Smash Capitalism. Eine (andere) Geschichte möglich machen

Schwieriger 1. Mai

Der 1. Mai ist schwierig. Vielen ist er gleichgültig: Fragen um Arbeit und Unterdrückung stellt man sich nicht, das Gegebene wird hingenommen. Andere feiern die Leistung der Gewerkschaften und der Konzerne, die zusammen die Wirtschaft vorantreiben, „Arbeitsplätze schaffen“, die Gesellschaft einen. Und: Deutschland dadurch groß machen — das ist der Subtext. Zum Glück sehr wenige feiern die ursprüngliche und immer mögliche Variante davon: die Volksgemeinschaft, die sich in der Arbeit zusammenschweißt (so ist es auch kein Wunder, dass erst unter den Nazis der 1.Mai als „Tag der Nationalen Arbeit“ zum Feiertag wurde und bald schon „Feiertag des deutschen Volkes“ hieß, die Übereinstimmung beider Kategorien offenbarend).
Aber schwierig bleibt der 1. Mai auch dann, wenn andere — es durchaus gut meinend: aber eben: bloß gut meinend — sich als Arbeiter*innen stolz feiern, als proletarische Klasse die Befreiung der Arbeit vom Kapital erkämpfen wollen und am Ende sich einen Staat wünschen, der Arbeit und Reichtum auf alle gleich verteilt. Auch diese bleiben im warenförmigen Elend verhaftet.
Schwierig ist all das, u. a. weil darin ein positiver Bezug auf Arbeit genommen wird. Wie katastrophal dieser positive Bezug auf Arbeit ist, zeigt nicht zuletzt, was daraus entsprungen ist: Im besten der Fälle, unter günstiger Konjunktur, ergibt sich der nationale Wohlfahrtsstaat, in dem der selbstbetrügerische Alltag als Konsument und Genießer der Gesellschaft des Spektakels leicht fiel, auf Kosten der Natur und von Millionen als Marginalisierte produzierte Menschen. Im schlimmsten der Fälle, kam es zum durch Arbeit vermittelten und auf Angriffskrieg und Vernichtung gegründeten Volkskollektiv des nationalsozialistischen Deutschlands. Oder es kam eben zum Selbstbetrug der Emanzipation: die sozialistischen Staaten, die Individuen unter das Joch einer staatlich organisierten Produktion zwangen, zur Funktion des Kollektivs bestimmten und auf die Rolle des Arbeiters festlegten.
Der Punkt ist: Arbeit ist Teil der kapitalistischen Herrschaft. Die Befreiung von dieser bedeutet die Befreiung von jener. Deshalb sagen wir heute als erstes…

Wenn wir so sprechen, geht es nicht darum, sich in Wunschvorstellungen zu verlieren — »auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen« — oder eine Kompromisslosigkeit raushängen zu lassen, die alles oder gar nichts will. Vielmehr geht es darum, den Rahmen und das Ziel der Kritik im Blick zu behalten. Um besser zu kämpfen.
Den Rahmen: Es geht um die Kritik jener Verhältnisse, die dazu führen, dass es sowas wie Arbeit überhaupt gibt, dass die meisten Menschen um Arbeit herum ihr Leben gestalten müssen, dass Menschen sich selbst nicht ohne Arbeit verstehen können und um Arbeit herum sich definieren (lassen), dass für die Meisten die wichtigen Fragen solche sein müssen: Gibt es gute Arbeit für mich? Bekomme ich ausreichend Lohn? Nimmt mir jemand die Arbeit weg? Dieser Rahmen ist die kapitalistisch-etatistische, warenförmige Vergesellschaftung, die überhaupt erst das, was wir als Probleme wahrnehmen, die Fragen, die wir uns stellen müssen, die Weise, in der wir uns verstehen, bestimmt. Das heißt: Es geht nicht darum, eine Lösung für diese Probleme zu finden, sondern jene Gesellschaft zu überwinden, in der sich diese Probleme überhaupt stellen. Auch weil die Lösung eben sehr schlecht endet.
Das Ziel: kann nichts anderes als die befreite Gesellschaft sein. In Bezug auf Arbeit heißt das: Nicht die Befreiung der Arbeit von ihrem Widerspruch zum Kapital, sondern die Befreiung von der Herrschaft des Kapitals, deren Bestandteil Arbeit ist. Also auch: die Befreiung aus der Arbeit. Und sicher nicht, dass die Arbeiterklasse die Macht im Staat übernimmt und arbeits-/arbeiterfreundliche Verhältnisse durchsetzt. Sondern eben die Überwindung der Verhältnisse, die sowas wie eine „Arbeiterklasse“ hervorbringen, Menschen an Arbeit binden und Staaten brauchen. Worum es geht, ist die Befreiung der Menschen von der in sich verkehrten Gesellschaft, die sie als kaputte Subjekte produziert, sie unter dem Zeichen der Angst leben lässt, sie in Rollen aufteilt, in Konkurrenz untereinander versetzt, sie zur permanenten Frage drängt: „Was bin ich wert?“ und damit dazu verdammt, sich ständig wertlos zu fühlen, sie peinigt und frustriert.

