Waldbrände in Griechenland: Leben nach der Schockstarre

Der Wiederaufbau in der Region Attika kommt nur langsam in Gang.

Die Schäden sind noch immer sichtbar.

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Auch Wochen nach den Waldbränden lag der Geruch von verbranntem Holz noch in der Luft. Kilometerlange Flächen von schwarzen Bäumen und bis zu den Grundfesten zerstörte Häuser bezeugten Anfang September in Rafina das Flammeninferno, das Ende Juli durch die Region im Osten Athens zog. Nach Angaben des EU-Erdbeobachtungsprogramms Copernicus verbrannten etwa 3200 Hektar Fläche – das entspricht einer Größe von etwa 4500 Fußballfeldern.

Von den Bergen lässt sich das Ausmaß der Waldbrände überblicken.

Ganze Viertel sind in der Folge unbewohnbar geworden. Ausgebrannte Autos, zerstörte Möbel und Überreste von Habseligkeiten verbreiteten eine postapokalyptische Atmosphäre in den Wohnblöcken. Einzig streunende Hunde und Katzen belebten die Straßenzüge. Menschen kamen erst langsam wieder, um die Schäden zu beseitigen. Vorher erfassten die Behörden das ganze Ausmaß und behoben die gröbsten Schäden, entsorgten ausgebrannte Autos, brachten Holz weg.

Familie Spiridis in ihrer Unterkunft…

Kostas und Eleni Spiridis haben in den Feuern alles verloren, das Haus ist unbewohnbar. Die Familie hat sich vorher weitgehend selbst versorgt. Die Invalidenrente des 39-Jährigen reichte für das Nötigste, als Imker, Eierverkäufer und mit kleineren Jobs verdiente sich die Familie etwas dazu. „Ich habe auch Holzarbeiten gemacht“, erzählte Kostas Spiridis bei einem Gespräch Anfang September. Zwei der drei Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren gingen zur Schule.

„Ich weiß nicht, wie lange wir hierbleiben.”

Von den 63 Bienenstöcken sind 17 geblieben, die Ziege sowie teilweise Kaninchen und Hühner haben überlebt. Der Hund und zwei der Katzen nicht. Die Katzenbabys konnte Eleni noch retten. Nun wohnt die fünfköpfige Familie in der Nähe ihres ausgebrannten Hauses auf rund 25 Quadratmetern in einer alten Militärkaserne, die die Regierung für die Brandopfer geöffnet hat. Mit den Betten und der kleinen Kochnische plus Bad ist der Raum auch schon voll. Selbst der Esstisch steht nur an der Wand, um den Durchgang nicht zu versperren. „Ich weiß nicht, wie lange wir hierbleiben“, sagte Kostas Spiridis. Es war eine der häufigsten Antworten, die die Betroffenen über Fragen zu ihrer Zukunft gaben: Ich weiß nicht. „Im Dorf wird viel gesprochen, aber es tut sich nichts“, beklagte Eleni Spiridis. Eine neue Wohnung könnten sie sich nicht leisten – zu hoch seien die Mieten mittlerweile. Gleiches habe für die Versicherung gegolten, die Familie Spiridis wie viele andere deshalb nicht abgeschlossen hatte. Zu teuer.

… viel ist von ihrem Haus nicht übriggeblieben.

Für die Bleibe in der Militärkaserne zahlen die Bewohner nichts, auch Essensausgaben organisieren die Behörden. Auf dem Gelände hat sich ein kleines Dorfleben entwickelt. Bei gutem Wetter treffen sich die Einwohner im Freien, Kinder spielen auf dem Spielplatz. Sie alle verbindet die Geschichte von Verlust. Bleiben möchte hier auf Dauer dennoch niemand. Dass wenige Wochen nach dem Einzug ein Baum auf eines der Hausdächer gefallen war, trug auch nicht zum Wohlbefinden bei. Wer Verwandte mit Platz hat oder einen Zweitwohnsitz, der hat die Region bereits verlassen.

