Es ist an der Zeit von Nachrichten aus Syrien zu berichten und der bewundernswerten jungen Frau Abeer Pamuk

Abeer Pamuk, 22

Manchmal hat Abeer Pamuk Angst, dass die Welt ihr Land vergisst. Dass Syrien zu einem weiteren Krisenherd wird, an den sich die Menschen gewöhnen. In ihrem weblog stellt Abeer Woche für Woche Kinder, junge Menschen und Familien aus Syrien vor, erzählt ihre Geschichten, die alle so eigen und besonders sind und doch eine schreckliche Gemeinsamkeit haben:

Der Krieg bedroht ihr Leben Tag für Tag, er tötet und zerstört, was ihnen wichtig ist.

Ihre Geschichten nicht nur zu Papier, sondern in die Herzen der Leser zu bringen, ist Abeers großer Wunsch.

Und die Welt zu erinnern: Bitte vergesst uns nicht!

Abeer berichtet regelmäßig aus Syrien. Hier ihre letzte Nachricht, empfangen am 08. Oktober 2015:

Vier Tage feiern gegen den Krieg

Vor allem die Kinder lieben das islamische Opferfest Eid al-Adha. Vier Tage lang wird gefeiert.

Vor allem die Kinder lieben das islamische Opferfest Eid al-Adha. Vier Tage lang wird gefeiert.

Am Rand einer Straße in Aleppo sitzt eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, sie hält ein Baby im Arm. Mutter und Kind sind ärmlich gekleidet und beide völlig aufgelöst. Sie weinen.

Ich frage die junge Frau, ob ich mich zu ihr setzen darf. Verwundert blickt sie auf, dann nickt sie. Da unten auf der Straße sitzend, versuche ich zu fühlen wie sie fühlt. Die Welt mit ihren Augen zu sehen. Wahrzunehmen, wie das ist, wenn die Menschen auf dich herunterschauen.

Es ist die Nacht vor Eid al-Adha. Das islamische Opferfest ist eines unserer wichtigsten Feste. Traditionell wird zu diesem Anlass ein Opfertier geschlachtet und mit den Armen und Bedürftigen geteilt.

Syrien war immer dafür bekannt, dass die Feiern besonders spektakulär ausfielen, mit den erlesensten Speisen, überfüllten Geschäften und ausgelassen feiernden Menschen.

Die Tage und Nächte vor Eid al-Adha galten der aufwendigen Vorbereitung. Die Menschen übertrafen sich darin, sich gut zu kleiden, ihr Haus zu dekorieren und besondere Köstlichkeiten auf den Tisch zu bringen. Oft waren sie beschäftigt, bis die Sonne wieder aufging.

Die SOS-Kinderdörfer unterstützen junge Frauen wie Soad, die im Krieg alles verloren haben. Dass auch ihre Kinder mitfeiern dürfen, bedeutet Soad viel.

Die Läden der Stadt waren an diesen Tagen regelmäßig überfüllt, vor allem die Kindergeschäfte. Viele Kinder wurden neu eingekleidet und zum Friseur geschickt, passend zu einem “Eid”-Lied, in dem es heißt:

“Nimm ein langes Bad und rieche wunderbar, wenn sie zu dir kommen und ihre sanften Wangen an deine legen, um dich zu küssen!”

Wenn das Fest endlich begann, rannten die Kinder aufgeregt herum, voller Erwartung auf die Geschenke, die sie an diesem Tag bekommen würden. Eid al-Adha war auch die Gelegenheit, endlich mal wieder mit Verwandten und Freunden zusammen zu kommen, die man lange nicht gesehen hatte.

Heute, im fünften Jahr des Krieges, sind uns unsere Feste und besonders Eid al-Adha wichtiger denn je. Sie lenken uns für kurze Zeit ab und erinnern uns an die Menschen, die wir einmal waren.

