Franz Marc und die vermenschlichte Darstellung von Tieren in der Malerei

Dr. Nicolas Eber
Jul 30, 2017 · 6 min read

Dem Menschen ist allem Anschein nach eine angeborene Neigung eigen alles um sich herum nach seinem Ebenbild zu beurteilen. Bereits der griechisch-antike Poet Xenophanes (570–470 vor Chr.) brachte es in einem seiner Gedichte zum Ausdruck, dass die Menschheit ihre Götter nach ihrem eigenem Bild erschafft. Man könnte dazu fragen: was Anderes bliebe ihr denn sonst übrig? Diese Tendenz ist auch die Wurzel der Vermenschlichung, oder Anthropomorphismus auf dem Gebiet der Religionen, der Literatur und der bildenden Künste, darunter der Malerei.

Dass Franz Marc die Bezeichnung „Maler der Tiere“ trägt, ist ausser durch sein umfangreiches Spätwerk auch noch durch seine eigene Aussage über die Animalisierung seiner Kunst gerechtfertigt, welche nicht anders zu verstehen ist, als dass er sich weitgehend der Tierdarstellung zuwandte.

Anlässlich der kürzlich zu Ende gegangenen hochkarätigen Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel wurden seine Werke — im Einklang mit seiner eigenen Aussage, wonach er sich in seine Arbeit in pantheistischem Sinne einzufühlen versuchte — als pantheistisch bezeichnet. Pantheismus steht für die Auffassung, dass Gott eins mit dem Kosmos und der Natur ist. Für gläubige Menschen ist dies nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit, trägt jedoch kaum etwas zum besseren Verständnis von Franz Marcs Gemälden bei.

Ich bin der Auffassung, dass die anfangs der 1910-er Jahre entstandenen Tiergemälde von Franz Marc grösstenteils als anthropomorph zu betrachten sind.

Der Anthropomorphismus besitzt tendenziell seit jeher zwei einander entgegengesetzte Richtungen. In der oberen, über den Menschen, bei der unsichtbaren und nichtstofflichen Götter- und Geisterwelt beheimateten Ebene geht die menschliche Bestrebung dahin, deren Repräsentanten sich menschenähnlich vorzustellen und sie damit quasi zu sich herunterzuholen. In der hierarchisch unteren, in der Natur liegenden Ebene geht es ebenfalls generell darum sich deren Repräsentanten d.h. die irdische Natur, in erster Linie die Tiere, menschenähnlich vorzustellen und sie damit quasi zu sich zu erheben. Man könnte demnach — bemerkenswerterweise — beide Tendenzen zusammen als eine Art Gleichmacherei betrachten.

In der Literatur kann die vermenschlichte, anthropomorphe Darstellung der Tierwelt auf eine lange Tradition zurückblicken. Es genügt hier, nur kurz die Namen der wichtigsten Autoren, welche davon Gebrauch gemacht haben, zu erwähnen: vorerst den in der Antike, im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, tätig gewesenen Aesopus, und danach die seine Tierfabeln im 17. und 18. Jahrhundert wiedererweckenden Jean de la Fontaine und Gottthold Ephraim Lessing, ferner Johann Wolfgang von Goethe (Reineke Fuchs), die Gebrüder Grimm, Carlo Collodi (Pinocchio), den Nobelpreisträger Rudyard Kipling (Das Dschungelbuch), Felix Salten (Bambi), und schliesslich aber nicht zuletzt George Orwell (Farm der Tiere).

In der Malerei sucht man — wenn man von den Illustrationen literarischer Werke absieht — weit und breit vergeblich danach. Der einzige diesbezügliche Versuch von Bedeutung — derjenige von Franz Marc — vor rund hundert Jahren blieb erstaunlicher- und bemerkenswerterweise bis in die Gegenwart unerkannt und unverstanden.

Gemäss offiziellem Standpunkt der Kunstgeschichte und Kunstkritik existieren bis heute eigentlich gar keine als anthropomorph anerkannten Tiergemälde und sie sind bisher auch kein Thema für sie gewesen.

Der Umstand, dass die vermenschlichte, anthropomorphe Darstellung der Tierwelt in der Malerei gegenüber der Literatur so lange auf sich warten liess, ist angesichts der diesbezüglich stark eingeschränkten Freiheit und Möglichkeiten der Malerei im Vergleich zu denen der Literatur leicht zu verstehen. In der Literatur können die vermenschlichten Darsteller des Geschehens im Gegensatz zu der Malerei eigene Namen tragen und sowohl reden, wie auch handeln und verfügen demzufolge über eine eigene Individualität. In der Malerei ist hingegen ein klar erkennbar, naturgetreu dargestelltes Tier lediglich ein Repräsentant der betreffenden Tiergattung, besitzt jedoch keine eigene Individualität.

Daraus lässt sich folgern, dass die Schlüsselfrage der anthropomorphen Tierdarstellung in der Malerei in der Verleihung einer Individualität verborgen liegt. Anders ausgedrückt sind eine glaubwürdige anthropomorphe Darstellbarkeit und die Individualität der dargestellten Tiere gegenseitig untrennbar verbunden. Ausserdem ist es unerlässlich zu realisieren, dass vermenschlichte Darstellungen immer Fantasieprodukte sind und naturgetreue Abbildungen und Portraits daher niemals als anthropomorph gelten können.