Staatliche Hilfe

Staatliche Hilfe gibt es für die Betroffenen. Doch weil die Liste alphabetisch abgearbeitet worden sei, könne sich das hinauszögern. Auch sechs Wochen nach den Bränden hatte die Familie Spiridis noch keinen Euro der Soforthilfe gesehen. Die Behörden informierten, dass alle Betroffenen Entschädigungen erhalten sollen. Bis zu 5000 Euro etwa bei Verletzungen durch die Feuer und 550 Euro pro zerstörtem Quadratmeter Wohnfläche. Allerdings auch nur für die Teile, die legal gebaut wurden. Nicht angemeldete Anbauten oder Bauten im Allgemeinen werden dabei nicht berücksichtigt. Einige Betroffene müssen dadurch mit weniger Geld rechnen, als sie tatsächlich Wohnfläche zur Verfügung hatten.

Die Garage nebenan (rechts) ist abgebrannt, Nadia Kerasidus Haus blieb jedoch nahezu unversehrt.

Glück im Unglück hatte Nadia Kerasidu. Ihr Wohnblock in Kokkino Limanaki ist wie der der Familie Spiridis fast komplett zerstört worden. Wie durch ein Wunder blieb ihr Haus fast unversehrt. Selbst der Garten brannte lichterloh, auch Wochen später steckte im Boden die geschmolzene Gartenbeleuchtung. Von der Gartenhütte waren nur noch ein paar Steine übrig. Anliegende Häuser waren bereits eingestürzt oder drohten zusammenzufallen. Doch mehr als ein paar Risse – wohl unbedenkliche – hatte Kerasidus Haus nicht abbekommen. „Das ging alles plötzlich innerhalb von Minuten, dicker Rauch. Da habe ich meine drei Hunde genommen und bin zum Auto“, erinnerte sie sich an die Brände. So entkam sie den Flammen weitgehend unbeschadet. Das ging nicht allen so, auch Freunde von ihr harrten stundenlang im Meer aus, bis sie gerettet wurden – alle anderen Wege waren versperrt. Sie selbst verlor in den Flammen ihre Ausrüstung für das Restaurant, das sie in Athen betreibt. Die muss nun neu gekauft werden. Doch bevor sie an Entschädigungszahlungen komme, benötige sie eine Unterschrift ihres Bruders, dem das Haus zur Hälfte gehöre.

“Mir ist immer schwindelig und ich bin müde.”
Das Nachbarhaus ist komplett ausgebrannt, das Dach eingestürzt.

Sie kann zwar weiterhin in ihrem Haus wohnen, doch Nadia Kerasidu litt unter den Folgen der Brände. „Mir ist immer schwindelig und ich bin müde. Ich denke, wegen des Sauerstoffs“, schilderte sie. Sie vermutete, dass auch einer ihrer drei Hunde an den Folgen der Brände gestorben ist. Über die Arbeit der Behörden sagte sie: „Sie machen etwas, aber es sind viele Dinge zu erledigen. Sie können die Masse an Arbeit nicht bewältigen.“ Bei ihr seien es etwa Freiwillige aus der Nachbarschaft gewesen, die in kurzer Zeit die gröbsten Schäden im Garten beseitigt hätten. „Die bezahlten Leute kamen und haben nichts getan“, kritisierte sie.

Auswirkungen auf die Natur

Auch auf die Natur hatten die Waldbrände beträchtliche Auswirkungen. Doch ebenso wie die zerstörten Wohngebiete könnten auch die Landschaften ihr nun tristes Erscheinungsbild wieder ablegen. „Ein typisches mediterranes Ökosystem wird seine Wunden früher oder später heilen“, sagte Elias Tziritis, Lokalkoordinator beim World Wide Fund For Nature (WWF) in Griechenland. In der Region Attika wachsen vor allem Kiefern, Machhie-Gebüsche und Tannen in den höher gelegenen Regionen*. Das Ökosystem dort sei immer wieder von Bränden betroffen, die Vegetation beginne anschließend einen dynamischen Prozess natürlicher Regeneration*. Daher sei es lediglich bei Tannenwäldern notwendig, das Gebiet aufzuforsten. „Es ist nur dringend notwendig, die Region vor jeglicher Änderung der Landnutzung, illegaler Beweidung und Bodenerosion zu schützen“, betonte Tziritis*. Denn das führe ebenso wie wiederholte Waldbrände und Bodenerosionen zu Wüstenbildung und behindere eine natürliche Erholung.