Eine kurze Pause, eine kleine Ablenkung vom Krieg

Umso schlimmer, wenn man alles verloren und keine Chance hat mitzufeiern — so, wie die junge Frau am Straßenrand. Sie erzählt mir, dass sie Soad heißt, 17 Jahre alt ist und aus einer streng gläubigen Familie stammt. Sie war zwölf, als ihre Mutter bei einem Autounfall starb. Noch im selben Jahr wurde sie gezwungen zu heiraten. Bald bekam sie ihr erstes, dann ihr zweites Kind. Im letzten Jahr wurde ihr Mann in Aleppo verschleppt und ihr Haus wurde zerstört, da war ihre Tochter drei Jahre und ihr Sohn acht Monate alt. Soad, die nie die Gelegenheit hatte, zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen, landete als Bettlerin auf der Straße.

Kurz bevor ich sie traf, hatte sie in einem Café nach Geld gefragt und wurde brutal rausgeschmissen. Soad sagt: “Als Bettlerin bin ich für die Leute das Letzte. Ich wünschte mir, sie würden sehen, wer ich wirklich bin.”

Auch heute noch sind die Straßen an den Tagen vor Eid al-Adha voll. Für die Menschen ist es wichtiger denn je, an ihren Traditionen festzuhalten.

Ihre Tränen laufen und laufen, besonders, wenn sie von ihren Kinder spricht. “Ich selbst habe einen Großteil meiner Kindheit versäumt, weil ich so früh heiraten musste. Und nun ist für meine Kinder alles noch schlimmer. Morgen beginnt Eid al-Adha und sie müssen zusehen, wie alle anderen feiern.

Soad ist fassungslos, als ich sie einlade, an der Feier teilzunehmen, die wir im Rahmen des Familienstärkungsprogramms der SOS-Kinderdörfer organisiert haben. In diesem Moment ist diese kleine Geste wirklich alles, was sie braucht, um glücklich zu sein.

In den kommenden Wochen werden wir Souad in das SOS-Familienstärkungsprogramm aufnehmen. Wir werden sie dabei unterstützen, Handarbeiten herzustellen und so ihre kleine Familie zu ernähren. Wir werden ihr zur Seite sein.

Abeer Pamuk, 08.10.2015 Darum sind wir geflohen…

Wie kommt jemand auf die Idee, mitsamt seiner Familie in einem überfüllten Boot unter denkbar schlechten Bedingungen die Fahrt über das Meer anzutreten? Oder einen riskanten und kräftezehrenden Fußmarsch auf sich zu nehmen, um sein Land zu verlassen?

Mouhammad, Ahlam und ihre Kinder leben unter ärmlichen Bedingungen im Libanon, aber immerhin sind sie sicher.

Stellst du den Menschen in Syrien diese Frage, variieren die Antworten zwischen Angst zu sterben, Angst, die Familie oder Freunde zu verlieren, Angst, verletzt, gefoltert oder verstümmelt zu werden. In einem Land, das als das gefährlichste der Welt gilt und in dem jeder ganz normale Tag hohe Risiken birgt, ist eine lebensgefährliche Flucht nur eine weitere Situation, die den Tod bringen kann. Aber vielleicht auch das Leben.

Bei meinem letzten Besuch im Libanon traf ich die 9-jährige Khulud, ihre Eltern und ihre sieben Geschwister. Die Familie lebte ursprünglich in dem Gouvernement Idleb im Nordwesten Syriens, eine der heute am stärksten zerstörten Gegenden des Landes. An dem Tag, an dem sie beschloss, ihre Heimat so schnell wie möglich zu verlassen, war eine Bombe direkt vor ihrem Haus explodiert. Fünf Kinder, die dort gespielt hatten, waren getötet worden. “Es war furchtbar, wir kannten die Kinder alle”, sagt Khuluds Mutter Ahlam. “Immer wieder kam mir die Vorstellung, dass es auch meine eigenen hätten gewesen sein können.”

