In a Valley of Violence — Kritik

Auch wenn sein Frühwerk qualitativ nicht unbedingt von Offenbarungen gespickt ist, hat Regisseur Ti West (The Sacrament) über die letzten Jahre hinweg die Gunst einer treuen Fangemeinde erlangt. Filme wie The House of the Devil oder The Innkeepers atmeten den Geist großer Genre-Glanztaten aus den 70ern oder 80ern, waren durch das selbstbewusste Handwerk des Regisseurs allerdings weitaus mehr als reine Hommagen. Indem West konventionelle Jumpscares praktisch vollständig aussparte, sich somit gegen moderne Trends durchsetzte und mithilfe einer grandios verdichteten Atmosphäre gekonnt an das annäherte, was man unter wahrem Horror verstehen darf, entwickelte sich der mit 36 Jahren noch recht junge Amerikaner zu den interessantesten, talentiertesten Genre-Regisseuren der Gegenwart. Sein mittlerweile achter Spielfilm markiert nun erstmals eine Abkehr aus vertrautem Territorium, denn West hat einen waschechten Western gedreht.

Wie ein einsamer Wolf, dem nur sein Hund Abbie Gesellschaft leistet, reitet die anfangs noch namenlose Figur von Ethan Hawke (Before Midnight) in die geisterähnliche Stadt. Eigentlich wollte der wortkarge Rumtreiber, der sich später als Paul vorstellen wird, nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen, um anschließend weiter nach Mexiko zu reisen, doch er gerät mit dem hitzköpfigen, überheblichen Sohn des Marshal in einen Konflikt. Nachdem Gilly von Paul eine erniedrigende Abreibung erfährt, schlägt er mitten in der Nacht mit seiner Bande zurück und zieht nach einer brutalen Tat den gesamten Hass des Reisenden auf sich.

Im Vorfeld war In a Valley of Violence durchaus mit großer Spannung zu erwarten, denn wenn ein Regisseur dazu in der Lage ist, ein alteingesessenes Genre durch herausragendes Handwerk und durchdachte Kombination einzelner Elemente mit pulsierenden Impulsen zu versehen, dann mit Sicherheit West. Leider entpuppt sich dieser Ausflug in neue Gewässer als Enttäuschung, denn auch wenn die typische Handschrift des Regisseurs beinahe durchgängig erkennbar ist, krankt der Film an seinem uninspirierten, generischen Drehbuch, in dem sich West stur an teilweise überholten Klischees abarbeitet und zu keinem Zeitpunkt aus dem simplen, extrem dünnen Gerüst eines vorhersehbaren Rache-Plots ausbricht.

Hawke fügt sich optimal in seine Rolle des stoischen Einzelgängers ein, der lediglich durch kleine Nuancen dafür sorgt, dass man die innere Zerrissenheit seiner Figur erkennt, doch im weiteren Verlauf der Geschichte ist auch er nicht viel mehr als ein eindimensionaler Racheengel, der eine gnadenlose Exekution an die nächste reiht. Mit den anderen Figuren verhält es sich ähnlich, vor allem John Travolta (Pulp Fiction) als brummiger, eher unfreiwilliger Widersacher wirkt deutlich unterfordert. West ergötzt sich mit sichtlicher Freude an dem schnörkellosen Szenario, indem er den Showdown praktisch über das gesamte letzte Drittel streckt, doch nichtsdestotrotz fühlt sich der Film eher wie eine kompetent inszenierte Fingerübung an, die weitaus weniger Herzblut ausstrahlt als vergießt.

In manchen Einzelmomenten scheint die gewohnte Klasse des Regisseurs immer noch durch, wenn West vor allem die frühen Konfrontationen sowie Eskalationen mit seiner markanten Inszenierung zu atmosphärisch unglaublich dichten Szenen formt, und auch der Score von Jeff Grace stellt eine fast schon verschwenderische Offenbarung dar, die gleichzeitig den absoluten Höhepunkt dieses Films markiert. In a Valley of Violence verfällt durch die vielen Klischees, unter denen beispielsweise die Dialoge fast schon wie aus einer Parodie wirken, aber immer wieder in belanglosen Durchschnitt.

Fazit

Für Ti West gilt leider die abgegriffene Redewendung des Schusters, der bei seinen Leisten bleiben sollte. Der erste Versuch von einem der interessantesten, talentiertesten Horror-Regisseure der Gegenwart, einen Western zu drehen, entpuppt sich als herbe Enttäuschung. Auch wenn “In a Valley of Violence” einige grandios inszenierte Einzelszenen zu bieten hat und toll besetzt ist, verliert sich der Film durch ein ödes Drehbuch, welches angestaubte Genre-Klischees stur aneinanderreiht, wodurch der Film nie mehr ist als ein belangloser, kompromissloser Rache-Reißer, dem es erzählerisch an Innovationen und Überraschungen jeglicher Art mangelt.

Autor: Patrick Reinbott