Dieses Europa mordet

Tom Strohschneider über die tödliche Festung Europa, einen mordenden Kontinent und die moralischen Grenzen unseres bequemen Lebens

Das Schlimmste ist, dass so viele Menschen gestorben sind. Schon wieder. Inzwischen ist die Zahl der Opfer des europäischen Grenzregimes auf fast 30 000 gestiegen.

Das Zweitschlimmste sind die Routinen, mit denen wir darauf reagieren. Medien machen Schlagzeilen, Politiker empören sich, Abänderung wird versprochen. Doch es geschieht nichts. Auch wir, die wir uns solidarisch an der Seite derer sehen, die vor Not und Krieg fliehen und die an der Festung Europa zugrunde gehen, müssen uns an Tagen wie diesem fragen, ob das, was wie eine Haltung aussieht, nicht doch in Wahrheit eine Zuschauerrolle ist, die zu überwinden wir vielleicht nicht mutig genug waren in unserem doch recht bequemen Leben.

Dieses Europa bringt Menschen um. Tausende. Es mauert sich ein und nimmt den Tod so vieler Menschen in Kauf — um der Einhaltung falscher Regeln Willen und um den eigenen, global über Jahrzehnte zusammengeklauten Wohlstand abzusichern. Die Handlanger sind Politiker, die die Aussicht auf die eigene politische Wiederwahl nicht gefährden wollen, und deshalb im Grunde alles so belassen, wie es ist. Pegida lässt tödlich grüßen.

Dieses Europa mordet, auch wenn das vielleicht nicht im juristischen Sinne exakt formuliert sein mag.

Aber ist es nicht gemeingefährlich, in dem Wissen um die Not der Vielen nichts zu unternehmen, um deren Leben zu retten, ihnen in Würde das zu geben, was sie wollen und was wir uns leisten können: Asyl? Ist es nicht Heimtücke, auf eine Flotte von bestens ausgerüsteten Marineschiffen und sonstigen Booten zurückgreifen zu können, diese aber in den Häfen zu belassen, während auf hoher See Menschen auf verrosteten Kuttern den Tod finden? Ist es nicht Habgier, Flüchtlinge nur deshalb und mit tödlichen Mitteln abzuwehren, weil diese hier an einem materiellen Leben teilhaben wollen, das der Kapitalismus, den wir selbst mit unserem Handeln am Laufen halten, den Armen der Welt in ihrer Heimat nicht zugesteht? Und gibt es Grausameres, als Menschen, die dem Tod durch Verhungern, durch marodierende Banden, durch Waffen aus deutscher Produktion, durch die im Norden angetriebene Umweltzerstörung gerade entkommen sind, im Meer ersaufen zu lassen?

Europa hat sich in der Charta seiner Grundrechte verpflichtet, die Würde aller zu achten und zu schützen. »Jeder Mensch hat das Recht auf Leben«, heißt es da zu Beginn. Es bleibt eine Lüge, solange die Wirklichkeit so ist: Dieses Europa tritt die Würde von Menschen und nimmt ihnen ihr Leben. Dieses Europa bringt Flüchtlinge um. Und wir haben dagegen bisher zu wenig getan.

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