Khulud erinnert sich: “Meine Mutter sagte mir, dass ich wegschauen soll, aber ich sah meine Freunde in Stücke zerrissen. Da waren Arme und Beine, die zu keinem Körper mehr gehörten.“

Die Familie machte sich zu Fuß auf den Weg von Dorf zu Dorf, um ein neues Zuhause zu finden, über Straßen, die von bewaffneten Gruppen kontrolliert wurden. In manchen Dörfern gewährte man ihnen Unterschlupf, aber selten länger als drei Tage — zwei Erwachsene und acht Kinder waren nicht so einfach aufzunehmen. Die Reise sollte ein ganzes Jahr dauern. Khuluds Vater Mouhammad erzählt: “Wir hatten nicht viele Kleider dabei und im Winter war es furchtbar kalt. Die Kinder und auch meine Frau weinten, weil sie so froren. In manchen Nächten dachten wir, wir würden eher erfrieren als dass der Krieg uns töten würde. Oft hatten wir Hunger und an manchen Tagen aßen wir Gras und Blätter, an anderen gar nichts.”

Das Haus, in dem die Familie lebt, sieht aus, als würde es bald zusammenbrechen. Es gibt keine Türen, keine Fenster, kein Wasser und keine sanitären Anlagen.

Ahlam sagt: “Ich war so hilflos, wenn ich abends meine Kinder dabei betrachtete, wie sie mit ihren kleinen Gesichtern auf den eiskalten Steinen lagen und versuchten einzuschlafen. Immer wieder kamen mir die Tränen bei dem Gedanken, dass wir es nie wieder so gut haben würden wie früher.”

Vergeblich versuchte die Familie, ein neues Zuhause in Syrien zu finden, sodass sie sich schließlich dazu entschied, in den Libanon auszuwandern. Die Grenze war überfüllt mit Flüchtlingen, und so dauerte es drei Tage, bis die Familie Syrien verlassen konnte. Mouhammad, gelernter Bauarbeiter, hatte den Plan, dort einige Monate zu arbeiten und anschließend nach Syrien zurückzukehren. Inzwischen sind aus den Monaten mehr als zwei Jahre geworden. Das Haus, in dem die Familie wohnt, sieht aus, als würde es jeden Moment zusammenbrechen; es fehlen Türen, Fenster, Wasseranschlüsse und sanitäre Einrichtungen.

Im Libanon gelten strenge Bedingungen für Syrer, die im Land bleiben möchten, und wie viele andere hat Mouhammad keine offizielle Genehmigung bekommen. Er kann seine Kinder somit auch nicht an der Schule anmelden. Khulud und ihre Geschwister arbeiten stattdessen auf den Feldern oder übernehmen andere Gelegenheitsjobs, um zum Familienunterhalt beizutragen.

As Flüchtlinge dürfen die Kinder im Libanon nicht zur Schule gehen. Oft arbeiten sie auf den Feldern, um zum Familienhaushalt beizutragen.

Mouhammad sagt: “Wir haben vieles verloren, unser Haus, unsere Kleidung, Freunde und Nachbarn, aber am schlimmsten ist es, dass wir unsere Würde verloren haben.”

Als vor einigen Wochen in den weltweiten Zeitungen das Foto eines kleinen Flüchtlingsjungen erschien, der tot am Strand lag, war Mouhammad erschüttert. “Es wurde mir so deutlich, wie fragil das Leben meiner Kinder ist. Ihre Sicherheit ist mir das Allerwichtigste.”

Ahlam wünschte sich, dass ihre Kinder irgendwann wieder zur Schule gehen können, damit sie später für sich sorgen können. Auch Khulud träumt davon. “Ich möchte lernen, wie man einen Stift richtig hält und wie man seinen Namen schreibt. Später möchte ich Ärztin werden. Dann könnte ich meinen Freunden helfen, die vor unserem Haus in Syrien ihre Arme und Beine verloren haben.”

Warum ich bleibe

Nach vier Jahren Krieg pumpt mein Herz beständig Adrenalin durch meinen Körper. Es erinnert mich an einen Freund, ein Familienmitglied oder jemand anderen, den ich einmal gekannt habe — und der heute nicht mehr lebt.

Wer Bäume pflanzt, glaubt an eine Zukunft. Die Kinder in ihrer Hoffnung zu unterstützen, ist meine Aufgabe.

Andere Freunde, Nachbarn oder Verwandte haben Syrien den Rücken gekehrt und versuchen, in einem neuen Land eine Existenz aufzubauen — ich habe vor kurzem in diesem Blog darüber berichtet.