Bei Marx ist es klar: »Das Reich der Freiheit beginnt erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.« Und: »Es ist eins der größten Mißverständnisse, von freier, gesellschaftlicher menschlicher Arbeit, von Arbeit ohne Privateigentum zu sprechen. Die ,Arbeit‘ ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, von Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebug der Arbeit gefaßt wird.«

Gerade aber weil Kapital und Arbeit korrelieren, bleiben die Kämpfe, die rund um die Arbeit sich gestalten, in denen es um Arbeitsbedingungen geht, von zentraler Bedeutung. Nur: Man muss verstehen, wie und weshalb man sie austrägt. Deshalb heißt Befreiung von der Arbeit immer noch: Befreiung von der kapitalistischen Herrschaft, auf zur sozialen Revolution. Smash Capitalism! Heraus zum revolutionären 1. Mai!

Smash Capitalism!

Der erste, unverzichtbare Schritt, der selber schon Praxis ist, heißt also: Schonungslose Kritik der Verhältnisse. Greift die Kritik zu kurz, ist sie schon ganz falsch und nützt nur zum Selbstbetrug. Wenn sie dann praktisch wird, führt sie in die staatliche Produktionskaserne (und einige in den Gulag). Wenn sie ganz verdreht läuft, ist man schnell bei Führer, Blockwart, Weltkrieg und Shoah. Und dann ist die magere Freiheit als Insassen der bürgerlichen Gesellschaft tausendmal besser.
Kapitalismus ist die „in sich verkehrte Gesellschaft“ die immer verkehrtes Bewusstsein hervorbringt. Kapitalismus ist Herrschaft des anonymen und apersonalen Prozess der Kapitalverwertung, die alles unter sich bestimmt und doch gleichzeitig vermittelt wird durch die Interaktion freier, als antagonistisch hervorgebrachten Teile, die sich aufeinander als Warenbesitzer*innen begegnen. Und durch diese Begegnung um den Warentausch herum, zum Zweck der Realisierung des Wertes, dem die Produktion der Waren vorausgeht, wird die Gesellschaft zusammengefügt.
Individuen existieren in ihr als Warenbesitzende, -produzierende (oder produzieren-lassende), -tauschende und damit als das, was Kapitalverwertung ermöglicht. Sie nehmen in der Gesamtdynamik notwendigerweise eine mehr oder weniger bestimmte Rolle ein, abhängig davon, ob sie irgendeinen Anteil an dem, was tatsächlich herrschend ist (Kapital) haben oder nicht. Die ersten lassen arbeiten, die zweiten müssen arbeiten. Beide unterliegen (selbstverständlich existentiell deutlich unterschiedlich) Zwängen, die vom Zwang der Kapitalvermehrung abgeleitet sind. Dass der Zwang zur Verwertung zu einem Konflikt führt zwischen Kapitalist*innen und Arbeiter*innen ist Folge des Gesamtgefüges.
Kein Grund dafür aber, in sowas wie dem Sieg der Arbeit über das Kapital und in der Errichtung eines Arbeiterstaates, die Lösung der Probleme zu sehen: Arbeit selber ist Teil kapitalistischer Verhältnisse, die Aufteilung in Menschen, die zur Arbeit von den Umständen gezwungen werden und Menschen, die zur Kapitalvermehrung gezwungenen sind, ist der verkehrten Gesellschaft immanent. Es ist nicht so, dass Arbeit eine Naturnotwendigkeit ist und dass sie im Kapitalismus pervertiert und missbraucht oder einfach schlecht organisiert wird (so schlecht, dass man z.B. arbeitslos werden kann). Und das Problem ist auch nicht einfach, dass den Arbeiter*innen die Produkte ihrer Arbeit entnommen werden. Das Problem bleibt eine Gesellschaft, die Reichtum als Ware produziert, und dementsprechend auch die menschliche Tätigkeit bestimmt. Es gibt sowas wie Arbeit erst im Kapitalismus: Eine meist unangenehme Tätigkeit, die klar getrennt ist von anderen Tätigkeiten, die auf Vielen deutlich mehr lastet als auf anderen Wenigen, die meistens unnötiges produziert für einen perversen Zweck. Was man braucht ist die Abschaffung der wertvermittelten warenproduzierenden Gesellschaft. Also: ganz neue gesellschaftliche Beziehungen. Nicht nur: aufgrund des tatsächlichen Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital, der dazu führt, dass das Kapital so stark auf die Arbeit einwirkt, dass diese zerstört gehen kann, können von sich aus die Kämpfe im Namen der Arbeit auch in einem gewissen Grad zur Erhaltung des Systems diene. Wunder des Kampfes gegen ein in sich widersprüchliches System! Und doch, weil Arbeit und Arbeiter*innen in ihrer Rolle als Arbeiter*innen diese Gesellschaft auch produzieren und reproduzieren, können Kämpfe auf dieser Ebene von zentraler Bedeutung sein. Was man braucht: Die Sabotage der Mechanik des Systems, nicht ihre Verbesserung.

