Suburra — Kritik

Wie der Vater, so der Sohn? Der Anfang stimmt jedenfalls zuversichtlich, dass Stefano Sollima die großen Fußstapfen seines Erzeugers auszufüllen vermag. Papa Sergio Sollima machte sich durch clevere Genrefilme wie Der gehetzte der Sierra Madre, Von Angesicht zu Angesicht oder Revolver — Die perfekte Erpressung in den 60er/70er-Jahren einen Namen. Seine Werke funktionierten nicht nur oberflächlich als Western oder Poliziottesco, vermittelten gleichfalls reflektierte Perspektiven auf politisch- und gesellschaftsgeschichtliches Geschehen, beinhalteten oft einen spannenden, interessanten Subtext oder gar eine Meta-Ebene, die über den Standard des Genres hinausreichte.

Schon Stefano Sollimas erster Spielfilm A.C.A.B. : All Cops Are Bastards ging in diese Richtung und erntete überwiegend gute Kritiken, ebenso wie seine Arbeiten bei Gomorrha — Die Serie. Suburra erinnert somit nicht nur zufällig stark an den der Serie zugrunde liegenden Kinofilm Gomorrha — Reise in das Reich der Camorra von 2008, der sich von jeglicher Cosa-Nostra-Romantik lossagte und das schmutzige, triste Alltagsgeschäft des modernen, organisierten Verbrechens in Italien nüchtern und schonungslos darbot. Das der Fisch meistens vom Kopf stinkt ist eine geläufige Floskel, doch gerade Bella Italia scheint diese und seinen Ruf als von Korruption und allmächtiger Kriminalität verseuchten, durchwuchertem Land nicht abschütteln zu können. Suburra beleuchtet anhand eines Unglücksfalls und der dadurch ausgelösten, fatalen und erdrutschartigen Spirale wie sehr auch heute noch (oder vielleicht so sehr wie niemals zuvor) alles miteinander verwoben ist. Von den kleinsten Fischen, den Prostituierten und den die Drecksarbeit erledigenden Handlangern bis auf die höchsten Ebenen von Staat und Kirche. Auch wenn die meisten von ihnen nicht im direkten Kontakt stehen und es sich nie eingestehen würden, irgendwie sitzen sie doch alle im selben Boot, das bei zu starkem Wellengang zu kentern droht und niemanden trocken ans andere Ufer kommen lässt.

Suburra scheint im ersten Moment bald ein episodenhaft erzählter Film zu werden. Viele verschiedene Figuren und Storyline-Ansätze, die augenscheinlich nichts oder nur sehr wenig gemeinsam haben. Relativ schnell finden sie jedoch zusammen und deuten bereits an, dass in der ewigen Stadt die Scheiße wie überall auf der Welt zunächst zwar nach unten fließt. Allerdings bildet sich ein massiver Rückstau, der zum unkontrollierbaren Selbstläufer wird. Im Stil des klugen, vielschichtigen Genrekinos z.B. eines Damiano Damiani (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert) gibt es keinen verklärenden, glorifizierenden Mafia- und Gangsterchic, nur erbarmungslosen, von Tristesse gezeichneten Realismus. Es gibt keine klaren Hauptfiguren, keine Main- oder Sideplots, dafür ist es zu sehr miteinander verknüpft und wird trotzdem nicht unübersichtlich. Zumindest nicht für den Zuschauer, der den Luxus genießt jederzeit den Überblick behalten zu können, den keiner der Charaktere jemals besitzen wird. Ihre Welten liegen eigentlich viel zu weit auseinander, meinen sie zumindest. Manche laufen sich nie über den Weg und dennoch hat ihr Handeln beinah unmittelbaren Einfluss auf ihr gegenseitiges Schicksal.

Fazit

Niemand hat das endgültige Sagen oder die volle Kontrolle, dafür ist es zu verwinkelt und weit gestreut. Am Ende bricht alles zusammen, aber wenn wir eines wissen, dann das es niemals aufhören wird. Die Plätze werden neu besetzt, die Lücken gefüllt und die Scheiße beginnt von vorn. So war es immer und so wird es vermutlich noch lange sein. Es sind alles nur Einzelschicksale, das Problem ist bedeutend größer und scheinbar auch nach Jahrzehenten nicht in den Griff zu bekommen. „Suburra“ ist modernes wie traditionsbewusstes, glanzlos-ehrliches Gangsterkino; Politthriller und pessimistische Gesellschaftsstudie auf hohem Niveau, mit dem Stefano Sollima das gelingt, woran viele Filmemacher der zweiten oder dritten Generation scheitern: Er begibt sich auf Augenhöhe mit seinem Vater, bringt sogar genügend Talent mit, um ihn eines Tages zu überflügeln. Ein größeres Lob kann es aus seiner Sicht wohl kaum geben. Schon jetzt vermutlich einer der interessantesten Filme des Jahres, der Lust auf mehr des „neuen“ italienischen Kinos macht.

Autor: Jacko Kunze