
Aus einem deutschen Dorf zum IS: Radikalisierung, Internet und die ISIS-Medienkampagne
Ein 16-jähriges Mädchen soll sich in seinem Jugendzimmer in einem kleinen deutschen Dorf radikalisiert haben, ist nach Syrien gereist und hat dort einen ISIS-Anhänger geheiratet(1).
Unabhängig davon, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt mehr Vermutungen als Fakten gibt, fehlt mir vor allem die Frage nach dem „warum“. Warum entscheidet sich ein junges Mädchen, das als „nicht eigenständig“(2) gilt, sich ein Flugticket nach Syrien zu kaufen, die Unterschrift der Mutter zu fälschen und sich ISIS anschließt?
Eine erste Erklärung scheint bereits gefunden: Das Mädchen habe sich online radikalisiert. Doch um das „Warum“ zu verstehen und damit vielleicht zukünftige Fälle zu verhindern, bedarf es mehr als dies. Wir sollten zunächst versuchen zu verstehen, was einen jungen Menschen dazu bringt, für Propaganda und Ideologie so empfänglich zu sein. Radikalisierung beginnt im Kopf, sie ist ein Prozess, beeinflusst von verschiedenen Faktoren(3). Enttäuscht von der Gesellschaft, auf der Suche nach einer Bedeutung im eigenen Leben oder Rebellion kann ebenso eine Rolle spielen wie das Bedürfnis nach Anerkennung und Akzeptanz. Radikalisierung erscheint also fast wie ein Kochrezept: Lässt man eine Zutaten weg oder nimmt andere dazu, kann das Gericht trotzdem schmecken.
Radikalisieung und die Rolle des Internets
Mit Sicherheit spielt das Internet dabei eine große Rolle. Alleine schon deshalb, weil es das führende Kommunikations-Mittel geworden ist. Im Falle des norwegischen Terroristen Anders Breivik war ein Anstoß seiner Radikalisierung ein Buch in einer öffentlichen Bibliothek. Breivik holte sich seine Informationen und Bestätigung aber vor allem aus dem Netz, las neu-rechte Blogs und Webseiten.
Zum Gegenwärtigen Zeitpunkt im Fall des jungen Mädchens aus Pulsnitz von einer reinen Online-Radikalisierung zu sprechen (wenn es sie denn wirklich gab) finde ich allerdings zu voreilig. In der Forschung sind bisher kaum Fälle bekannt, bei denen sich jemand ausschließlich Online radikalisiert hat.
“In fast 15 Jahren des Studiums des Online-Extremismus kann ich vielleicht über fünf Fälle von Menschen berichten, die sich ausschließlich über das Internet in Terroristen verwandelt haben,”
berichtet Prof. Peter R. Neumann bei einem Vortrag im Mai 2017:
Das Internet spielt eine große Rolle für ISIS, kann man gerade hier in kurzer Zeit mit wenig Aufwand viel Aufmerksamkeit erreichen. Und diese Aufmerksamkeit ist oft der Samen, der zu einer (gefährlichen) Beziehung heranwachsen kann. Dazu braucht es keine brutalen Propaganda-Videos. Auch die Medien unterstützen dies unbewusst, da sie indirekt Argumente für die Propaganda liefern. So wurden beispielsweise Medienberichte über Burkini-Kontrollen an einem Strand in Frankreich(4) von ISIS direkt aufgegriffen und im Sinne der eigenen Propaganda eingesetzt. Trotzdem hat die zwischenmenschliche, persönliche Kommunikation oft den stärksten Einfluss auf eine Radikalisierung(5). Das Internet und die sozialen Medien verursachen also alleine keine Radikalisierung. Sie beeinflussen diese aber sehr stark(6).
Ich habe es ausprobiert: Auch ohne eine Suchmaschinen, Facebook, Youtube und Twitter zu benutzen ist es ganz einfach, auf Inhalte und Foren zu treffen, die erst auf den zweiten Blick islamistische Gedanken propagieren. Durch Likes und Kommentare erhält man Bestätigung, merkt, dass man nicht alleine ist und findet Gleichgesinnte, die nicht nur verstehen sondern sogar Lösungen bieten. Es bilden sich virtuelle Gemeinschaften, persönliche Kontakte, Loyalität und Vertrauen entstehen, man wird zum “Fan” und entwickelt eine langfristige, emotionale Beziehung.
Was macht ISIS anders?
Terror-Organisationen gab es auch früher schon. Allerdings ist ISIS eine Organisation, die erstmals die neuen Medien nahezu perfekt für ihre Zwecke nutzt. Dazu gehört unter anderem eine professionelle Marken-Strategie, die unter anderem die eigene Storyline (Narrativ) mit modernem Storytelling kombiniert und verschieden Medien (Corporate Media) und Inhalten (Content Marketing) als Maßnahmen einsetzt.
Durch diese hochmoderne Propagandmaschine wurde ISIS zu einem globalen „Pop-Phänomen“, welches den Extremismus einer Art „Digitalen Transformation“ unterzieht und auch nach dem Verlust von Gebieten zu einem „IS 2.0“ werden kann(7). Denn was wäre, wenn für ISIS die Verwirklichung der ideologischen Bestrebungen viel wichtiger ist als ein eigenes Land(8)?