In der kapitalistischen Vergesellschaftung verbinden sich und kombinieren sich mit der Herrschaft der Kapitalverwertung unterschiedliche Herrschaftsbeziehungen. Damit kapitalistische wertförmige Vergesellschaftung möglich ist, müssen Natur und Menschen (immer wieder) entsprechend präpariert werden. Und dazu gehören verschiedene Formen der „ursprünglichen Akkumulation“ (Marx), die nicht nur am Anfang des Kapitalismus stehen, sondern ihn permanent begleiten (Luxemburg). Weil wertförmige Vergesellschaftung nicht reibungslos gelingt und von sich aus zur eigenen Krise führt, sind immer wieder immer weitere Notmaßnahmen, um das Ganze in Gang zu halten, notwendig. Immer ist das Bestehen kapitalistischer Vergesellschaftung von unbezahlter Aneignung von Land, Arbeit und Ressourcen begleitet, von einer gewissen Hierarchisierung der Regionen der Welt. Und von der Durchsetzung einer bestimmten Unterscheidung, Normierung und Hierarchisierung der Geschlechter. All das wird durch Gewalt durchgesetzt.
Nicht zuletzt deshalb ist Kapitalismus begleitet worden von der Geburt von Nationalstaaten, die gleichzeitig nach innen durch die Rechtsform den Markt ermöglicht haben und mit Gewalt sowohl nach „innen“ als auch nach „außen“, die Welt für die Verwertbarkeit bereitet haben. Und diese Gewalt, als gestärkter polizeilicher Apparat, als tödliche Grenzen, als Normierung der Körper, als relative Begrenzung der auch der sonst zugelassenen privaten Freiheiten nimmt aktuell zu, entsprechend der akuten und tendenziell permanenten Krise.
Unter diesem Aspekt sind Kategorien wie Geschlecht und Herkunft sowie die ökologische Frage sicher keine Nebenwidersprüche oder gar Nebenschauplätze eines fundamentalen Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit (der selbst nicht ausreichend kapitalistische Vergesellschaftung und Herrschaft beschreibt). Sie sind vielmehr Produkt von Herrschaftsverhältnissen, auf dessen Fortwährung Kapitalismus konstitutiv aufbaut. Gerade die anonyme Herrschaft des automatischen Subjektes, die sich über die formale Gleichheit der Rechts- und Warensubjekte reproduziert, braucht eben immer unmittelbare Gewalt, die rassistische und sexistisch-patriarchale Ungleichheit erzeugt und erhält. (Vgl. Buckel: Dirty Capitalism). Kapitalismus braucht, um seinen Normalzustand aufrecht zu erhalten, ungeheure Gewalt „nach außen“, in Richtungen, die nicht in die Rechnung hineingenommen werden.
