Schnurrbart

Nilz Bokelberg
Sep 8, 2018 · 5 min read

Ich weiß gar nicht mehr, seit wie vielen Jahren ich die Burt Reynolds Fahne hochhalte. Die meisten meiner Freunde haben immer abgewunken. “Ach, der, der macht doch nur so doofe Filme.” Ein Freund hat einst eine eigene T-Shirt-Marke gegründet und ich wollte ihn die ganze Zeit überreden ein “Burt-Shirt” zu machen, mit einem coolen Reynolds-Motiv. Er fand das auch ganz gut, aber offensichtlich nie gut genug, um es dann auch mal wirklich umzusetzen. Die Zeiten waren nie ganz einfach für Burt-Fans.

Vielleicht ist es das, was einen so verbunden hat, denn auch für Reynolds waren mehr Zeiten schwer als golden. Gut war es in den 70ern, in denen er vollends zum Filmstar und Schnurrbart-Ambassador heran reifte. Reynolds war der erste Hollywood-Schauspieler, der (mit “Canonball Run (Auf dem Highway ist die Hölle los)”) die Millionen-Dollar-Gagen-Marke durchbrach. Eine echte Pioniertat für die alleine, ihm heute ganz Hollywood zu Füßen liegen müsste. Als er in “Smokey and the Bandit (Ein ausgekochtes Schlitzohr)” im megastarken Trans Am Bier durch die USA schmuggelte, machte das den Wagen über Nacht so begehrt, dass Pontiac ihm von da an jedes Jahr einen neuen Firebird vor die Tür stellte. So hätte es ewig weitergehen können. Hätte. Wenn Reynolds jemand gewesen wäre, wie viele der heutigen Hollywood Stars. Wenn er jemand mit dem unbedingten Willen zum Erfolg gewesen wäre, der dem Ruhm alles unterordnet. Der ein Management hat, dass genau darauf achtet, was er wann wie wo tut. Aber, so war er halt nicht. Gar nicht. Wirklich überhaupt gar nicht.

Meine Mutter war immer Burt Reynolds Fan. Vielleicht hab ich die #BurtLiebe ja auch von ihr. Nicht, dass sie jeden Film von ihm geguckt hätte oder so, aber sie hat sich immer gefreut ihn zu sehen. Und auch wenn wir alle gerufen haben: “Wie kannst du nur? Der ist doch total uncool!”, hat sie nicht drauf gehört und gelacht und gesagt: “Ich find den super, der ist ein totaler Asi.” Und meinte das als Kompliment.

Denn Burt war wirklich ein Asi. Also, je nachdem, was man darunter versteht. Asi meint in diesem Fall vielleicht so was wie: Nicht schlau und stolz drauf. Beratungsresistent. Und das kann eine Haltung sein, die bewundernswert ist (es kann übrigens auch eine Haltung sein, die sich zu sehr in ihrer Dummheit suhlt, wie bei Nazis und dadurch unerträglich wird). Burt hat sich um wenig geschert, ausser sich selbst. Er war kein Feingeist, niemand, dem es wichtig ist, von allen gemocht zu werden oder besonders weltgewandt zu wirken. Und so kam es sicherlich auch zu den verschiedenen Missverständnissen in seiner Karriere. Das Bärenfellfoto zum Beispiel. Fehler und Bossmove zugleich. Oder das: Der Mann, der “Einer flog übers Kuckucksnest” ablehnte. Das ist eigentlich meine liebste Fehlentscheidung. Und natürlich auch die traurigste. Wie toll hätte Burt das gemacht! Und das soll kein Zweifel an der Nicholson-Performance sein: Die war perfekt auf den Punkt, der Oscar mehr als gerechtfertigt. Aber zu der Zeit hätte Burt das mindestens genauso gut hingekriegt, davon bin ich absolut überzeugt.

Das Spiel von Burt Reynolds hatte eine ganz eigene Qualität, eine Anziehungskraft wie zu der Zeit kaum ein anderer Schauspieler. Burt Reynolds war der erste Schauspieler, der Selbstironie mitbrachte und damit ständig kokettierte. Der Zwinkerer in die Kamera, wenn er gerade etwas besonders gerissenes gemacht hat, um uns zu signalisieren: “Ich weiß, ihr seid da, ihr seht das und ihr freut euch mit mir und deshalb vergesst nicht: Ich mach den ganzen Quatsch nur für euch.”. Das war völlig neu. Und so hinreissend selbstverliebt und lustig — wie hätte man sich dagegen wehren können oder sollen?

