Zukunftsfilmmusik

Die Zukunft des Menschen auf diesem Planeten besteht aus Vernetzung. Digitale Vernetzung. Dies gilt auch für die Zukunft der Filmbranche. In all ihren Aspekten. Daher muß, wer auch nur einen Aspekt dieser Branche in die Zukunft führen will, den Blick auf das große Ganze richten. Sonst ist Scheitern über kurz oder lang vorprogrammiert.

In Sachen Zukunft des Films ist es zunächst einmal notwendig anzuerkennen, das sich die Wahrnehmungs-Vernetzung der Menschen zum Thema Bewegt-Bild jüngst mehrheitlich sehr verändert hat. Bis vor ungefähr fünfzehn Jahren war das Filmgeschäft und das filmen vor allem Profi-Angelegenheit. Vielleicht gab’s noch einen knauzigen Onkel in der Familie, der sich eine Mini DV Kamera leisten wollte. Heute hat fast jeder immer eine Kamera dabei. Bewegt-Bild — Video! — gehört zum Alltag. Die laufenden Bilder sind gefühlt überall zugegeben. Denn nur einen Upload-Click entfernt ist das teilen des gefilmten Erlebnissen mit der Welt auf der nächsten Plattform.

Kurzum: Das digitale hat einmal mehr voll zugeschlagen. Digitalisierung in jedem Bildformat. Dronen und GoPro’s helfen wie selbstverständlich POVs im Alltag sichtbar zu machen, von deren Realisierung noch zu Beginn der 2000er selbst Spielberg meist nur träumen konnte. Canon verkauft schon seit Jahren jedem, der kleines Geld mitbringt, eine Foto-Kamera, welche auch das einst so magisch fast unerreichbar eher für Profis reservierte Filmformat der 24 fps beherrscht.

All diese Verfügbarkeit hat aber erstaunlicherweise nicht das Ende für den Konsum professionell produzierter Film-Inhalte bedeutet hat. Eher im Gegenteil. “Filmed Entertainment” samt seiner Bruder- und Schwester-Formate, von Filmkunst über Serien, Reportage bis zu Dokumentarfilm oder Reality TV boomt auf allen Kanälen. Vielleicht gerade auch weil Menschen inzwischen anerkennen das gut informiert oder unterhalten zu werden eine Kunst für sich ist?

Wie dem auch im Detail sei. Der moderne Mensch und seine noch moderneren Kinder haben heute ein ganz anderes, ein, wenn man so sagen will, viel digitaleres, viel selbstverständlicheres Verhältnis zu Film im besonderen und zu Bewegt-Bild generell. Was aus meiner Sicht heißt: Wer heute mit Filminhalten sein Leben bestreiten will hat dazu bessere Voraussetzungen denn je zuvor. Content is king! Aber Mensch muß sich an den Zeitgeist adaptieren. Umstellen. Auf neues Einlassen. Seine Berechtigung, die Gunst der Eyeballs des Publikums zu erwerben, ganz anders verdienen als es einst üblich war.

Leider ist es aber aktuell weiter so, daß die deutschen Filmbranche immer noch in vielen Bereichen eine dramatische Ignoranz gegenüber der Digitalisierung mitbringt. Ich schreibe dramatisch, weil diese Ignoranz regelmäßig genau da ansetzt, wo sie beim Publikum, also beim zahlenden Kunden, auf größtes Unverständnis stößt. Das ist sehr ungut.

Eine Stadt lebt ein Festival. Das ZFF hat über die letzten Jahre sehr, sehr schön gezeigt wieviel Potential im Thema Film und Filmfestival stecken kann. 2018 in seinem 14 Jahr — ein junges Festival. Aber in Europa bereits einer der großen was Starpower und Publikums-Gunst und Filmauswahl angeht. (Bild vom Autor. — © 2018 Sascha Seifert)

Es könnte künftig darum noch recht blutig werden für manche Mitspieler in der Filmbranche. Zumindest wenn alles einfach so weitergeht. Denn das meiste, was so in der Welt passiert spricht nicht für den Sinn eines ignoranten Verhaltens. Weniger denn je. Nehmen wir zum Beispiel Kino-Zuschauer-Statistiken der FFA. Man tut sich schwer beim durchstöbern aus den Nutzer-Zahlen der deutschen Kinobranche wirklich frische Zukunftsmärkte herauszulesen. (Das Thema betrifft nicht Deutschland allein sondern ist in allen Schlüsselmärkten zu erleben; für den Moment beschränke ich mich hier aber auf meinen Heimat-Markt.) Schon fast fies wird’s, wenn man in den FFA Statistiken jene Segmente auszumachen versucht, welche bei jungen Menschen immer gefragter sein könnten (es finder sich diesbezüglich wenig ). Unschön. Geht es doch dabei unmittelbar um die Zukunft des Kinos. (Sollten die FFA-Zahlen nicht bekannt sein: Ich verlinke hier die FFA-Webpage. Durchschauen lohnt.)
 