Für eine emanzipatorische Kraft heißt es, dass die Abschaffung der Herrschaft des Kapitals gleichzeitig der Emanzipation von anderen, mit ihm verflochtenen Formen von Herrschaft, bedarf. Deshalb sind alle emanzipatorische Kämpfe und Widerstandspraxen untrennbar: nicht erst durch eine gute Intention, sondern aufgrund der objektiven Verflechtung selbst. Vergisst man eine Seite, ist der ganze Kampf unvollständig. Er verwickelt sich in Widersprüche, endet in Engpässe, wirkt schließlich regressiv. Deshalb ist unser Antikapitalismus antirassistisch, queerfeministisch, ökologisch. Deshalb ist unser Antirassismus, unser Queerfeminismus, unser Umweltschutz antikapitalistisch.
Emanzipatorische Kämpfe müssen von Anfang an transnational sein und sich gegen die Hierarchisierung unter Menschen anhand der Staatsbürgerschaft, die vom globalen Kapitalismus produziert wird und die dieser wiederum braucht, richten. Überhaupt muss die Aufteilung in Nationalstaaten als Teil kapitalistischer Vergesellschaftung durchleuchtet werden. Die Privilegien, die die Zugehörigkeit einem Staat garantiert, etwa in der Form der Teilhabe an dem nationalen Sozialstaat als Teil eines relativen Klassenkompromisses, müssen als solche benannt werden und nicht als emanzipatorisches Anliegen (wie es im Fall der linken nationalistischen Projekte der Fall ist). Besonders zu suchen ist die Einheit mit den vielen Kämpfen von Migrant*innen und Flüchtenden, deren Bewegung den kapitalistischen Status Quo herausfordert. Eine emanzipatorische Politik der Aufhebung der Grenzen, bei Behauptung radikaler Egalität, wäre dabei eine Umschreibung der befreiten Gesellschaft und gleichzeitig eine konkrete Anleitung dahin.
Die Geschlechterungleichheit führt zur und macht sich u.a. an der unbezahlten materiellen und emotionalen Reproduktionsarbeit fest. Diese steigert die Möglichkeit der Mehrwertschöpfung: Vermittelt ist ein Teil des Mehrwerts nicht durch die Ausbeutung der Arbeiter*innen gegeben, sondern als Extraktion aus einer typischerweise stärker den Frauen überlassenen Arbeit gegeben. Damit verbindet sich kapitalistische Herrschaft mit Herrschaftsverhältnisse, die die Binarität der Geschlechter zwangshaft hervorbringen. Befreiend wäre hier wirklich nicht bloß eine egalitäre Aufteilung der reproduktiven Arbeit, nicht nur die innerkapitalistische Aufhebung der Binarität der Geschlechter, sondern gleichzeitig die Überwindung jener Gesellschaft, die auf die hierarchisierte Binarität aufbaut. Und doch: Damit wäre der Binaritätszwang noch nicht selbst aufgehoben. Eine queere Utopie, wenn diese heißt, nicht nur vom Zwang bestimmter Identifikationen, sondern vom Zwang von Identifikation überhaupt befreit zu sein, kann wegweisend sein.

