Mit Listen und Tücke

Ingolf Bossenz über des Odysseus Reisen und die Irrfahrten der EU

Von Odysseus können Europäer immer wieder lernen. Schmückte seinen Namen doch nicht zufällig das Epitheton »listenreich«. Zwar ist das aktuelle Listenwesen durchaus ausbaufähig. Aber mit der von Russland präsentierten Aufstellung von Einreiseverboten für 89 europäische Politiker ist jetzt zumindest ein Patt erreicht: Eine Bann-Bulle der EU verhindert seit Monaten die Einreise von dort erfassten russischen Politikern und Unternehmern.

Während Moskau sein Papier als Antwort auf die »Sanktionskampagne« sieht, ist es für Brüssel ungerechtfertigt und willkürlich. Eine Charakterisierung, die — wie meist bei derlei Indizes — sehr wahrscheinlich ist. Insofern dürfte das Sichgeehrtfühlen von Daniel Cohn-Bendit, weil ihn »ein totalitäres System wie Russland als Feind des Totalitarismus brandmarkt«, wohl übereilt sein.

Außenminister Steinmeier äußerte mit Blick auf die Ukraine, die Liste sei kein Beitrag zu den Bemühungen, »einen hartnäckigen, gefährlichen Konflikt in der Mitte Europas zu entschärfen«. Was richtig ist. Doch das war die EU-Liste auch nicht. Nun ist Schreiben zweifellos besser als Schießen. Indes: Listen haben Tücken. Ihre Sinn- und Wirkungslosigkeit könnte irgendwann stärkere Mittel provozieren. Insofern ist Steinmeiers Diktum, Einreiseverbote seien »nicht besonders klug«, vorbehaltlos zuzustimmen. Leider meinte er nur die der russischen Seite. Hier könnte Homer helfen, der klar konstatierte, was die Reisen des Odysseus waren: Irrfahrten.

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