Inhalte sind nicht gleich Botschaften
Im Internet ist die Ideologie und die Propaganda von ISIS so groß vertreten, dass eine Löschung aller Inhalte inzwischen so gut wie unmöglich ist(9). Das Web 2.0 und Social Media machen Gegenmaßnahmen um ein vielfaches komplexer. Man hat nicht „den einen Kanal“, den man abschalten kann. Inhalte werden im Netz als Teil des „Cyberspace“ delokalisiert gespeichert, sind verteilt auf Plattformen und Anwendungen. Dieser virtuelle Datenraum ist kein homogener Raum, in dem man Inhalte nur bedingt kontrollieren kann(10).
Technische Maßnahmen zur (virtuellen) Bekämpfung von Propaganda greifen kaum. Besonders seit 9/11 wird über die Rolle von neuen Technologien bei der Radikalisierung diskutiert. „Nur“ auf sichtbare Inhalte zu reagieren und diese sperren oder löschen ist ein altmodischer Ansatz, der zu kurz gedacht ist. Denn es verhindert nicht, dass kommuniziert wird sondern verlagert die Kommunikation nur(11).
Der Erfolg von ISIS basiert vor allem auf dem strategischen und innovativen Denken, moderne Kommunikationsmaßnahmen, hochwertige Inhalte und Popkultur sowie Aktivismus-Elementen(12). Die Propaganda-Macher lassen sich dabei auch von anderen Marken-Kampagnen inspirieren, um zu provozieren. So gibt es seit einiger Zeit ein deutsches Magazine(13), dass unter anderem die Fachkräfte-Kampagne der Bundeswehr als Blaupause für sich nutzt („Mach, was wirklich zählt“ vs „Mach etwas, was bei Allah wirklich zählt“).
Themen in diesen Magazinen sind unter anderem das Umgehen des Staatstrojaners, Alternativen zu Whatsapp und Telegram oder „Wir töten auf Basis von Metadaten“. Es geht also viel um Technik und Anwendungen in leicht verständlichen Sprache. So können sich auch Zielgruppe angesprochen fühlen, die sich zwar für Technik- und Digital-Themen interessieren, aber bisher nicht oder kaum mit dem „Islamischen Staat“ und den Ideologien zu tun hatten.
Lifestyle, Coolness und ein bisschen Gangster
Die Inhalte werden auf allen digitalen Kanälen verbreitet, im Idealfall nach dem Gießkannenprinzip. Durch Material aus den eigenen Reihen wirkt man zusätzlich „persönlicher“, nahbar und authentisch. Private Fotos sollen zeigen, dass es nicht (nur) um Religion und Glaube geht, sondern um eine Gemeinschaft, um Menschen wie du und ich. Es ist eine Jugendkultur, der „Jihadi Cool“ mit eigenen Erkennungsmerkmalen wie Handzeichen, Kleidung oder Musik. Lifestyle, „Coolness“ und ein bisschen Gangster wie aus Grand Theft Auto stehen im Mittelpunkt(14).
Jeder Mensch trifft persönliche Entscheidungen, die Außenstehende nicht immer nachvollziehen können. Alleine sich in einen Teenager zu versetzen fällt schon schwer. Aber dann eine Antwort darauf zu finden, warum die Ideologie einer der gefährlichsten Terrororganisationen unserer Zeit eine 16-Jährige dazu bringt, ihr Leben in Deutschland aufzugeben erfordert mehr als nur einen kleinen Blick über den Tellerrand.
Und eben aus diesem Grund finde ich das „Wie“ im Fall der 16-jährigen Deutschen aus Pulsnitz für die Bekämpfung extremistischer Ideologien zu kurz gedacht. Erst wenn wir verstehen, warum ein junger Mensch diesen Schritt geht, können wir auch das „wie“ bewerten — und optimale Maßnahmen für Radikalisierungs-Prävention und De-Radikalisierung entwickeln.
(3)
Peter Neumann, „Der Terror ist unter uns“, S. 15; https://www.amazon.de/Terror-ist-unter-Dschihadismus-Radikalisierung/dp/3550081537
(5)
Douglas McLeod, „The Role of the Media in the Recruitment of Terrorists: Mass Communication and the Battle for the Hearts and Minds of Muslims in Indonesia“, http://www.start.umd.edu/research-projects/role-media-recruitment-terrorists-mass-communication-and-battle-hearts-and-minds, 06/2007–05/2009
(6)
Dr. Robin Thompson, „Radicalization and the Use of Social Media“, http://scholarcommons.usf.edu/jss/vol4/iss4/9/, 2012
(8)
Charlie Winter, „How ISIS Survives the Fall of Mosul“, https://www.theatlantic.com/international/archive/2017/07/mosul-isis-propaganda/532533/, 3.7.2017
(9)
Aymenn al-Tamimi, „The Myth of ISIS’s Strategic Brilliance“, https://www.theatlantic.com/international/archive/2017/07/isis-defeat-plan/534330/, 20.7.2017
(10)
M. Dickow, N. Bashir; ApuZ 43–35/2016
(11)
Cristina Archetti, “Terrorism, Communication and New Media: Explaining Radicalization in the Digital Age”, http://www.terrorismanalysts.com/pt/index.php/pot/article/view/401, 2015
(12)
Charlie Winter, „Media Jihad: The Islamic State’s Doctrine for Information Warfare“, http://icsr.info/2017/02/icsr-report-media-jihad-islamic-states-doctrine-information-warfare/, 2017
(13)
Quelle und Material liegt vor
