Zeit

“Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.”


Es war schon später Nachmittag, als er in den Zug stieg. Er war froh, dass der Tag vorbei war und er jetzt nach Hause fahren konnte. Die Arbeit hatte ihn sehr mitgenommen und so suchte er im Zug nach einem freien Platz. Bei einem Abteil blieb er stehen. Auf einem der sechs Sitze saß ein Mädchen, kaum älter als 16 Jahre vermutete er, und lehnte mit dem Kopf an der Scheibe und beobachtete den Regen. Ansonsten war das Abteil leer. Vorsichtig trat er ins Abteil um sie nicht zu erschrecken und fragte leise ob die Plätze schon besetzt seien. Sie schüttelte langsam den Kopf, schaute ihn aber nicht an und sagte auch kein Wort. Er setzte sich gegenüber von ihr ans Fenster und sah zu wie die Landschaft im Regen vorbeizog. Irgendwann streift sein Blick das Mädchen. Sie hatte den Kopf von ihm abgewandt. Doch irgendwas zog seinen Blick auf sie. Erst nach ein paar Minuten merkte er, dass sie weinte. Die Tränen flossen still über ihre Wangen. Das war der Grund, warum sie geschwiegen hatte und es vermied ihn anzusehen. Er versuchte wegzusehen, aber es war zu spät. Sie hatte seine Blicke bemerkt und schaute ihn nun direkt an. Er konnte sich dem nicht mehr entziehen. Also begann er so sanft wie möglich zu sprechen.
“Hey, alles ok bei dir?”
“Sehe ich so aus?”
“Nein, nicht wirklich.”
“Na also.”
“Kann ich was tun für dich?”
“Ich weiß nicht.”
“Wenn du reden willst, ich hab genügend Zeit.”
“Es würde zu lange dauern alles zu erklären.”
“Wie gesagt, ich habe Zeit. Versuch es doch.”

Sie lehnt sich zurück und richtete ihren Blick wieder aus dem Fenster. Minuten des Schweigens vergingen. Er wartete ab. Er wollte sie zu nichts drängen und doch wollte er erfahren, was mit ihr passiert war. Fast hätte er die Hoffnung aufgegeben, als sie zu reden begann. Mit leiser, aber deutlicher Stimme begann sie zu erzählen. “Es ist jetzt ungefähr ein Jahr her. Damals hab ich übers Internet, über Twitter genau genommen, jemanden kennen gelernt. Dominik, ein Schweizer. Er hat mir damals seine Lebensgeschichte erzählt. Er war der Erste, der sich mir gegenüber geöffnet hat und der Erste, dem ich mich geöffnet hab. Auf seine Geschichte will ich jetzt nicht näher eingehen. Es würde zu lange dauern und nur verwirrend werden. Jedenfalls hat er mir gelernt, was Vertrauen bedeutet. Zum ersten Mal hab ich jemanden kennengelernt, dem ich vertrauen konnte. Innerhalb kurzer Zeit hab ich viel über ihn erfahren und ihm viel über mich erzählt. Er kannte mich gut. Besser als die meisten anderen. Mit ihm hab ich auch viel geredet. Über Dinge, die mich bedrückten und Dinge, über die ich mich freute. Er hat mir in vielen Situationen geholfen und ich hab auch mein Bestes gegeben für ihn dazu sein. Viele Nächte war ich wach und hab mit ihm geschrieben und über Gott und die Welt geredet. Mir ging es immer besser und ich hatte auch das Gefühl, dass es für ihn bergauf ging. Aber dann meldet sich jemand wieder. Johannes, kurz Hani. Ein Freund aus meiner Kindheit. Wir waren gemeinsam im Kindergarten. Gemeinsam in der Grundschule. Ich hab von ihm eine Katze geschenkt bekommen, die ich jetzt noch hab. Wir haben oft stundenlang im Heu gespielt und haben häufig die Zeit vergessen. Kurz gesagt, wir waren