Self-Herding: Der Domino-Effekt einer einzigen schlechten Entscheidung
Eine einzige Entscheidung, die wir unüberlegt treffen, kann eine Kettenreaktion von schlechten Entscheidungen auslösen, die uns über Jahre hinweg negativ beeinflusst.
Fangen wir mit einem kleinen Gedankenexperiment an:
Stell dir vor, dein typischer Montagmorgen sieht Woche für Woche folgendermaßen aus:
Du hältst ein Teammeeting um zu besprechen, was eure wichtigsten Aufgaben für diese Woche sind. Normalerweise treffen sich alle Mitarbeiter um 9 Uhr im Konferenzraum und reden noch ein wenig über ihr Wochenende, bis sich jeder um viertel nach neun gemütlich mit seinem Kaffee an den Tisch setzt.
Nach ein zwei Späßen in der großen Runde leitest du das Meeting ein und alle fangen an konzentriert und gut gelaunt mitzuwirken.
Es ist mal wieder Montagmorgen:
Du willst nur noch kurz deine Unterlagen für das Meeting zusammensuchen. Mit dem letzten Stapel Blätter ziehst du mit einem Ruck auch deinen frisch gebrühten Kaffee mit vom Tisch…
Das Ergebnis?
Nicht nur brennt dein rechtes Bein jetzt wie Feuer, sondern du darfst auch noch 8 Stunden in einer halb nassen Kaffeehose im Büro sitzen…
Mittlerweile ist es 09:07 Uhr. Nachdem du versucht hast deine Hose halbwegs zu trocknen betrittst du den Konferenzraum. Alle stehen noch plaudernd und lachend herum und unterhalten sich angeregt über ihr Wochenende.
Du stellst dich vorne vor das große Whiteboard:
„So genug geplaudert, das hier ist ein Meeting kein Kaffeeklatsch“
Danach hältst du eine 15 minütige Rede über mehr Effizienz und besseres Zeitmanagement, denn die Konkurrenz schläft nicht und die Firma hat große Pläne, die vollen Einsatz verlangen.
Es ist eine Woche später und wieder Zeit für das Montags-Meeting. Um Punkt 9.00 Uhr eröffnest du die Besprechung und steigst sofort in die Fakten ein. Kein Geplauder, keine Späße.
Und so läuft nun jeder Montagmorgen ab.
Aber wieso jetzt auf einmal die Strenge und der Zeitdruck?
Bisher hat jeder der Teilnehmer des Meetings es genossen einmal kurz alle Kollegen zu sehen und sich über sein Wochenende auszutauschen.
Es war nicht nur ein Austausch von Nettigkeiten, sondern hat vielmehr ohne großen Mehraufwand dazu geführt, dass das Betriebsklima ausgeglichen ist und die Teammoral stark bleibt.
Wieso aber kann eine einzige, aus der Emotion heraus getroffene Entscheidung solch einen langfristigen Einfluss auf uns haben?
Unser Gehirn nimmt unsere alten Entscheidungen in einer Situation als Anker für zukünftige Entscheidungen in ähnlichen Situationen, um weniger Energie aufwenden zu müssen.
Denn wenn wir für jede Alltagsentscheidung alle Facetten in Betracht ziehen würden, wären wir nicht nur viel zu langsam und quasi gelähmt von der Informationsflut die uns jeden Tag erwartet, sondern würden letztendlich durch *Decision Fatigue zu ausgelaugt sein um wichtige Entscheidungen gut überlegt zu treffen.
Stellen wir uns vor du bist auf dem Weg zur Arbeit und siehst zwei neue Cafés, die direkt nebeneinander aufgemacht haben.
Da die letzte Nacht etwas kurz war entschließt du dich noch schnell einen Cappuccino zu trinken. Die Eingänge der Cafés sind keine zwei Meter auseinander und da im Eingang des rechten Lokals gerade 3 Mütter ihre Kinderwägen aus der Tür manövrieren, springst du flott ins linke Café.

Als du ein paar Tage später dann wieder etwas früh dran bist und Lust auf einen Kaffee hast gehst du intuitiv in das selbe Café, wie beim letzten mal.
Du triffst also aus keinem anderen Grund die selbe Entscheidung, wie beim letzten mal außer eben, weil du dich schon einmal genau so entschieden hast.
Unabhängig davon, ob die Situation jetzt eine andere ist oder die Entscheidung beim letzten Mal rational gesehen die falsche war.
Genau das ist auch das trickreiche an der ganzen Geschichte: Self-Herding ist fast immer nützlich und sinnvoll, denn wo wir unseren Kaffee trinken spielt keine entscheidende Rolle für den Verlauf unseres Lebens.
Jedoch merken wir es auch nicht, wenn diese kognitive Verzerrung sich in die wichtigen Teile unseres Lebens einschleicht.
Was können wir jetzt also tun, um nicht solch eine Entscheidungsspirale zu kommen?
Die simple aber gleichermaßen anstrengende Antwort ist Selbstreflektion. Ich mache mir die Mühe grundsätzlich in zwei Fällen:
- Wenn ich einer neuen Situation begegnet bin, um keinen schlechten Präzedenzfall für mich selbst zu setzen
- Wenn ich merke, dass sich mein Verhalten in einer bestimmten Situation verändert hat, ohne das ich mich aktiv anders verhalten wollte
Für meine Selbstreflektion stelle ich mir folgende Fragen und schreibe mir dann immer ein paar Sätze oder Stichwörter auf mein geliebtes Whiteboard, was ich definitiv zu häufig als Papierersatz benutze:
- Wie war meine Gefühlslage beim Treffen der Entscheidung? War ich recht entspannt oder doch eher gestresst, wütend, ausgelaugt, traurig?
- Seit wann verhalte ich mich so und wann war das erste Mal, dass ich mich für die Verhaltensart entschieden habe?
- Wenn ich jetzt die Situation jetzt aus der Distanz und rational betrachte, war das die bestmögliche Entscheidung?
Je nachdem wie meine Antworten ausfallen, versuche ich aktiv beim nächsten Mal, wenn ich in die Situation komme, welche ich reflektiert habe, mich nicht einfach der spontanen und automatisierten Lösung hinzugeben. Stattdessen versuche ich mich so zu verhalten, wie ich es mir bei der Reflektion vorgestellt habe.
*Hier die Erklärung von Decision Fatique
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Quellen:
- Professor Dr. Dan Ariely — Denken hilft zwar, nützt aber nichts.
- Professor Dr. Robert Cialdini — Influence
- Professor Dr. Robb Willer „Social Psychology 150A“, UC Berkeley