 Wer “Wirtschaftliche Zukunft “und “Kinofilm” gemeinsam in einem Satz lesen möchte, der schaut am besten beispielsweise die Auswertungen von Wachstums-Zahlen bei Plattformen wie Amazon oder Netflix an. Sprich: Das ist dort, wo das Publikum ist. Noch nicht immer. Aber mehr und mehr. 
 
 Nun ist das alles im Moment zugegeben hierzulande noch kein wirklicher Hals- und Beinbruch. Derzeit schlagen sich die tradierten Geschäftsmodelle der deutschen Filmbranche im großen und ganzen immer noch recht ordentlich. 
 
 Zumal es ja auch Branchenteile gibt, wo es richtig, richtig rund läuft in den meisten Aspekten. Das gilt für das meiste was TV-Content-Produktion angeht beispielsweise. Oder die Produktion von Bewegtbild-Material für alle Arten von Online-Anwendungen. Bis hin zu deutschen Serien für die großen Streaming-Anbieter. 
 
 Aber die Disruption — oder, besser: die Innovation — durch das digitale rollt. Unaufhaltsam. Und man sagt dem digitalen nach, das es Geschäftsmodelle gerne erdrutschartig verändert. Sprich: Wenns passiert, ist es meistens schon zu spät was zu verändern. Wenn man mitten im Weg des Fortschritts steht wird man massiv überrollt. Wer bewusst zugeschaut hat wie es den finnischen Handy-Hersteller NOKIA vor einem Jahrzehnt innerhalb weniger Monate im Markt zerbröselt hat, weiß was damit gemeint ist. Oder: Netflix. Innerhalb von nur vier Jahren vom Markteintritt in Deutschland zum Namen in aller Munde. 
 
 Und das digitale hat eben die bereits erwähnte Eigenart am besten in Netzwerken zu funktionieren. So kam beispielsweise mit dem iPhone nicht nur das Gerät sondern auch das gesamte Apple-Eco-System aus iTunes-Store für Filme und App-Store millionenfach in die Taschen der Kunden. Oder selbst eine aus wirtschaftlicher Perspektive vergleichsweise gurkige Idee wie die MoviePass-Flatrate in den USA schlug schnell bis nach Deutschland derartige Wellen, sodaß sich einige Kinobetreiber hierzulande bereits verpflichtet fühlten auf den Zeitgeist “Flat” mit eigenen Angeboten der ähnlichen Art aufzuspringen. Daran, das inzwischen jeder Filmtrailer, und sei das Production-Value des Films auch noch so teuer, über die “Alles-Ist-Video”-Plattform YouTube sofort weltweit verfügbar ist, hat man sich ja inzwischen bereits gewöhnt. Und dann ist da noch Amazon. Jenes Unternehmen, welches mal eben so ganz nebenbei international zu einem der wichtigsten Branchen-Partner in Sachen VOD/Streaming wurde. Durch Integration seines Filmangebots in das firmeneigenen Prime-Angebot (eine weitere Flatrate übrigens). Zudem ist Amazon inzwischen auf der Produktions-Seite gefragter Auftraggeber für Produzenten. Im Indi- aber zunehmend auch im Mainstream-Bereich. (“Hallo, Multiplex-Betreiber! Lest ihr das?”)
 
 Nicht unerwähnt bleiben muß bei dieser Gelegenheit, daß die Filmbranche global, aber eben auch in Deutschland in den letzten 10, 15 Jahren damit erstmals eine Situation erlebt, welche vorher noch nie so gegeben war: Zwei der mit Abstand größten, einflussreichsten und wirtschaftlich stärksten Unternehmen (Hier, wichtig: Nicht reine Medienunternehmen!) auf diesem Planeten mischen im Filmmarkt mit: Amazon und Apple haben beide inzwischen einen Börsenwert, der jeweils über einer Billion US Dollar notiert. Für einige Filmbranchen-Teilnehmer sind damit zahlungskräftige Partner entstanden. Für andere große Wettbewerber um die Aufmerksamkeit der Menschen. 
 
 Das alles ist erst der Anfang. Das digitale wird unaufhaltsam immer mehr Lebens- und Geschäftsbereiche verändern. Auch im filmischen Bereich. Die Entscheidung darüber, das dem so ist wurde längst getroffen. Es wird sich nichts mehr wirklich stoppen lassen. Gut tut also daran, wer dies als Chance interpretiert und nicht als Bedrohung. 
 