unzertrennlich. Doch nach der Grundschule sind unsre Wege auseinander gegangen. Wir haben von da an verschieden Schulen besucht und der Kontakt brach von einen auf den anderen Tag ab. Ich hab nie wieder was gehört bis dahin. Er hat mir geschrieben. Erst kurze, belanglose Chats auf Facebook. Aber schnell haben wir täglich geschrieben. Wochenlang. Aber getroffen haben wir uns nie. Bis auf ein Mal. Er ist zu mir gekommen und wir haben geredet. Stundenlang. Ich weiß nicht mehr über was, aber das war nicht wichtig. Als er gegangen ist, hat er mich zum Abschied umarmt. Ich hab ihm damals lächelnd hinterher geschaut und war glücklich. Allerdings war es kein Abschied für eine Weile, sondern für immer. Ich hab nie wieder von ihm gehört. Und vielleicht war es auch gut so. Nach wenigen Wochen hab ich alle Nachrichten gelöscht und ihn aus meinen Kontakten entfernt. Ich war über ihn hinweg und hatte wichtigeres zu tun. Das Schuljahr war vorbei und die Ferien begannen. Und am besten verbringt man Ferien mit feiern. Aber auch hier lief nicht alles wie geplant. Es war anfangs ganz gemütlich. Wir sind gemeinsam am Feuer gesessen und haben geredet und ein wenig getrunken. Doch nach und nach haben sich immer mehr Gruppen gebildet. Ich saß dann bei einem Jungen. Es ist nicht notwendig seinen Namen hier zu erwähnen. Ich hab immer mehr und mehr getrunken und nicht mehr drauf geachtet, was ich tu. Ich hab ihn geküsst obwohl ich mich vorher dagegen gewehrt hatte. Ich weiß nicht mehr wie es war, denn ich versuche immer wieder diese Nacht zu verdrängen. Aus einem Grund. Später bin ich mit ihm auf der Wiese gesessen. Alleine fern von den anderen. Er hat versucht mich zu Boden zu drücken, was ihm auch gelang. Es war nicht sonderlich schwer zu erraten, was er wollte. Doch dagegen hab ich mich sehr gewehrt. Was nicht ganz einfach war. Denn er war größer und älter als ich und auch nicht schlecht trainiert. Er hat mich mit aller Kraft festgehalten. Ich hab nicht vor vielen Dingen Angst und in Panik versetzt mich so schnell nichts, aber diese Situation hat mich überfordert. Ich hab überlegt, was ich tun könnte. Ich bin kein Mensch, der schreit, wenn er sieht, dass er keine Chance hat. Ich wollte mich aus eigener Kraft wehren. Was mir dann auch irgendwie gelang. Er wandte sich dann ab von mir. Ich saß dann noch eine ganze Weile im Gras und bemerkt nicht, dass ich zitterte, bis sich jemand zu mir setzte und mir eine Jacke um die Schultern legte. Er war mir vorher schon aufgefallen. Er war nicht wie die anderen. Irgendwie netter und hilfsbereit, auch wenn ich ihn nicht kannte. Ich ging dann mit ihm wieder ins Haus und setzte mich an den Tisch zu den anderen. Den Rest der Party konnte ich sogar noch genießen. Doch Tage darauf begann ich über all das nachzudenken. Es ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Nicht weil ich ihn mochte, sondern weil ich Angst vor ihm hatte. Ich weiß, was er vorhatte mit mir und ich weiß auch, dass er es um ein Haar geschafft hätte. Die kommenden Wochen waren schlimm. Ich fühlte mich verfolgt vom ihm. Zwei bis drei Mal hab ich ihn wirklich gesehen. Die restlichen Male hab ich es mir eingebildet, dass er es sei. Und zwar überall. Im Urlaub, in der Stadt, im Freibad. Überall hab ich ihn gesehen. Oder hab es