Bild: SRF/Oscar Alessio

Der «Medienclub» bringt so nichts. Oder: Totalversagen auf der ganzen Linie

Am Dienstag war es wieder so weit. Zum zweiten Mal setzte sich Franz Fischlin die Hornbrille auf und lud zum «Medienclub». Gemäss Vorschau stand eine Diskussion über die Berichterstattung zur Flüchtlingssituation in Europa auf dem Programm, inklusive selbstkritischer Reflexion über die Ablehnung, die Medien erfahren, wenn sie weit herum als «Lügenpresse» betitelt werden. So weit, so spannend.

Die Realität im Studio und am Bildschirm sah dann etwas anders aus. Bereits bei der Eröffnungsfrage zeichnete sich das Debakel ab. Der Moderator wollte von den vier Gästen wissen, welche Bilder sie spontant mit dem Begriff «Flüchtlinge» assoziieren — und zwar als Mensch, als Privatperson, als Bürger und nicht als Medienschaffende, wie Franz Fischlin präzisierte. «Emma»-Verlegerin Alice Schwarzer gab auf die klare Frage eine ebenso klare und knappe Antwort: Wenn sie «Flüchtlinge» hört, sieht sie Menschen hinter Zäunen.

Doch bereits bei Daniel Binswanger («Das Magazin»), dem zweiten Befragten, wurde das zentrale Manko erkennbar, das später die ganze Diskussion prägen sollte: Die Medienleute scheiterten am geforderten Perspektiven- und Rollenwechsel, zur eigenen Berufsidentität Distanz zu gewinnen und auch als Privatperson aufzutreten und noch wichtiger: als Beobachter mit reflektierender, selbstkritischer Distanz zum eigenen Tun.

Anstatt es seiner Vorrednerin gleichzutun und kurz und bündig jenes Bild zu nennen, das ihm beim Stichwort «Flüchtlinge» spontan in den Sinn kommt, holte Binswanger aus, erklärte, analysierte, interpretierte, um erst auf Nachfrage des Moderators die eigentliche Frage doch noch zu beantworten —es ein Bild treibender und mitunter leerer Boote im Mittelmeer. Bei Philipp Gut (Weltwoche) und zuletzt auch Filmemacher Samir scheiterte das Vorhaben der Einstiegsfrage vollends. Beide wollten sich nur als Berufsperson äussern und schalteten direkt in den politischen Erklärmodus.

Sie verweigerten sich damit nicht nur der geforderten persönlichen Perspektive, sondern entzogen sich auch der kritischen Selbstreflexion, indem sie von ihrer Arbeit sprachen und nicht über ihre Arbeit. Über weite Strecken der Sendung referierten die Diskutierenden, allen voran Gut und Binswanger, ihre hinlänglich aus ihren Veröffentlichungen bekannten Positionen zur Flüchtlingssituation. Einen Mehrwert mag man höchstens darin erkennen, dass für einmal Weltwoche und «Magazin» direkt aufeinanderprallten. Dazu braucht es aber keine medienkritische Sendungen. Gut und Binswanger waren beide schon Gäste in der «Arena». Dort gibt das Platz für die politische Diskussion. Entsprechend häufig intervenierte Moderator Fischlin und erinnerte seine Gäste daran, dass sie im «Medienclub» sitzen: «Ich muss Sie unterbrechen, das sind politische Ausführungen.»

Der Geniessbarkeit auch nicht besonders zuträglich war die mangelnde Bereitschaft der Gäste zu einem geordneten Gesprächsverlauf. Man kennt das auch von anderen Sendungen, aber das regelmässige Aufwallen des Wortschwalls in Richtung Unverständlichkeit nahm im «Medienclub» eine unerträgliche Dimension an. Die regelmässigem Besänftigungsversuche des Moderators zeigten nur kurzfristig Wirkung. Wäre es wenigstens richtig hoch zu und her gegangen, mit Ausfälligkeiten und Beschimpfungen, dann hätte man dem Ganzen wenigstens noch einen Unterhaltungswert abgewinnen können. So aber war es nur chaotisch. Erkenntnisgewinn gleich null. Kurz nach Sendungsmitte zog Medienjournalist Christof Moser bereits eine vernichtende Zwischenbilanz, die bis zum Ende Bestand haben sollte:

Für Irritation sorgte Moderator Franz Fischlin mit undeutlichen und missverständlichen Positionsnahmen, mit der er seine Rolle als Moderator kompromittierte. Zuerst kritisierte er heftig die Spezialausgabe des «Blick» im letzten September, bei der Flüchtlinge (darunter übrigens viele mit Journalismushintergrund) das Blatt gestalteten, und fragte: «Dürfen die das?»