Kapitalismus ist immer in sich nationalistisch und etatistisch. Der Staat organisiert die Bedingungen für die gelungene Kapitalakkumulation auf seinem Territorium. Dazu gehört auch immer die Integration der Widersprüche, die der Kapitalismus in der Gesellschaft hervorbringt. Der Staat bändigt das Kapital, damit es sich nicht selbst zerstört, in dem er das bewahrt, was das Kapital zum Leben braucht: Arbeitskraft, Kaufkraft, Warensubjekte. Dem Staat obliegt es, eine innere Widersprüchlichkeit zu einer Einheit zu schweißen, die Erzeugung einer Identität aus Nichtidentischem. Reicht bei guter Konjunktur einfach die Aufrechterhaltung des Rechtsstaates und die Anerkennung der Verschiedenen als gleiche Rechtssubjekte, tritt in Zeiten der akuteren Krise der Rekurs auf eine vermeintlich ursprünglichere Einheit und Identität hervor, die der Nation oder gar des Volkes. So oder so ist die Identifikation — aus Interesse oder Überzeugung — mit der Nation unumgänglich. Kurz: Kapitalismus bedarf der Nation und bringt immer auch verstaatlichte-nationale Subjekte hervor. Der antikapitalistische Kampf ist per se antinational.
In Zeiten der Krise wächst die Sehnsucht nach einem besonderen Einsatz des Staates, um deren Auswirkungen zu bändigen: „Arbeitsplätze zu sichern“ und die Kapitalakkumulation wieder in Gang zu bringen. Deshalb wächst auch die autoritäre Sehnsucht, selbst links. Möge der Staat die Gesellschaft wieder in Ordnung bringen, mit allen möglichen Mitteln — es versteht sich: zum Wohle aller! Das bestimmt eine gewisse Kontinuität zwischen Normalbetrieb des Staates und faschistischer Variante, sowohl was Repression, als auch was Fürsorge angeht. Dabei darf die Besonderheit der nationalsozialistischen Krisenlösung nicht übersehen werden, die eine tatsächliche wenn auch negative Aufhebung kapitalistischer Zustände auf der Basis des Kapitalismus selbst versucht hat. Der Nationalsozialismus hat dabei auch gegen den Staat und gegen das Kapital einen regressiven Antiautoritarismus entfesselt, die Konkurrenz zwischen Banden freigelassen, und die Einheit dieser als Volksgemeinschaft durch Raubkrieg und eliminatorischen Antisemitismus erzeugt. Nicht zuletzt wurde die Volksgemeinschaft um die durch Raubkrieg und Elimination erzeugte Arbeit geschweißt.
Unser Antikapitalismus muss von sich aus sich gegen regressive Lösungs- und Überwindungsversuche der kapitalistischen Krise währen: Er ist damit unmittelbar antifaschistisch.
Der kapitalistischen Gesellschaft wohnt Antisemitismus inne. Die anonyme Herrschaft des Kapitals als automatisches Subjekt bleibt für die meisten Insassen der verkehrten Gesellschaft unverständlich: Etwas muss noch dahinterstecken, wenn die Sachen nicht so laufen, wie man aufgrund des verkehrten Bewusstseins erwartet. Selbst, wenn man die Kapitalisten als das Problem im Visier hat (nicht aber das Kapital), geht die Rechnung nicht auf. Irgendetwas muss noch sein. Früher oder später bekommt dieses Etwas einen bestimmten Namen: Die Juden. Die Juden, die nicht arbeiten und sich parasitär anreichen; die Juden, die die Strippen der Welt ziehen; die Juden, die die Einheit der Volksgemeinschaft verunmöglichen. Und links, meistens angedeutet: Das böse Finanzkapital, das als etwas nicht dem Kapitalismus Ursprüngliches verstanden wird. Israel, die erste Ursache des Unfriedens im Nahen Osten und Brückenkopf des Imperialismus. Kapitalismus ist in seinem Herzen antisemitisch. Das wird spätestens deutlich, in seiner negativen Aufhebung im Nationalsozialismus. Das färbt aber implizit (oft genug auch explizit) auf die von links kommenden aber zu kurz greifenden Kritiken ab.
Unser Antikapitalismus soll gegen jeden Antisemitismus sein und so, dass er keinen Antisemitismus hervorbringt. Klar!

