Ist die Kompetenzorientierung der richtige Weg in der Lehre?

Kompetenz ist vielleicht das Buzzword in Pädagogik und Didaktik der letzten zwanzig Jahre. Nach und und nach werden auch in Deutschland sämtliche Lehr- und Lernformen darauf ausgerichtet, dass Lernende nicht mehr “Wissen lernen”, sondern “Kompetenzen erwerben”. Prüfungen werden angepasst und kompetenzorientiert gestaltet, was auch immer das jetzt so genau heißen soll. Doch was bringt dieser Wandel überhaupt?

Eine sehr skeptische Einschätzung formuliert der us-amerikanische Pädagoge und Bildungsaktivist E.D. Hirsch: In seinem Buch mit dem provokanten Titel Why Knowledge Matters. Rescuing our Children from Failed Educational Theories rechnet er mit der in seinen Augen fatalen Bildungsideologie ab und zeigt Alternativen auf.

Die Idee der “Kompetenzen”

Die Idee hinter der Kompetenzorientierung klingt einfach und einleuchtend: Anstatt zusammenhangloses Wissen auswendig zu lernen, sollen Schülerinnen und Schüler Kompetenzen im Umgang mit Wissen erwerben. Sie sollen also nicht in erster Linie “Wissen wissen”, sondern “wissen, wie sie Wissen erwerben und mit ihm umgehen”. Anstatt also die Daten des 30-jährigen Krieges einfach zu lernen, sollen sie sich selbst — zum Beispiel im Umgang mit Originalquellen — ein Bild von dem Krieg erarbeiten. Auch mathematische Zusammenhänge sollen nicht einfach hingenommen und gelernt, sondern selbst hergeleitet oder entdeckt werden. Dazu ist es, so die Verfechter der Kompetenzorientierung, zentral, dass Kinder allgemeine und abstrakte Kompetenzen erwerben.

Gerade in den Vereinigten Staaten ist die Kompetenzorientierung zur zentralen Idee der Bildungspolitik geworden. Sie wurde bereits in den 1960ern fest verankert und bildet seit dem No Child Left Behind-Act die Grundlage für die Evaluation von Schulen und Lehrern. Damit ist das Abschneiden der Schülerinnen und Schüler bei den zentralen Vergleichstests fundamental für die Finanzierung, ja möglicherweise sogar die Schließung von Schulen und das Gehalt oder die Weiterbeschäftigung von Lehrern.

Besonders wichtig ist dabei die Lesekompetenz der Schüler_innen, also die Fähigkeit aus einem Text die in den Augen der Test-Ersteller relevanten Informationen herauszufiltern. Dabei ist der Themenbereich, aus dem der Text kommt, offensichtlich nicht vorab bekannt und es gibt auch keinen inhaltlichen Lehrplan, an dem die Lehrer_innen sich orientieren können, um den Schüler_innen das notwendige Kontextwissen zu vermitteln. Im Fokus steht die rein abstrakte Kompetenz.

Und, funktioniert es?

In dieser Loslösung der Kompetenz von dem Wissen, auf dessen Grundlage sie agiert, sieht Hirsch nun den zentralen Irrtum dieser Idee. Er geht sogar noch weiter und macht die zunehmende Kompetenzorientierung für den Niedergang des US-amerikanischen Bildungssystems verantwortlich. Die in dem 1983 in dem Report A Nation at Risk beschriebenen Probleme, führt er unmittelbar auf den Paradigmenwechsel zurück und beruft sich dabei unter anderem auch auf die Erfahrungen in Frankreich: Hier wurde 1990 durch das so genannte Loi Jospin eine kompetenzorientierte Reform des Bildungssystems vorgenommen und nur kurze Zeit später zeigten sich hier ähnliche Probleme wie in den USA: schlechtere Ergebnisse in standardisierten Vergleichstests und ein stärkerer Einfluss der sozialen Herkunft auf diese Testergebnisse.

Besonders deutlich wird das für Hirsch im so genannten Fadeout: So zeigen zahlreiche Studien, dass gute Vorschulen in der Lage sind, Kindern aus sozial benachteiligten Elternhäusern Anschluss an die anderen Kinder zu verschaffen. Ja, sie können sogar einen kleinen Vorteil herausarbeiten. Nach dem Wechsel auf eine reguläre, kompetenzorientierte Grundschule verschwindet dieser Vorteil jedoch nach und nach und verkehrt sich wieder in einen Rückstand um — außer an Schulen, die nach Ansicht von Hirsch eben nicht kompetenzorientiert, sondern wissenszentriert arbeiten. So kann er zeigen, dass benachteiligte Schüler von in seinen Augen guten Schulen mehr profitieren als andere und dass sie entsprechend stärker unter schlechten — also kompetenzorientierten — leiden.