 Aber, um zu erkennen was sinnvolles zu tun ist auf dem guten Weg in die Zukunft muß eben den sich verändernden Gegebenheiten Rechnung getragen werden. Manches regelt der Markt sehr gut. Bei anderem, und da wird’s kantig, versuchen einige Player, dem freien Spiel der Dinge aus eigener Unflexibilität oder Sturheit heraus einen Riegel vorzuschieben.

Dazu gehören aus meiner Sicht das wegschauen bei den Charakteristiken der Vernetzung. Sprich: Die Zukunft des Films, die Zukunft der Filmbranche, die Zukunft des Kinos lässt sich vor allem auch zum guten Beeinflussen, wenn die Zusammenhänge der Gesamtbranche berücksichtig werden. 
 
 Daher, aus dieser Überlegung heraus, im folgenden einige Denksportaufgaben für die Branche, deren Debatte und Beantwortung ich für sehr relevant halte.

  • Die ewige Suche nach einer universellen Erfolgsformel. Der Unterschied zwischen Kunst und Kommerz wird stets nur schwer zu kategorisieren sein. Aber wir könnten Erfolgs-Kriterien besser definieren ohne diese Unterscheidung abschließend zu treffen. Beispielsweise anhand von: Budget, Format, Genre, Schlüsselpersonen, Festival-Teilnahmen, Auszeichnungen, Besucherzahlen etc. — aber in einer gemeinsamen Auswertung. Wie könnte so eine Definitions-Matrix im Detail aussehen?
  • “Kinofilm”. “TV-Film”. Unterscheidungen, die das Publikum mehrheitlich praktisch nicht mehr interessieren; das Publikum kennt nur gute oder schlechte Filme die auf verschiedenen Plattformen verfügbar sind. Manchmal ist es heute bei den Kunden sogar viel besser angesehen, wenn der Film viel länger ist, bereits portioniert daher kommt und sich Serie nennt. Eine TV-/Kino-Unterscheidung als Grundlage für Gelder und Produktion sollte daher verabschiedet werden, de facto schon lange keine Rolle mehr spielen. Wer will sich aus welchen Gründen davon nicht verabschieden? Warum? Wie könnten wir als Branche den Abschied erleichtern?
  • Games. AR/VR. Hier müssen mehr Brücken geschlagen werden. Wer fängt damit an? Wo? Und wie?
  • Gesamtverband, fehlender. Warum tritt eine so wirtschaftsstarke Branche wie die Filmbranche in der Öffentlichkeit immer noch vor allem heterogen auf? Warum haben wir als Filmbranche immer noch keine wirklich alle Branchenteile übergreifende, massive Repräsentanz gegenüber Politik und Gesellschaft? Es wäre wichtig. Denn wir sind als Branche besser als ihr Ruf. Wir sind Wirtschaftskräftig. Wir prägen. Wir repräsentieren mit unserer Film-, Medien- und Gestaltungs-Kompetenz immer noch eine Zukunftsbranche. Das BMWI hat viele interessante Zahlen dazu veröffentlicht (Link dazu hier). Zumal: zum Verständnis des Begriffs “Filmbranche” stelle ich im Alltag große Differenzen fest. Was Filmschaffende darüber denken: “Das ist die Branche der Kinofilme. Und manchmal gibt’s einen TV-Film.” Was der Rest der Welt darüber denkt: “Das sind die Leute, die unsere YouTube-Videos machen”. 
     
     Die Wahrheit geht mal wieder durch die Mitte: Selbst größte Branchen-Namen erwirtschaften signifikante, lebenserhaltende Umsätze außerhalb der Vorzeige-Bereiche Kino- oder TV-Film. So oder so: Wir sollten also als Branche aufhören uns weit unter Wert zu verkaufen. 
     
     Ja, es gibt die SPIO. Allerdings präsentiert sich diese momentan noch sehr in tradierten Branchenmustern funktionierend. Mit solcher Herangehensweise werden die Herausforderungen der digitalen Zukunft leider kaum zu bewältigen sein. (Als kleiner, feiner Indikator sei hier nur am Rande die Ausgestaltung der aktuellen SPIO-Website genannt.)
     
