Ihr wollt Kinder? Dann bekommt sie doch einfach. Und: Hört auf zu jammern! — Ein Rant.

Ich habe den Artikel „Liebes Familienministerium“, in dem eine Mitt-/Enddreißigerin beschreibt, was die heutige Generation vom Kinderbekommen abhält, gelesen. Ich habe den Artikel zweier (männlicher) ZEIT-Redakteure „Geht alles gar nicht“, der den Alltag mit Kind und Beruf als „Hölle“ beschreibt, gelesen. Ich habe das Buch zweier — ehemaliger — Redakteurinnen „Die alles ist möglich-Lüge“, in dem ebenfalls umfänglich erklärt wird, dass Familie und Beruf nicht zu vereinen ist, gelesen. Und schließlich las ich das frisch erschienene Buch von Malte Welding „Seid fruchtbar und beschwert Euch“, in dem aufgezeigt wird, welch unglaublich verquere Familienpolitik in Deutschland betrieben wird und dass in Skandinavien alles besser ist.

Die Kurzzusammenfassung nur dieser wenigen Werke lautet: Ihr seid gerade dabei, Euer Leben aufzubauen und denkt vielleicht an Kinder? Lieber nicht, ihr könntet es noch nicht perfekt vorbereitet haben. Ihr habt einen Alltag, der aus spannender, erfüllender Arbeit, Weinabenden mit Freunden, der Vorbereitung für den Halbmarathon und dann und wann einem Kurztrip zur Entspannung besteht? Mit Kindern ist das alles vorbei! Ihr habt gar eine Karriere und verwirklicht Euch beruflich? Das ist für Menschen, die Ihr Leben nicht der Firma schenken möchten, leider nicht möglich. Denn weder Politik noch Unternehmen unterstützen Familien. Jedenfalls zu wenig. So oder so geht am Ende die Beziehung kaputt. Denn entweder zerbricht sie unter dem Druck, dass jeder alles will oder sie zerbricht daran, dass eine Person seine Persönlichkeit zur Unterstützung des anderen über Jahre zurückstellt.

DAS IST DOCH KEIN WUNDER, DASS DIE LEUTE KEINE KINDER MEHR BEKOMMEN, WENN SIE DAS LESEN!

Unbestritten muss in Politik und Gesellschaft in Deutschland noch viel getan werden. Das ist unter anderem in dem Buch von Malte Welding sehr schön nachzulesen. Einerseits. Andererseits ist es so, dass in Deutschland schon ganz schön viel, ganz schön gut ist. Als Gegenprobe erzählt man vielleicht keiner schwedischen, sondern einer schottischen Mutter einmal von dem Segen des „Elterngeldes“ und der „Elternzeit“. Die erste Reaktion der Schottin wird lauten „You mean a paid maternity leave?“ Und die zweite „You’re kidding me?! Whish we had that…!“. (Das Experiment funktioniert auch mit Amerikanern oder Engländern sehr gut). Auch in vielen Unternehmen dreht sich der Wind, langsam, aber er dreht. So wird zum Beispiel bei Bosch Elternzeit als ein Karrierebaustein gewertet. Aber wir Deutschen sind ja grundsätzlich sehr gut darin zu jammern und das Glas besser einmal als halbleer zu betrachten. So auch hier. Und so können Sie in Deutschland auch nach einem Buch „100 Gründe ein Baby zu bekommen“ zwar suchen, aber Sie werden erfolglos bleiben. Leider.

Statt dessen finden Sie Werke, wie die der genannten Autoren, die Ihnen aufzeigen, warum alles nicht geht. Kommen wir zu diesen auch zurück. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich zwar noch den ZEIT-Artikel der Autoren Marc Brost und Heinrich Wefing zu Ende lesen konnte, das Buch „Die alles ist möglich-Lüge“, aber nur in Auszügen lesen konnte, weil es mich so aufregt.