Manchmal werde ich gefragt, warum ich nicht fliehe, was mich hält…

Nun, wir Jungen haben die Chance, mit all unserer Kraft jenes Land lebendig zu halten, das Syrien vor dem Krieg einmal war. Es ist an uns, an die Traditionen, Lebenskultur und Gastfreundschaft zu erinnern und an unser früheres Selbst.

In Syrien zu bleiben, bedeutet für mich auch, die Position der Kinder zu vertreten und nicht die der einen oder der anderen Partei. Meine Kollegen und ich versuchen, verlassenen Kindern Liebe, Schutz und Hoffnung zu geben und, wenn irgendwie möglich, ihre Familien wiederzufinden. Jedes Stück Normalität, das wir dem Krieg abringen, gibt den Kindern einen Grund, das Leben zu lieben — trotz allem. Wenn der Krieg einmal vorbei sein wird, werden diese Kinder einmal den Wiederaufbau Syriens mitgestalten.

Man kann es sich vielleicht nicht vorstellen, aber auch im Krieg sind Momente der Freude und der Normalität möglich.

In Syrien zu bleiben, bedeutet, an die Menschlichkeit zu glauben. Ich habe im Krieg mit Kindern, Ärzten, Soldaten oder Studenten gesprochen. In jedem einzelnen habe ich den Menschen gesehen. Sie alle sind verletzt worden, trauern, haben Angst, sind manchmal hoffnungslos. Und alle tragen noch die Möglichkeit in sich zu lachen, dankbar und sorglos zu sein. Ich glaube an diese Seite und tue alles dafür, sie lebendig zu halten — auch, wenn mich manche Menschen deshalb naiv nennen.

Die Idee, zu hassen oder für Vergeltung einzutreten habe ich nie verstanden. Meine einzigen Waffen sind Stift und Papier. Mit meinen Texten versuche ich, den Schwächsten, vor allem den Kindern, eine Stimme zu geben und der Welt von dem Unrecht zu erzählen, das hier Tag für Tag passiert.

Wie könnten wir so einen wunderbaren und warmherzigen Menschen je vergessen, ich werde deine “Botschaft und Handeln” in ganz Europa weiterverbreiten, damit deine Stimme auch gehört wird. 21.10. 2015 mit “tiefster Bewunderung” M.Volkmann München,DE

Abeer Pamuks Blog

Abeer Pamuk, 22, hatte ganz andere Pläne für ihr Leben: Sie wollte bei einer großen Bank oder Firma arbeiten, Menschen aus aller Welt kennenlernen. Doch dann schlugen Bomben in der Universität von Aleppo ein, an der Abeer “Englische Literatur” studierte und änderten alles.

Abeers Heimatstadt Aleppo galt plötzlich als “die gefährlichste Stadt der Welt”. Abeer floh in den Libanon und kam bald zurück nach Syrien mit dem Wunsch zu helfen. Für die SOS-Kinderdörfer begann Sie, Nothilfe zu leisten, arbeitete direkt mit den Menschen und wechselte anschließend in die Kommunikationsabteilung.

Abeer möchte helfen mit all ihren Möglichkeiten.

Selbstlose Nächstenliebe

Liebe tapfere Abeer, ich bin ein Blogger aus München (männlich 51 J.), habe eine Tochter die grade ein Jahr jünger ist als du es bist: Sie ist hochsensibel und sucht noch ihren Platz in einer emotionslosen, kapitalistischen Gesellschaft.

Ich glaube an eine höhere Macht, die alles lenkt — wie wir Diese Macht auch immer benennen möchten.

Sigmund Freud kritisierte das Liebesgebot (Nächstenliebe) als Überforderung des Menschen. In seinem grundlegenden Essay Das Unbehagen in der Kultur (1929/1930) bezeichnete er das Liebesgebot als

„… die stärkste Abwehr der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes Beispiel für das unpsychologische Vorgehen des Kultur-Über-Ichs. Das Gebot ist undurchführbar; eine so großartige Inflation der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die Not beseitigen.“

Was für ein Narr dieser Wiener Psychoanalytiker Freud doch wirklich war, zeigst du eindrucksvoll mit deinen Einsatz für die Schutzbedürftigen.

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