mir wenigstens eingebildet. Ich brauche nur seinen Namen irgendwo zu hören und schon kam alles wieder hoch. Alle Gedanken. Alle Ängste. Es waren Wochen, in denen ich niemanden vertraute. Jeder, mit dem ich darüber zu reden versuchte, sagte mir, dass alles gut sei und ich mir das nur einbilde. Ich weiß, dass ich mir alles eingebildet habe, aber es war nicht alles gut. Ich hatte ständig Angst ihm irgendwo zu begegnen und fühlte mich gleichzeitig verfolgt. Es dauerte lange bis ich diese Angst vor ihm überwunden hab. Aber dieses Ereignis hat seine Narben hinterlassen, die immer noch da sind. An meinem Geburtstag erfuhr ich dann von meiner besten Freundin, dass sie mit Dominik zusammen sei. Ich wusste, dass die beiden viel Kontakt hatten und sich wirklich gut verstanden, aber daran hatte ich trotzdem nicht gedacht. Ich hab mich wahnsinnig für sie gefreut, weil ich merkte, dass beide in der Zeit viel besser drauf waren, auch wenn eine Fernbeziehung für die beiden sicher anstrengend war. In den folgenden Wochen hab ich dann gemerkt, dass sie mich immer weniger brauchten und ich hatte wenig bis gar keinen Kontakt mehr zu ihnen. Nur ein paar Nachrichten ab und zu, obwohl ich vorher täglich mir beiden geschrieben habe. Es tat weh zu merken, aber ich hab es eingesehen, dass sie einander jetzt wichtiger waren. Ich hab mich auch bewusst zurück gehalten um nicht dazwischen zu geraten. Aber am Ende hat es zwischen den beiden nicht gepasst. Ich weiß nicht mehr genau wann es war, aber irgendwann zu Beginn des neuen Jahres war Schluss. Plötzlich wurde ich wieder gebraucht und vor allem Dominik schrieb wieder sehr viel mit mir. Mehr als zuvor. Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich andere Probleme.
In der letzten Ferienwoche war ich auf einem Trainingscamp. Einem Leistungscamp für Faustball, die Sportart, die zu viele nicht kennen. Aber ich will das jetzt nicht erklären, es tut nichts zur Sache. Auf diesem Camp habe ich jemanden kennengelernt. Lukas. Am dritten Tag hab ich ihn näher kennengelernt. Ich rede normal selten mit Leuten, die ich nicht kenne, aber er war mir irgendwie sympathisch. Nach dem Training alberten wir mit ein paar anderen im eiskalten Bach herum. Er hat mich mehrmals hineingeworfen. Nachher im Pool waren wir nur noch zu viert, hatten aber trotzdem extrem viel Spaß. Am Abend hat er mir seine Handynummer gegeben. Beim Kartenspielen hat er mir angeboten, neben ihm zu sitzen und beim Abschlussturnier hat er mir angeboten auf seinem Schoss zu sitzen. Nach dem Camp hat er mir immer wieder geschrieben. Hat gesagt, dass er mich wieder treffen wolle und so weiter. Ich mochte ich auch ganz gern und vielleicht ein bisschen mehr. Aber ich habe nichts gesagt. Ich habe abgewartet. Es war, wie sich später herausstellte, die richtige Entscheidung. Plötzlich fing er an, mir Bilder von Mädchen zu schicken und fragte mich, wie ich sie fände. Er erzählte mir, welche Mädchen er geküsst hatte und wie großartig es war. Ich hab mich sehr verarscht gefühlt und hab den Kontakt abgebrochen. Ich war wütend, aber ich würde sowas nie jemanden sagen. Lieber mache ich mich aus dem Staub. Auch wenn ich noch länger drüber nachgedacht habe, habe ich kein Wort zu ihm gesagt. Und ich hoffe, ihm nie wieder zu begegnen.