Ganz ehrlich, liebe Redakteure(Innen) in Eurer Mittelschichts-Wohlfühl-Welt, was genau habt ihr Euch denn gedacht, bevor ihr Kinder bekommen habt? Dass ihr Euer Leben aus 45–50 Stunden Wochen, einem Partner der genauso viel arbeitet, Euren Hobbies, den Kochabenden mit den Freunden, dem Sport, dem zweimal im Monat ins Theater oder ins Kino gehen genauso weiterleben könnt, nur mit dem kleinen Unterschied, dass nun ein Kind in der Familie lebt? Ja offensichtlich. Denn es findet sich doch in dem Buch „Die alles ist möglich Lüge“ tatsächlich der Satz (sinngemäß, ich habe das Buch gerade nicht zur Hand) darin: „Ich dachte das Leben geht weiter wie bisher, nur eben mit Kind.“ Ich dachte, ich lese nicht richtig. Da kommen wir doch zum Kern der Sache. Es geht überhaupt nicht um die Unmöglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es geht um die Unmöglichkeit der Verwirklichung von komplett unrealistischen Vorstellungen. Natürlich ist nicht alles möglich. Ich kann nun mal nicht aussehen wie Heidi Klum, einen Vorstandsposten bekleiden, an drei Nachmittagen in der Woche mit den Kindern zum Malen/Turnen/Singen gehen, selbst für den nächsten Triathlon (olympische Distanz natürlich!) trainieren und noch zwei Abende die Woche geschminkt, gut gelaunt und vor Esprit sprühend mit dem Ehepartner essen gehen. Natürlich nicht! Das hat aber nichts mit einer mangelnden Vereinbarkeit zu tun. Sondern damit, dass nun mal nicht alles zeitgleich im Leben geht. Das Leben ist kein Ponyhof. Punkt. Ende. Aus. Das muss doch aber zwei Frauen und zwei Männern, die nun wahrlich nicht mehr Anfang 20 sind, klar sein. Nun ja, offensichtlich nicht. Sonst würden sie ja nicht ihre eigenen Befindlichkeiten in zwei Büchern ausbreiten und eben darüber jammern.

Die Wahrheit I: Es geht nicht alles auf einmal!

Also, liebe Leser und Vielleicht-Kinder-haben-Woller, die Wahrheit ist: Es geht nicht alles auf einmal. War noch nie so. Wird nie so sein. Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden. Sorry.

Wenn einer Karriere machen will und damit für sich persönlich meint, dass dafür 60-Stunden-Wochen notwendig sind, dann kann (will) er oder sie entweder keine Kinder haben oder bedarf eines Partners, der weniger arbeitet, oder entscheidet sich für Ganztags-Kita, Ganztags-Schule sowie eine weitere private Kinderbetreuung, die die Randzeiten auffängt. Hier ist es dann eben so, dass es nicht möglich ist, die eigenen Kinder zum Malkurs und Kindertanz zu begleiten. (Was vielleicht auch gar nicht notwendig ist, da Mal-, Musik- und Tanzangebote auch in den Kitas und Ganztags-Schulen angeboten werden…)

Wer nun sagt „Ja, aber da verpasse ich doch so viel von den Kinder!“, ja, das ist nicht zu leugnen. Man hat weniger Zeit mit den Kindern. Aber irgendwas ist immer. Wer ganz zu Hause bleibt, der verpasst den beruflichen Anschluss. Und trauert diesem früher oder später vielleicht doch hinterher, da er doch eine wesentliche Seite eines Menschen ausmachen kann. Und wer Teilzeit arbeitet, der hat vielleicht das Gefühl, weder dem einen noch dem anderen so gerecht zu werden, wie er oder sie sich das vorgestellt hat. Und in beiden Fällen existiert immer noch nicht mehr Zeit als die besagten 24 Stunden, so dass auch hier Zeit für die persönliche Auszeit wie das Triathlon-Training oder der Abend mit Freunden Mangelware sein wird. Denn beides geht schlecht, wenn man mit der Kinderbetreuung beschäftigt oder aber einfach vom Tagwerk (mit Arbeit, Kindern und Arbeit oder nur Kindern) erschöpft ist.

Die Wahrheit II: Es ist eine Lüge, dass Beruf und Familie nicht vereinbar wäre!

Doch auch wenn nicht alles auf einmal geht, so ist und bleibt es eine Lüge, dass sich Familie und Beruf nicht vereinbaren ließe. Denn wer sagt denn, dass alles extrem sein muss? Dass es nur die Wahl zwischen „Karriere“ aka 60-Wochenstunden sowie „keiner Karriere“ geben muss? Wer sagt, dass man dreimal die Woche mit den Kindern irgendwelche Aktivitäten machen muss? Wer sagt, dass in diesem Zeitfenster, in dem die Kinder relativ klein sind, auch noch der Halbmarathon in unter zwei Stunden gelaufen werden muss? Wer sagt, dass man in eben diesem Zeitfenster, auch noch Konzerte und Museen in schönster Regelmäßigkeit besuchen muss? Und vor allem: Wer sagt, was Karriere ist?