Die den darzustellenden Tieren von vornherein fehlende Individualität musste Franz Marc im Interesse der anthropomorphen Darstellbarkeit alleine mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln der Malerei: mit Formen und Farben erzeugen. Er war quasi dazu gezwungen mit einer Art Verneinung darauf hinzuweisen, dass es sich bei den von ihm abgebildeten nicht um gewöhnliche, namenlose Dutzendtiere, sondern um Individuen handelte. Womit er dies in der Regel erzielte war eine Kombination aus unnatürlicher Farbgebung — z.B. blaue oder gelbe Pferde, gelbe Kuh — aus ungewöhnlichen Körperhaltungen und beeindruckenden Blicken.

Aufschlussreich ist diesbezüglich das was Paul Klee, der Freund und Malerkollege im Gedenken an Franz Marc 1916 nach dessen Soldatentod in sein Tagebuch notierte: „Zu den Tieren neigt er sich menschlich. Er überhöht sie zu sich“. Dies ist ganz in dem Sinne wie ich anthropomorphisieren verstehe und hier weiter oben interpretiert habe. Interessant ist ausserdem auch das was die Lyrikerin Else Lasker-Schüler, Ehegattin des Sturm-Gründers Herwarth Walden und gute Freundin von Franz Marc in einem Nekrolog über ihn schrieb: „Er war der, welcher die Tiere noch reden hörte, und er verklärte ihre unverstandenen Seelen.“ Auch dies steht im Einklang mit meinem Verständnis von Marcs anthropomorphem Darstellungsstil.

Dafür dass Franz Marc nicht nur einfach im Stile des orphischen Expressionismus und unter Verwendung der auf Robert Delaunay zurückgehenden Einführung einer auf den Spektralfarben des Regenbogens basierenden Farbpalette Tiere malen wollte, sondern dass er vielmehr — selbst wenn er dies unseres Wissens wortwörtlich nicht zum Ausdruck brachte — mit klarer Absicht und Überlegung so etwas wie ihre anthropomorphe Darstellung beabsichtigte, liefert uns folgender Satz aus einem Brief an seine Frau, Maria einen recht vielsagenden Hinweis: „Ich habe auch gar nie das Verlangen… die Tiere zu malen wie ich sie ansehe, sondern wie sie sind…“

Ein bisher noch nicht erwähnter Aspekt zum Verständnis dessen weshalb die anthropomorphe Tierdarstellung in der Malerei im Vergleich zu der Literatur so lange auf sich warten liess, liegt auch noch darin verborgen, dass das Problem der fehlenden Individualität offenbar erst mit den Mitteln des Expressionismus lösbar geworden ist.

Es scheint demnach, dass neben und zusätzlich zur Individualität auch in dem expressionistischen Stil ein unerlässliches Kriterium zur anthropomorphen Tierdarstellung verborgen liegt. Damit wird es einerseits verständlich weshalb die anthropomorphe und zugleich expressionistische Tierdarstellung erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts — nachdem sich der Expressionismus sich bereits entfalten konnte — möglich wurde. Andererseits wird angesichts dessen, dass auch der Expressionismus nur ein Ismus und wie jeder Ismus nur vorübergehend war, auch halbwegs verständlich, weshalb es für Franz Marcs anthropomorphe Tierdarstellung — davon abgesehen, dass er mit seiner Genialität die Latte auch sehr hoch gestellt hatte — keine Nachfolger gab. Sein Werk kann nämlich als die Krone, der Abschluss eines nach allem Anschein nicht weiter fortsetzbaren und steigerungsfähigen Themas angesehen werden.

Zur weiteren Stützung der These, wonach die überwiegende Anzahl von Franz Marcs zwischen 1911 und 1914 entstandenen Tiergemälden als anthropomorph klassifizierbar sind, sollen die hier anschliessend beispielweise abgebildeten Gemälde dienen.

Abb. 1. Blaues Pferd in Landschaft. Abb. 2. Tiger.

Die Abbildungen 1. und 2. Blaues Pferd in Landschaft und Tiger sind charakteristische Beispiele im vorhergehend erläuterten Sinne für die Individualisierung durch Farbgebung, Körperhaltung und im Falle des Tigers durch den suggestiven Blick. Die in Abbildung 3. dargestellten drei Katzen sind als die Reaktion der zwei im Hintergrund abgebildeten Katzeneltern auf das provozierende Benehmen ihres Sprösslings im Vordergrund interpretierbar, wobei Blick, Mienenspiel und Körperhaltung eines jeden der drei dargestellten Tiere eindeutig als vermenschlicht erscheint.

Abb. 3. Katzenfamilie. Abb. 4. Die Wölfe — Balkankrieg 1913

Ganz eindeutig und zweifelsfrei anthropomorph ist das als Abb. 4. reproduzierte Gemälde, wobei die diesbezügliche Absicht des Malers bereits aus der Titelbezeichnung klar hervorgeht, nämlich, dass er damit die besondere Grausamkeit jenes Krieges zu symbolisieren beabsichtigte. Damit liefert er aber zugleich auch ein klares Indiz dafür, dass ihm die bewusst vermenschlichte Darstellung von Tieren auch ansonsten und ganz allgemein nicht fremd ist.

Es ist wohl offensichtlich, dass zumindest im Falle der in den Abb. 3. und 4. reproduzierten Gemälde die anthropomorphe Bezeichnung die viel passendere und aussagefähigere ist als diejenige der pantheistischen.

Auch wenn dies nur zwei herausgegriffene Beispiele aus vielen sind, gestatten sie die kunsthistorisch bedeutsame Feststellung, dass es Franz Marc als erstem und bis jetzt einzigen Maler gelungen ist, das Problem der anthropomorphen Tierdarstellung zu lösen. Ebenso dass von diesen Beispielen ausgehend auch zahlreiche seiner übrigen Tiergemälde als anthropomorph klassifizierbar sind.

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