Antinihilistisch: für den Communismus

Gerade die emanzipatorischen Bewegungen — angesichts ihres oft selbstverschuldeten Scheiterns — hätten gute Gründe zu denken: Alles ist umsonst! (Und der 1. Mai ist ein Monument dafür). Alles war (schon immer) umsonst. Eine Alternative zur Welt der Herrschaft ist nie möglich gewesen. Denkt man aber so, verschwinden Vergangenheit und Zukunft in einem permanenten, trostlosen Heute, in dem sich das Elend eines Leben reproduziert, in dem man zur Unmündigkeit, zur Reproduktion schicksalsähnlicher Verhältnisse, verdammt wird — ohne es mehr zu merken. Dann ist man am Ende der Geschichte — nicht, weil Geschichte sich erfüllt hat, sondern weil Geschichte nie gewesen ist. Man ist dann versucht zu denken, dass die richtige Einstellung jene ist, sich einzugestehen, dass alles umsonst ist, dass es nichts zu erwarten gibt und nie gab. So ein Leben steht aber wirklich unter dem Zeichen des Todes, auf doppelter Weise: Für ganz viele wortwörtlich, weil mit Lebensbedrohung und Folter konfrontiert, für viele andere, weil Inhalt ihres Lebens der Selbsterhalt ist. Für alle walten im Hintergrund Zwang und Angst. Geschichte kann aber sein. Es gibt eine Alternative zur erzeugten Alternativlosigkeit der warenproduzierenden Gesellschaft, es gibt andere Möglichkeiten, als die, die von dem gegebenen Zustand vorgeschrieben sind. Geschichte kann sein — wenn wir sie machen.
Auch deshalb knüpfen wir heute an die vergangenen Kämpfe und befreiende Bewegungen an, in einer erneuernden Erinnerung, die keinen Platz für Mythen und Nostalgien lässt, sondern uns für das Gegenwärtige wach machen soll: Für die Solidarität mit den vielen Kämpfen, die an dieser Ordnung rütteln und Widerstand gegen die Mechanismen, durch die sie sich reproduziert, leisten. Diese Erinnerung macht unsere Sinne heute dafür scharf, jene Situationen zu erkennen, in denen die günstige Gelegenheit kommt die Welt, die kommen muss,
Dafür brauchen wir aber auch eine Vision zurück. Eine, die den Status quo in Frage stellt und in seiner Unmenschlichkeit demaskiert. Die die unterschiedlichen Bewegungen und Kämpfe verbindet, in den Unterschieden eine Kontinuität stiftet, uns hilft, das emanzipatorische vom regressiven zu unterscheiden. Eine Vision die gleichzeitig auch sagt, worum es gehen soll: um die Aufhebung jeder Herrschaft von Menschen und Strukturen über Menschen; um die Gestaltung einer Welt, die radikale Egalität unter Menschen ermöglicht und gerade darin erst individuelles Leben freisetzt — frei von Identitätszwängen und vom Zwang der Identifizierung. Der Name Kommunismus macht es. Lasst uns den zurücknehmen, lasst uns daraus kämpfen und leben.

--

--

Get the Medium app

A button that says 'Download on the App Store', and if clicked it will lead you to the iOS App store
A button that says 'Get it on, Google Play', and if clicked it will lead you to the Google Play store