Wie der Weg zwischen Karriere und Kindern, besser: zwischen Beruf und Familie aussieht, das kann jeder nur für sich ganz selbst, mit seiner eigenen Familie entscheiden. Da — wie gesagt — nun mal nicht alles im Leben zur gleichen Zeit geht, muss jeder für sich selbst entscheiden, wo die Abstriche persönlich zu machen sind. Der eine möchte im Beruf zurücktreten und vielleicht nur noch 30 Stunden arbeiten. Der nächste möchte weiter seinen beruflichen Weg gehen, aber nicht mit 50+ Stunden. Folglich wird die Arbeit ein wenig eingedämmt und dazu gibt es eben kaum noch Konzerte und nur noch ausgewählte Abende mit Freunden. Die nächste verschiebt den angepeilten Halbmarathon auf in fünf Jahren.

Aber welche Entscheidungen auch immer, nur wenn man Entscheidungen für sich getroffen hat, kann man diesen Weg auch gehen. Natürlich bleibt der mühsam. Und es wäre schön, wenn die Gesellschaft und die Arbeitgeber hier schon weiter wären. Ich habe am eigenen Leib erleben müssen, dass die Sonntagsreden lang, die Umsetzung dieser aber sehr kurz ist. Wer dazu etwas lesen mag, der kann sich meinen XING-Spielraum-Artikel „Als Frau sind Sie ein Risiko für uns!“ zur Gemüte führen. Aber wenn man sich für einen Weg entschieden hat, dann kann man ihn auch gehen, vorher nicht. Und, damit sind wir wieder beim konkreten Thema, ich kann natürlich kaum einen Weg erfolgreich gehen, wenn ich mir vorstelle, es würden immerzu rosa Blütenblätter auf mich niedersinken und ein kühles Lüftchen meinen Weg begleiten, wenn von vornherein klar ist, dass dies aufgrund klimatischer Bedingungen unmöglich sein wird.

Zur Wahrheit gehört auch, dass sich trotz bester Planung und allem Realitätssinn hier wie da Erschöpfung und ein Hadern mit dem eigenen Lebensmodell einstellen wird. Sicher. Denn in unserer Luxus-Mittelstands-Welt bleibt immer die Zeit, sich zu hinterfragen. Wenn man sich aber bewusst für einen Weg (wie auch immer der aussieht!) entscheidet, dann wird man eben darin immer wieder das eigene gewählte Glück erkennen. Denn eben dafür hat man sich entschieden. Auf wunderschönste Weise hat dies der von mir geschätzte Wolfgang Lüneburger in seinem Text „Geht alles doch — Dass sich Kinder und Karriere nicht vereinbaren lassen, ist eine Lüge. EINE ERWIDERUNG AUF MARC BROST UND HEINRICH WEFING“ beschrieben.

Die Wahrheit III: Kinder und Karriere sind zu vereinbaren — Hört auf zu jammern!

Weil eben Kinder und Karriere sehr wohl mit einander zu vereinbaren sind (auch wenn es immer noch schwierig ist, siehe auch die Kommentare unter dem XING-Artikel), regen mich persönlich diese Befindlichkeitsbetrachtungen unglaublich auf. So viele junge Menschen hadern mit der Frage, ob sie Kinder bekommen sollten oder nicht. Es herrscht so viel Angst, Kinder zu bekommen. Es herrscht nicht nur der Glaube „Mit Kindern ist alles vorbei“, sondern auch der Anspruch „Alles perfekt zu machen“. Warum denn aber bloß? Weil wir in einer perfektionistischen Gesellschaft leben — vermutlich. Und da muss natürlich auch das Kind perfekt werden. Und der eigene Lebensentwurf sowieso. Körper, Karriere, Sozialleben. Alles muss perfekt sein. Ganz ehrlich, was ein Blödsinn. Nichts und niemand ist perfekt. Und was heißt das eigentlich? Wer definiert das perfekte Leben? Warum reibt man sich daran auf? Eben. Das ist überhaupt nicht notwendig.