Die nächste Zeit verlief ruhig. Bis zum 4.November. Ein Sichtungstraining fürs U18-Nationalteam stand an. Es war meine große Chance. Davon hab ich immer geträumt. Gemeinsam mit einem anderen Mädchen aus meinem Verein wurde ich von meiner Trainerin bis in die Stadt gebracht. Die Nervosität war groß, obwohl ich das sehr gut verbergen konnte. Ich schaff es auch in solchen Situationen immer ruhig zu bleiben. Das Training verlief anstrengend. Es wurde genau auf Technik und Leistung geachtet und am Ende war ich ziemlich fertig. Bei den abschließenden Spielen wurden die Mannschaften immer neu zusammen gewürfelt. Auch die, die bereits im Nationalteam spielten, waren dabei. Es war ein tolles Gefühl mit den Besten des Landes zu spielen, auch wenn ich in diesen Momenten sehr an meinen eigenen Fähigkeiten zweifelte. Erst im letzten Spiel des Tages änderte ich meinen Denkweise. Ich redete mir ein, dass ich bereits zum Team gehörte und auch dementsprechend meine Leistung zu bringen hätte. Und es funktionierte. Plötzlich hatte ich wieder das nötige Selbstvertrauen. Nach diesem Spiel war die Sichtung endgültig vorbei. Alle warteten gespannt, wer nun den Sprung ins Nationalteam geschafft hat. Ich wurde mit der Überzeugung hingeschickt, dass ich es sowieso nicht schaffen würde. Umso größer war die Überraschung als mein Name und den, der neuen Teammitglieder dabei war. Ich freute mich sehr und konnte es anfangs gar nicht wirklich realisieren. Das veränderte mein Leben gewaltig. Von nun an musste ich mehr trainieren und mich an den Trainingsplan halten. Es ist anstrengend, aber ich denke, irgendwann lohnt sich das.
Und dann im Dezember kam ein Tag, der mein Leben noch mehr veränderte als alles je zu vor. Ich hatte mich in einen Jungen verliebt, den ich nur aus dem Internet kannte. Durch Zufälle lernte ich ihn in einer Whatsappgruppe kennen, in der auch wieder nur durch Zufall gelandet bin. Doch diese Zufälle haben mein Leben komplett geändert. Auf Twitter hab ich ein Mädchen kennen gelernt, dass ein paar Computerspiele verlost hat. Sie hat mich in die Whatsappgruppe eingeladen. Und so hat alles begonnen. Ich weiß nicht mehr genau, wie wir uns näher kennen gelernt haben, aber ich hab ihn bewundert. Ich hab mich nicht getraut, ihm gegenüber all das zuzugeben und hab gewartet. Ich weiß noch wie aufgeregt ich damals war. Am 11. Dezember 2013. Mir war klar, das eine Fernbeziehung nicht einfach werden würde. 380km ist eine Entfernung, die nich allzu leicht zu überwinden ist. Aber ich hab mich darauf eingelassen und es war die beste Entscheidung meines Lebens. Zum ersten Mal hab ich erfahren, was Liebe wirklich bedeuten kann. Nach vier Monaten hab ich ihn zum ersten Mal getroffen. Es waren lange Gespräche mit meinen Eltern, bis ich endlich durfte. Ich weiß selber nicht, wie ich sie schlussendlich überzeugen konnte. Aber kurz vor Ostern saß ich im Zug. Ich war sehr nervös. Ich hab nächtelang überlegt, wie es werden würde. Sobald ich über der Grenze war, hatte ich keinen Empfang mehr. Die Zeit verging schnell. Der Zug hielt. Ich schaute aus dem Fenster und sah ihn. Offenbar genauso nervös wie ich. Ich war glücklicher als je zu vor ihn endlich umarmen zu können. Es waren echt schöne Tage und es tat weh wieder nach Hause fahren zu müssen. Die folgenden Tage und Wochen waren noch schlimmer als zuvor. Ich vermisste ihn zu sehr. Ich zog mich immer mehr zurück. Verbrachte viel Zeit allein. Meist einsam im Wald auf einem Stein sitzend, an einem Ort an dem mich nie jemand finden würde. Und obwohl mich das Ganze so runterzieht, ist er das Einzige, dass mich stark macht. Weil ich weiß, dass ich irgendwann wieder beim ihm sein kann und in seinen Armen liegen kann. Dieser Gedanke hält mich am Leben und lässt mich kämpfen.”

Mit diesen Worten beendete sie ihre Geschichte und richtete ihren Blick wieder aus dem Fenster. Sie sagte kein Wort mehr und er saß auch nur schweigend da und dachte darüber nach, was sie erzählt hatte. Er stellte keine Fragen, aber er respektierte sie und irgendwie bewunderte er sie auch. Als sie aufstand und das Abteil verließ um den Zug zu verlassen, blickte er ihr hinterher. Er suchte den Bahnsteig nach ihr ab und entdeckte sie schließlich. Sie war nicht mehr alleine.