Blinder Fleck in der Statistik

Kampagne gegen Mädchenhandel kommt nach Hamburg

Unter anderem an der Hamburger U-Bahn-Station Sternschanze hängen die Not-for-Sale-Plakate. Foto: Niklas Golitschek

Hamburg. 100 Jahre Wahlrecht, Emanzipation, Gleichberechtigung: Zum Internationalen Frauentag am 8. März lässt sich auf zahlreiche Errungenschaften zurückblicken, die Frauen in den vergangenen Jahrzehnten errungen haben. Doch wäre mittlerweile alles im Gleichgewicht — es bräuchte diesen Tag nicht.

In eine ganz andere Richtung zeigt der Trend etwa bei den Opfern bezahlter Vergewaltigungen: Laut der ersten international durchgeführten Studie „Offenders on the Move“ (deutsch: Reisende Täter), die 2016 von der Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung, Ecpat, veröffentlicht wurde, stieg diese Zahl in den meisten untersuchten Regionen sogar an; [1]. „Besonders in Ländern, in denen Reisen und Tourismus zugenommen haben“ habe auch die sexuelle Ausbeutung von Kindern zugenommen.

In den Jahren 2015 und 2016 — dem aktuellsten Berichtszeitraum — meldete die Europäische Kommission 19.000 registrierte Fälle von Menschenhandel in die 28 EU-Länder[2]. 23% davon waren Kinder; und in mehr als der Hälfte aller Fälle handelte es sich um sexuelle Ausbeutung. In Deutschland wurden im Lagebericht für Menschenhandel 2017 163 minderjährige Opfer kommerzieller sexueller Ausbeutung erfasst[3]. Die Dunkelziffern werden höher geschätzt.

Kampagne gegen Mädchenhandel

Fakten, die auch Lena Reiner bewegt haben. Die Fotografin aus Friedrichshafen will den Fokus mit einer Kampagne auf dieses Thema lenken. „Das Problem ist real, riesig — und der Aufschrei bleibt aus“, sagt die 30-Jährige. Mit Schülerinnen aus der Bodensee-Stadt hat Reiner deshalb vergangenes Jahr eine Fotoreihe umgesetzt. Auf Großflächenplakaten zierten die Jugendlichen mit der Aufschrift „not for sale“ das Straßenbild. Nicht zu verkaufen. Ergänzt wurden die Plakate um Fakten zur Problematik sowie Anlaufstellen und Hinweisen auf weitere Quellen. „Mädchen im Alter von zwölf bis 16 Jahren sind die Hauptbetroffenengruppe“, führt Reiner aus. Deshalb konzentriere sich ihre Fotoreihe auch auf Mädchen in diesem Alter. „Es fehlt an Aufklärung, gerade auch unter Leuten, die sich für sehr informiert halten. Das bewiesen auch die Reaktionen von Eltern auf die Plakate.“ Denn die Mehrheit der Opfer stammt aus Deutschland. Mit der sogenannten Loverboy-Methode etwa würden sie häufig in die kommerzielle sexuelle Ausbeutung geraten. Deshalb will Reiner mit Workshops an Schulen für diese Masche sensibilisieren.

Not for Sale wird in Workshops mit Schülerinnen umgesetzt. Foto: Lena Reiner

Eine Aktion, die auch der Verein Ecpat in Deutschland begrüßt. “Jeder Fall, der aufkommt, wird als Einzelfall stilisiert”, sieht Dorothea Czarnecki, Referentin für Kinderhandel und Kinderschutz bei Ecpat, ein Problem im Umgang mit der sexuellen Ausbeutung von Kindern. Daher bedürfe es einem öffentlichen Bewusstsein, dass es sich nicht um ein Randphänomen handele. Viele Fälle würden gar nicht erkannt, weil sich die Opfer schämten und unter Druck stünden. Das führe dazu, dass sie sich niemandem anvertrauen. Insbesondere bei deutschen Mädchen, die die laut Statistik die Mehrzahl der Opfer ausmachen, “tut sich das Hilfenetzwerk schwer, ranzukommen”, sagt Czarnecki. Häufig fühlten sie sich trotz des Missbrauchs mit den Tätern verbunden: “Gerade beim Grooming ist ganz viel Manipulation dabei. Deswegen ist die Arbeit an Schulen ganz wichtig. Sie erreichen die Jugendlichen und könnten noch viel mehr machen.” Umso wichtiger sei die Bildungsarbeit Reiners. Was den Schutz vor Kinderhandel und –missbrauch betrifft, seien viele EU-Staaten weiter als Deutschland. Mit dem 2018 vom Bundesfamilienministerium in Ecpat veröffentlichten Bundeskooperationskonzept[4], durch das Jugendamt, Polizei, Fachberatungsstellen besser zusammenarbeiten sollen, sei ein Schritt in die richtige Richtung gemacht worden.

“Drehscheibe des Menschenhandels”

Seit Dienstag, 5. März, sind Lena Reiners Plakate für mehrere Wochen an verschiedenen Standorten in Hamburg zu sehen. „Sie sollen so weit wie möglich gestreut werden, sodass niemand wegschauen kann“, sagt Reiner. Die Wahl für Hamburg mit seinem berüchtigten Rotlichtviertel um die Reeperbahn auf St. Pauli war dabei naheliegend. “Die Kampagne ist super”, sagt Annika Huisinga vom Landesfrauenrat Hamburg und von der Hamburger Gruppe der Frauenrechtsorganisation Terres des Femmes: „Durch die liberalen Gesetze ist Deutschland eine Drehscheibe des Menschenhandels.” Für sie sei es unglaublich, dass der Hamburger Kiez als Touristenattraktion diene und damit auch noch geworben wird. Berichte von ausgestiegenen Frauen zeigten, dass der Alltag von Gewalt geprägt sei und die Betroffenen erheblich unter Druck gesetzt würden. Das 2001 erlassene Prostitutionsschutzgesetz habe eine gegenteilige Wirkung erzielt, die meisten Frauen würden ihre Tätigkeit gar nicht anmelden. “Der Frauenkörper ist in Deutschland noch immer eine Ware und kann gekauft werden. Das wirkt sich schlecht auf die Gesellschaft und das Frauenbild aus”, bilanziert Huisinga.

Not-for-Sale-Plakat an der Station Legienstraße. Foto: Niklas Golitschek

Trotz aller Fortschritte in den vergangenen Jahrzehnten, wird gerade auch beim Menschenhandel deutlich, dass noch deutlich mehr für Frauenrechte getan werden kann.

Info: Weitere Informationen zum Thema gibt es online unter www.nicht-wegsehen.net. Dort können auch verdächtige Vorfälle gemeldet werden. Opfer von Menschenhandel können sich an das bundesweite Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen” unter der 08000/116 016 wenden. Es ist kostenlos, barrierefrei, vertraulich und in 18 Sprachen verfügbar; auf Wunsch vermittelt es an spezialisierte Fachstellen.

[1] https://www.ecpat.org/wp-content/uploads/2016/05/Offenders-on-the-Move-Final.pdf

[2] https://ec.europa.eu/home-affairs/sites/homeaffairs/files/what-we-do/policies/european-agenda-security/20181204_data-collection-study.pdf

[3] https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Menschenhandel/menschenhandelBundeslagebild2017.html?nn=27956

[4] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/bekaempfung-von-menschenhandel-braucht-aufklaerung-und-kooperation/117668