Es gibt keinen Grund zu jammern. Es muss nur jeder für sich entscheiden, wie er sein Leben mit Kindern (oder vielleicht auch ohne) leben möchte. Und man sollte sich dafür hüten, das Leben mit den eigenen (oder gar noch fremden) Ansprüchen zu überfrachten. Wie oben gesagt, alles geht nun mal nicht im Leben. Das ist so und wird so bleiben. Das ist aber wahrlich keine neue Erkenntnis.

Zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat übrigens auch mein Mann einmal etwas geschrieben. Wer mag, der kann hier in dem Artikel „10 Fragen an Daddy Joachim Diercks“ bei Daddylicious nachlesen.

Die Wahrheit IV: Es gibt noch viel zu tun — aber packen wir es an!

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum mich diese Bücher maßlos aufregen. Sie enthalten auch viele richtige Anmerkungen und Ansatzpunkte dazu, was sich noch alles in unserer Gesellschaft und im Arbeitsleben ändern muss, damit nicht nur eine privilegierte Minderheit Beruf und Kinder unter einen Hut bekommen können, sondern eigentlich alle. Das geht aber bei dieser Marktschreierei vollkommen unter. Hängen bleibt: „Ach so, das geht also wirklich alles nicht. Na gut, dann lass ich das mit dem Kinderkriegen besser doch.“. Nein, nein und nochmals nein! Es gibt noch viel zu tun. Aber das muss auch angepackt werden. Je mehr Führungskräfte in Elternzeit gehen und Arbeitszeiten reduzieren bzw. eine 40 Stunden Woche eine solche sein lassen, desto mehr Akzeptanz wird es insgesamt für den Zustand geben, dass Kinder zum Leben dazu gehören. Das Bejammern des Status-quo hilft niemandem!

Die Wahrheit V: Ich wünsche jedem Mut, sich für ein Kind zu entscheiden.

Und so wünsche ich, wie ich schon in dem Artikel „Kinder, Karriere, Leben — Ein Plädoyer gegen die Angst“ schrieb, jedem den Mut, sich einfach für ein Kind zu entscheiden. Denn mit Kindern ist das Leben einfach rosa-rot und glitzert auch wenn ständig Rotze drüber läuft. Darüber redet bloß leider kaum einer. Es ist so, wie es Malte Welding in seinem Buch beschreibt:

Wenn wir nun mit unserem Kleinen spazieren gehen, dann lächeln uns andere Eltern mit kleinen Kindern verstohlen zu, und wir signalisieren ihnen zurück, dass wir Bescheid wissen. Wir sind Mitglieder im Fight Club, wir erkennen einander an unseren Augenringen, an unseren Dehnungsstreifen und beknackten Haaren. Wir lächeln einander an, weil nur wir wissen, wie gut es ist, Mitglied zu sein.“

Das Problem ist: Eine der Regeln des Fight Clubs lautet, dass man nicht über den Fight Club sprechen darf. Und die Regel scheint auch hier zu greifen. Über das unbändige Glück ein Kind zu haben, spricht kaum einer. Es ist auch schwer zu vermitteln. Es ist, wie einem Blinden von Farben zu erzählen. Aber ich kennen keinen, der es bereut hätte, in den Fight Club einzutreten.

In diesem Sinne,

kommt. Seid nicht so perfektionistisch. Habt Mut. Für Kinder und einen Beruf. Es geht. Alles findet sich.

PS: Last but not least, diese Bücher regen mich auch deswegen maßlos auf, weil sie scheinbar blind für Familien sind, die nicht der Luxus-Wohlfühl-Mittelschicht zugehören. Wie bitte geht es denn den vielen, vielen Familien da draußen, in denen beide Partner arbeiten müssen, weil das Einkommen sonst nicht reicht? Und die nicht zur Not von zu Hause aus arbeiten können, sondern in der Schicht im Betrieb sein müssen? Und die vielleicht gerade mal drei Abende im Monat haben, in denen überhaupt nur die Chance besteht, sich gegenseitig zu sehen? Und von denen nicht einer sagen kann „Ach, jetzt hab ich es ja probiert mit der Vollzeitstelle und den Kindern und dem Sport und den Weinabenden — aber irgendwie passt das nicht zusammen, da arbeite ich dann doch jetzt mal weniger.“ Und obwohl viele dieser Familien nicht das relativ luxuriöse Mittelschichtsleben der oben genannten Autoren haben, so behaupte ich doch einfach mal, dass sicher trotzdem nicht jede dieser Familien tagein tagaus mit dem Schicksal hadert, sondern auch glücklich ist.