnten Kantigkeit, hinter der immer wieder trockener Humor durchscheint, doch wie auch schon Tommy Lee Jones’ (Im Tal von Elah) Charakter aus No Country for Old Men, dem Neo-Western-Meisterwerk der Coens (Blood Simple), wirkt er zunehmend wie ein Relikt, das in den vielfältig begründeten Unruhen der Gegenwart zunehmend der Überforderung unterliegt.

Fazit

Mit “Hell or High Water” hat Regisseur David Mackenzie einen Film geschaffen, der zwar in der Gegenwart angesiedelt ist, sich aber trotzdem wie ein klassischer Western anfühlt. Die Geschichte von zwei Brüdern, die kleinere Banken ausrauben und dabei von zwei Texas Rangers verfolgt werden, bedient sich zwar durchgehend an altmodischen Genre-Strukturen, wird von Mackenzie aber atmosphärisch zum Schneiden dicht inszeniert und in den richtigen Momenten mit überraschend schockierender Härte und präziser Spannung verdichtet, während alle Schauspieler, vor allem Chris Pine, Ben Foster und Jeff Bridges, ihre Rollen ebenso überzeugend wie ambivalent verkörpern.

Autor: Patrick Reinbott