Relevantes Vorwissen als wichtigstes Element der Lesekompetenz

Doch Hirsch argumentiert nicht nur mit Statistiken. Er bietet auch eine überzeugende inhaltliche Argumentation, warum die Vermittlung von Kompetenzen nicht losgelöst von der Arbeit mit spezifischem Wissen funktionieren kann. Hirsch zufolge kann ein Text nur dann verstanden werden, wenn der Lesende auf der einen Seite die Wörter an sich versteht und zugleich die neuen Informationen mit bestehendem Wissen in Verbindung setzen kann. Damit werden die Größe des Vokabulars und relevantes Vorwissen zu den wichtigsten Elementen für die Lesekompetenz. Hirsch zeigt zudem unter Bezug auf verschiedene Studien auf, dass passendes, themenspezifisches Wissen eine absolute Notwendigkeit für das Verstehen von Textes ist: demzufolge sei relevantes Vorwissen relevanter als abstrakte “Kompetenz”, IQ und sogar die Komplexität des Textes.

Demzufolge ist die US-amerikanische Art, abstrakte Kompetenzen ohne klar definierten Wissenskanon zu vermitteln absolut widersinnig, wenn diese Kompetenzen anschließend zentralisiert anhand eines beliebigen Themas abgeprüft werden. Der Erfolg bei diesem Test hängt dann nämlich stark von dem Wissen ab, dass die Schüler_innen außerhalb(!) der Schule erwerben konnten und spiegelt damit in erster Linie soziale Unterschiede wieder.

Und nu?

Hirsch sieht die Lösung dieses Problems in einer Rückkehr zu einem zentralisiert gestalteten und auf gesellschaftlich relevantes Wissen ausgerichteten Lehrplans, der dann an den Schulen umgesetzt wird. Dieser Lehrplan würde es erlauben, allen Schüler_innen das Wissen zu vermitteln, das sie benötigen, um sich sicher und kompetent in der Gesellschaft bewegen zu können und alle Aufstiegsmöglichkeiten zu haben. Auch benachteiligten Schüler_innen könnte so das “Herrschaftswissen” vermittelt werden, das für das gesellschaftliche Vorankommen notwendig sei. Anstatt sich auf die Entwicklung individueller Kompetenzen und Talente zu konzentrieren, gelte es, die Kinder auf das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten.

Meine erste Reaktion auf diesen Vorschlag war eine tiefe Skepsis ob dieser doch eher konservative und konformistischen Herangehensweise. Doch ein standardisierter Lehrplan muss nicht zwangsläufig gleichförmige und angepasste Absolventen hervorbringen. Im Gegenteil: Um gesellschaftliche Strukturen effektiv kritisieren und möglicherweise auch verändern zu können, muss man diese Strukturen gut kennen. Man muss sich sicher in der Gesellschaft bewegen können, will man sie verändern. Denn bei einer Gesellschaft geht das nur “von innen”, da kaum ein wirkungsvolles “Außen” existiert.

Es besteht aber natürlich die Gefahr, dass dieser Lehrplan zum Spielball politischer Interessen wird, wie es sich gerade ja in den USA beim “Streit” um die Evolution und neuerdings auch in Polen zeigt. Außerdem müssten “neue” gesellschaftliche Entwicklungen, wie die Akzeptanz von Homosexualität oder die Digitalisierung, wesentlich schneller in den Lehrplan integriert werden können, als dies heute der Fall ist. Hierzu einen flexiblen und gleichzeitig gesellschaftlich ausgewogenen Prozess zu entwickeln stelle ich mir äußerst schwierig vor.

Aus deutscher Perspektive bleibt festzuhalten, das ein Großteil der ganz scharfen Kritik auf die anscheinend extreme Umsetzung in den Vereinigten Staaten gerichtet ist. Die Kompetenzorientierung hält zwar auch in Deutschland Einzug, doch erfolgen Vermittlung und Prüfung immerhin anhand derselben Inhalte. Auch sind Prüfungsergebnisse nicht im selben Maße für die Finanzierung der Schulen relevant. Das mag vielleicht nicht ganz so inhaltlich fokussiert sein, wie Hirsch sich das vorstellt, aber immerhin nennt er das deutsche System als ein positives Beispiel. Sollte diese Verbindung aber auch in Deutschland aufgelöst werden, sollten wir genau überlegen, welche Auswirkungen das haben könnte.

Hirsch richtet sich in meinen Augen auch nicht grundsätzlich gegen die explizite Vermittlung von Kompetenzen, wie ich sie als Schreibberater ja auch vornehme. Er fordert auch keine vollständige didaktische Rolle rückwärts. Er hebt nur hervor, dass wir vor lauter Kompetenzorientierung und der Förderung individueller Talente nicht vergessen sollten, dass wir als Lehrende die Lernenden auf das Leben in unserer Gesellschaft vorbereiten und sie dafür mit dem notwendigen Rüstzeug — und das ist für ihn in erster Linie Wissen — ausstatten müssen. Die Kompetenzen sind ebenfalls wichtig, müssen aber auf vorhandenem Wissen aufbauen.


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