Worauf Samir entgegenhielt, was das für eine Frage sei, ob die das dürfen, wenn Flüchtlinge, die in den Medien sonst nur als Objekte vorkommen, für einmal eine prominente Plattform erhielten. Alice Schwarzer sekundierte: «Das ist doch eine gute journalistische Idee. Was gibt es dagegen zu sagen?» Und Daniel Binswanger hielt es gar eine «brilliante Idee», für einmal die Betroffenen reden zu lassen, relativierte aber die Leistung mit Verweis auf die damals unstete und in alle Richtungen emotionalisierende Flüchtlingsberichterstattung des «Blick». Die sich anbahnende Diskussion über die Zeitung klemmte Fischlin ab mit dem Verweis auf die Nicht-Anwesenheit von «Blick»-Verantwortlichen—nachdem er selbst das Thema in die Runde geworfen hatte.

Ein zweites Mal setzte sich der Moderator in die Nesseln, als er im Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris einen direkten Konnex schuf zwischen den islamistischen Attentätern und den Flüchtlingen, die jetzt nach Europa kommen. Er sagte dies nicht etwa in der Absicht, um diese Verknüpfung, die Rechtsparteien und ihnen wohlgesinnte Medien gerne verbreiten, zu denunzieren, sondern affirmierend als seine eigene Wahrnehmung. Damit brachte Fischlin zuerst Samir und dann Alice Schwarzer gegen sich auf, die empört entgegnete: «Sie bringen etwas ganz unzulässig durcheinander!» Das Zurückrudern wollte Fischling nicht so recht gelingen, trotz erhobenem Zeigefinger und dem Hinweis, er habe nicht die Attentäter mit Flüchtlingen gleichgesetzt, sondern sagen wollen, dass sie auch die Fluchtroute genutzt hätten bei ihrer Rückkehr nach Europa. Schwarzer nannte das «Haarspalterei». Und: «Die islamistische Terroristenszene (…) hat es nicht nötig, weitere Täter zu importieren. Die sind schon längst alle da. Und die gefährlichsten sind bei uns geboren.»

So weit, so schlecht. Spätestens jetzt wäre eigentlich Übungsabbruch angezeigt gewesen, fanden wohl nicht wenige der wenigen Zuschauer.

Aber die Sendung dauerte noch einmal geschlagene vierzig Minuten. Wer es bis zum bitteren Ende aushielt, konnte sich danach einen Orden anheften für das tapfere Erdulden einer — leider nicht einmaligen — programmlichen Entgleisung im «Medienclub». Zur partiellen Ehrenrettung trugen wenigstens noch die Einspieler der Korrespondenten in Grossbritannien, Frankreich, Griechenland und Deutschland bei, die kurz die Berichterstattung zur Flüchtlingssituation in ihren jeweiligen Ländern referierten. Aber das waren nur sieben von 77 Minuten.

Bereits die erste Ausgabe des neuen Formats im vergangenen November war kein Highlight und litt an zu viel Insider-Geplauder, dem der gemeine Medienkonsument nur schwerlich folgen konnte. Es ging um Online-Kommentare und die Frage, ob sich die Medien zu stark von solchen Publikumsäusserungen beeinflussen liessen. Nur dank dem Schriftsteller und Kolumnisten Pedro Lenz, der das Gesagte der Medienleute immer wieder in Alltagssprache übersetzte, konnte man der Diskussion einigermassen folgen. Ansonsten blieb auch damals der Selbstreflexionsgrad der Beteiligten und der daraus resultierende medienkritische Erkenntnisgewinn gering.

Nun könnte man einwenden, es sei zu früh, nach nur zwei Sendungen «Medienclub» eine Bilanz zu ziehen, das Format brauche Zeit um sich entwickeln zu können. Das stimmt zwar. Aber genauso lassen sich bereites heute strukturelle Schwächen erkennen: Über die eigene Arbeit kritisch zu reden, fällt Medienschaffenden offensichtlich schwer. Auch deshalb, weil öffentlich geäusserte Selbstkritik als Schwäche ausgelegt werden könnte. Das macht es für die Redaktion nicht einfach, geeignete Gäste zu finden. Genauso problematisch erwies sich, zumindest in der zweiten Sendung, die Leistung des Moderators. Mit seinen zweifelhaften Interventionen heizte er das Diskussionsklima unnötig an, das er dann mehr schlecht als recht wieder zu beruhigen vermochte.