Frag @noemata: Ist eine kuratierte Timeline auf Twitter eine gute Idee?

Sebastian Baumer
Feb 7, 2016 · 2 min read

Auf Facebook funktioniere die algorithmisch-sortierte Timeline super, sagen die Leute von Twitter. Sie sagen auch: Die Nutzer würden das wirklich haben wollen, selbst wenn sie vorher explizit dagegen wären.

Ganz abgesehen von den vielen sonstigen Problemen mit einer vorsortierten Timeline (Live-Events funktionieren nicht mehr richtig, die bisherige Twitter-Erfahrung wird komplett zerlegt, Konversationen und Replies werden plötzlich sehr seltsam etc. pp.) gibt es mit dieser Art von Argumentation ein Problem: Es gibt hinsichtlich der Zusammenstellung der Timeline einen riesigen Unterschied zwischen Facebook und Twitter. Auf Facebook bin ich vor allem mit Leuten befreundet, die ich aus dem echten Leben kenne, auf Twitter folge ich bewusst Leuten, die mir interessante Inhalte liefern.

Deswegen macht bei Facebook eine vorsortierte und gefilterte Timeline durchaus Sinn: Meine Kollegen, Kumpels, alten Schulfreunde, neuen Bekanntschaften, mit denen ich dort “befreundet” bin, posten den ganzen Tag vorwiegend Kram, der mich nicht unbedingt interessiert. Sie sind ja keine Journalisten und Entertainer, die explizit lesenswerte Inhalte produzieren, sondern sie berichten aus ihrem Leben oder von den Sachen, die sie sich gerade beschäftigen. Hier kann Facebook massiv vorsortieren und mir 3/4 davon wegstreichen, ohne dass es für mich einen Unterschied macht. Im Gegenteil: Der Feed wird in aller Regel tatsächlich besser, wenn ich nur die Highlights sehe.

Auf Twitter aber entscheide alleine ich, wen ich mir in meine Timeline hole. Ich folge deutlich basierend auf Inhalten und asymmetrisch. Wenn mich etwas nicht interessiert, dann folge ich dem entsprechenden Account nicht und es gibt nicht per Default den Zwang, sich gegenseitig zu folgen (“Friends”). Das ist ein riesiger Unterschied, denn die Accounts, die ich abonniere, will ich tatsächlich alle sehen.

Ich habe kein Interesse daran, dass Twitter mir vorfiltert, was ich lustig oder interessant zu finden habe, basierend auf den Likes und Retweets anderer Leute. Ich weiß nicht nur theoretisch, dass Charts jeder Art schon rein mathematisch immer in Mittelmaß enden, sondern auch praktisch, dass Tweets mit hunderten Favs immer die schlechtesten und ältesten Witze sind. Im Gegenteil will ich auf Twitter oft die abseitigen, kleinen, merkwürdigen Accounts und Inhalte am Rande sehen. Eine Sortierung nach Popularität funktioniert also nicht. Aber auch eine Sortierung nach Personen (etwa mit denen ich oft interagiere oder die ich oft fave) funktioniert nicht. Ich weiß, dass Twitterer je nach Tagesform unterschiedlich gut schreiben, aber auch, dass an einem Tag der eine etwas interessantes zu berichten hat, am anderen Tag der andere.

Schon die zwei wichtigsten und üblichsten Kriterien eines Algorithmus zur Erstellung einer kuratierten Timeline sind auf Twitter also deutlich unbrauchbar und abseitigere Kriterien (wie wärs denn gleich mit “nach Länge” oder “alphabetisch”?) werden das nicht besser machen. Wie soll so eine brauchbare Sortierung entstehen, die besser ist als die chronologische?

Sebastian Baumer

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Text, Voodoo und Photographie. Frag @noemata auf Twitter per Reply oder DM.