Die von der Waldbrand betroffene Fläche. Quelle: Copernicus Emergency Management Service — Mapping

Anders sehe das für die Tierwelt in der Region aus. Säugetiere und Vögel könnten den Bränden zwar oft entkommen. Reptilien seien dagegen meist die Opfer solcher Ereignisse. „Für Tiere ist das Hauptproblem der Verlust von Lebensraum in Regionen wie Attika, die hoch besiedelt sind, und der Lebensraum für Wildtiere wird jedes Jahr weniger“, sagte der WWF-Experte. Wie sich die Tierbestände nach Naturkatastrophen entwickeln, hänge von verschiedenen Faktoren ab. Bei anderen, ähnlichen Waldbränden seien langfristig teils sogar positive Auswirkungen etwa für Rotwild zu beobachten gewesen: Die Tiere konnten die neu entstandenen Grasflächen nutzen. Goldschakale wiederum mussten sich neue Lebensräume erschließen. „Es hängt also vom Typ des verlorenen Lebensraums ab wie anpassbar die Tiere auf schwere und plötzliche Lebensraumänderungen wie Feuer sind“, schlussfolgerte Tziritis.

Der Geruch verfliegt, die Erinnerungen bleiben

Wochen nach den Bränden kommt die Schadensbeseitigung in der Region Attika nur schleppend in Gang. Bis die Betroffenen wieder ihre Häuser beziehen können, werden noch Monate vergehen – mindestens. Immer wieder ist auch zu hören, dass einige gar nicht mehr an ihren alten Heimatorten wohnen möchten. Dorthin zurück, wo Dutzende ihr Leben verloren, Hunderte verletzt wurden? Das ist nicht für alle denkbar. Die Natur mag sich erholen und die Gebäude werden wiederhergerichtet werden – die Erinnerungen und Traumata bleiben. Und es wird auch noch einige Zeit dauern, bis der Geruch von verbranntem Holz aus den Wäldern verfliegt.

Klar ist, dass dies nicht das letzte Unglück in Griechenland gewesen sein wird. Fluten, Feuer, Erdbeben – mit solchen Ereignissen müssen Bevölkerung und Tiere jedes Jahr aufs neue Umgehen. Im Fall der Waldbrände führe der Klimawandel unmittelbar zu einer erhöhten Gefahr, sagte der WWF-Experte. „Das wird die Situation in den nächsten Jahren noch schwieriger machen“, prognostizierte Elias Tziritis. Mehr Löschfahrzeuge und -flugzeuge allein reichten nicht aus, um der drohenden Gefahr angemessen zu begegnen. „Prävention beinhaltet alle Aktionen, die getroffen werden, bevor ein Waldbrand überhaupt ausbricht“, bekräftigte er. Deswegen müsse die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert und Feuer in der Hauptsaison verboten werden – eine unsachgerechte Holzverbrennung machte die Feuerwehr als Ursache der Waldbrände aus. Auf lokaler Ebene forderte Tziritis eine statistische Auswertung der Feuer, ihren Startpunkten, den Zeiten und den Risikotagen in jeder Region: „Die Daten jährlich zu analysieren kann die Maßnahmen aufzeigen, die die Behörden umsetzen müssen, um ihre Planung angemessen anzupassen.“ Brandschneisen oder das Zurückschneiden der Bäume seien ebenfalls Lösungsansätze, um das Ausmaß der Brände einzudämmen.

Feuerwehr und Polizei waren mit den Waldbränden in diesem Jahr überfordert.

Letztendlich benötige es Feuerschutzpläne auf lokaler Ebene, bilanzierte Tziritis. Die kämen derweil nicht nur der Umwelt, sondern auch der Bevölkerung zugute. Denn mit den Waldbränden waren Behörden und Institutionen in diesem Jahr heillos überfordert. In der Folge der chaotischen Reaktionen mussten die Chefs der Polizei und Feuerwehr sowie Nikos Toskas als zuständiger Minister ihre Posten räumen.


*Am 23.10.2018 bearbeitet.

www.niklas-golitschek.de