     Fakt ist auch: Könnte sich die Filmindustrie als großes ganzes mit einer Stimme nach dem Vorbild erfolgreicher Industrieverbände repräsentieren, würde dies allen Branchenakteure helfen. Was wäre zu tun, damit solch ein Verband gelingt?
  • Hinter den Kulissen ist die Film-Branche längst (fast) komplett eine Digital-Branche. In der Außenwirkung präsentieren wir uns immer noch viel zu oft als eher fortschrittsfeindliche Kinder der frühen 1990er. Wie kann das geändert werden?
  • Big Data. Ich wage zu behaupten: Es gibt in 2018 keine weitere Branche, die so viel Publikums-Kontakt und Einfluss auf das Weltgeschehen hat wie die Filmbranche, aber so stiefmütterlich mit dem sammeln und auswerten ihrer Produkt-Daten umgeht. Dabei könnten wir absolut perfekt jede Art von Datenschutz übererfüllen und immer noch 250% mehr über unser Geschäft und unsere Chancen daraus lernen. Wie kann dieser Misstand behoben werden?
  • “Kino 2030” — Was ist unser Ziel für das Kino bezüglich gesellschaftlichem Stellenwert? Wer sitzt im Publikum? Und warum?
  • “Branchen-Flagschiff Kino” — Ein Ansatz für die Zukunft des Kinos könnte es sein, Kinos zum Filmbranchen-Flagschiff aufzubauen. Etwa ähnlich der Rolle und Strahlkraft, welche die Haute Couture für die gesamte Modebranche hat. Wie könnte die gesamte Filmbranche auf solch eine Entwicklung hinarbeiten?
  • “Experimentalfilm” ist nicht zuletzt auch Zukunftslabor. Das Genre braucht mehr Raum. Wie kann das passieren?
  • (Über)Leben. Warum sind in Deutschland und Europa so viele talentierte Film-GestlalterInnen so schlechte UnternehmerInnen? Was sollte sich an der Ausbildung ändern?
  • Film-Finanzierung in Europa. Sie hängt am Tropf der Förderungen. Wie findet die Branche zu mehr und besseren Kapitalmarkt-Finanzierungen?
  • Formate. FilmemacherInnen-Idee vs. Publikumsgeschmack. Woher nehmen wir als Branche das Recht es so oft besser wissen zu wollen?
  • “Der Film”. “Das Video”. In Zeiten von YouTube, Facebook, Instagram etc. in Allgegenwärtigkeit auf dem Smartphone wird umgangssprachlich dauernd fließend zwischen den Begriffen gesprungen. Viel zu oft steht dabei ganz unreflektiert ein Trailer (oder Kurzfilm), welcher ein Produktions-Volumen im Millionen-Bereich repräsentiert neben einem 30-Sekunden-Laber-Flash, den irgendein Kid in der U-Bahn auf dem Nachhauseweg “gemacht” hat. 
     
     Klar ist: Außerhalb der Filmbranche wird sich niemand am Misch-Masch der Begrifflichkeiten stoßen, geschweige denn versuchen ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Das Publikum interessiert sich nicht dafür. Die Platform-Betreibern ist es gerade recht so. 
     
     Fakt ist: Letztlich wird jede professionelle Film-Arbeit durch diese Situation der dauernden Begrifflichkeits-Gleichsetzung entwertet. 
     
     Es muß daher im Interesse der Filmbranche sein, ein Bewusstsein für die Unterscheide zu schaffen. Beispielsweise für die Unterschiede zwischen “User-Video” und “Filmtrailer”.
     
     Wie könnte solch eine Image-Kampagne aussehen? Wer könnte diese gestalten, koordinieren?
  • Filmförderung. Wie konnte es passieren das eine an sich gut gemeinte und auch recht gut gemachte Idee so derart in Verruf geraten ist? Innerhalb der Filmbranche ist die Kritik groß. Außerhalb wird allerorten vermutet das mehrheitlich “Unsinn” unterstützt wird. 
     
     Auch hier herrscht letztlich die Situation eines Image-Problems. Und ein massiver Klärungs-Bedarf über viele Sachfragen bspw. bezüglich der wachsenden Medienkonvergenz. Wie ist dem als Branche gemeinsam beizukommen?
  • Filmkritik. Ein essenzieller Bestandteil des Film-Kultur-Aspekts. Eine Teil des großen ganzen, der nicht mal mehr auf dem absteigenden sondern leider schon auf dem nahezu abgesägten Ast sitz. Eine ungute Situation. Gerade in Zeiten, in welchen insbesondere die Kinobranchen-Vertreter wieder verstärkt auf den Bildungs- und Kulturaspekt ihrer Angebote verweisen sollte hier versucht werden gemeinsam wieder für stabilere Plattformen zu sorgen. Prgrammkino.de beispielsweise führt diese Idee ja schon länger zumindest ansatzweise (weil im Genre beschränkt) sehr gut vor. — Wie kann so etwas ähnliches branchenweit zu Stande kommen und sogar einigen Menschen ein wirtschaftlich erträgliches Leben als Berufskritiker ermöglichen?
  • Film-Festivals. Relevanter Teil der Filmbranche in all ihren Facetten. Meistens findet sich aber zu wenig Berührung mit Publikum über die Branche hinaus. Viele Screenings verhallen nahezu ungesehen. Dabei könnten stärkere Festivals starke Signale senden. In Sachen Publikums-Resonanz. In Sachen Einspiel-Ergebnisse. In Sachen Marketing. In Sachen Publikums-Bindung. In Sachen Filmbildung. etc. — Was könnte branchenweit getan werden um hier mehr Momentum zu generieren?