Neben dem Kuckucksnest gab es noch viele andere Dilemmas. Angeblich hat er die Rolle des “Han Solo” abgelehnt. James Bond wollte er nicht spielen, weil er meinte, den könne nur ein Brite spielen. Später bereute er das — klar. Aber wie Recht er doch intuitiv hatte. Klar hätte er das gekonnt und wäre vermutlich ein nicht ganz so steif-charmanter Bond wie Moore geworden, aber natürlich muss Bond ein Brite sein.

Die Liste an Rollen, die er ablehnte oder nicht bekam ist lang. Und das waren nicht die einzigen Fehlentscheidungen. Nach “Boogie Nights”, so etwas wie ein Comeback für ihn, ein Film, nach dem er locker eine zweite Karriere wie Bill Murray hätte hinlegen können, als Autorenfilm-Liebling mit so einer absurden Note, feuerte er seinen Agenten, weil er nicht wusste, warum er in so einem komischen Film mitgespielt habe. Ach Burt. Wie kann man jemanden für so etwas nicht lieben?

In den 80ern versuchte er sich immer wieder in ein paar härteren Filmen. Actionreiche Thriller. Burt, der harte Hund. So richtig abkaufen wollte man ihm das fast nie. Hierzulande landeten die meisten dieser Filme dann auch direkt in der Videothek. Helden waren jetzt anders. Waren wie John McLane (für den er wohl auch im Gespräch war). Ironischerweise ein Held mit, genau: Augenzwinkern.

Dazu kam noch die Unmöglichkeit für Reynolds, viel zu drehen, weil er sich auf Grund von Rückenproblemen in eine noch viel problematischere Tablettenabhängigkeit manövriert hatte.

Steil nach oben, langsamer Abstieg, Sackgasse, Comeback, alles mit dem Arsch wieder einreissen. Wie gut ist dieses Leben? Wie toll ist diese Figur?

In den letzten Jahren wurde es immer trauriger und hat mir das Herz gebrochen. Vor 2,3 Jahren veräusserte er alles, was sich über die Jahre an Tinnef angesammelte hatte (u.A. auch eine Kutsche, die ihm Dolly Parton geschenkt hatte — EINE KUTSCHE VON DOLLY PARTON) in einer großen Auktion. Viel unbedeutender Quatsch. Ich bereue es immer noch, bei gar nichts mitgeboten zu haben. Mir wurde auch von einem sehr netten Menschen mal eine Gürtelschnalle von Burt angeboten und ich hab sie nicht bekommen, weil ich an dem Abend nicht weg konnte. Ich war so kurz davor, ein Stück Burt zu haben und habs jedes Mal verbockt. Irgendwie passt das ja auch wiederum zu ihm. Dadurch hab ich vielleicht das authentischste Stück Burt Reynolds, das man haben kann: Keins.

Vor ein paar Monaten sah ich ein Interview mit Burt in der Today Show in Amerika. Da sass er. Zusammengesackt. Fast nur noch flüsternd, nuschelnd. Kaum wieder zu erkennen. Ein Schatten seiner selbst. Ich war wirklich erschrocken. Das würde nicht mehr lange gut gehen, dachte ich.

Die Kommentare unter dem Interview drehen durch, Burt vertauscht Zahlen, macht Gags, die keiner versteht (oder die nicht lustig sind) — auf dem Sessel sitzt ein lebender Anachronismus. Aber die Liebe, mit der er über seinen Vater und dessen mangelnde Akzeptanz des Schauspielerlebens spricht, die Liebe, mit der er über Sally Field spricht: Das war so berührend, so offen. Da hat jemand Bilanz gezogen.

Im gleichen Interview sagt er, er wünsche sich, das ihn George Clooney spielt, wenn ein Film über sein Leben gemacht wird. Als die Moderatorin fragt, warum, antwortet Burt: “Why not?” Und vielleicht ist das die Antwort auf alle Fragen in seinem Leben. Vielleicht ist das das besondere an Burt Reynolds immer gewesen und wird es auch immer bleiben. Vielleicht war das ganz einfach sein ganzes Geheimnis: Ja, es ist bescheuert, man sollte es nicht tun, es macht keinen Sinn und man könnte so viel mehr erreichen. Andererseits:

Why not?