«Nur wenige sind des Liebesliedes mächtig»


Nick Cave ist einer der raren Lyriker unter den Rockern. Jetzt ist er in Wien unter die Poesie-Lehrer gegangen und erklärt, wieso die meisten Liebeslieder nichts taugen.
Mit Nick Cave sprach Oliver Fiechter*
Nick Cave, Sie sind der Einladung der Schule für Dichtung in Wien gefolgt, einen Lehrgang in Poesie zu halten. Folgt der Rockbühne nun der Katheder?
Mein Debüt als Lehrer zählte zweifellos zu den eindrucksvollsten Dingen in meinem Leben. Auch die Atmosphäre an der Akademie hat mich ungemein beeindruckt. Die Schule für Dichtung ist ein Ort, wo eine einzigartige Kommunikation möglich ist, die weit über den Literaturbetrieb und die moderne, hypervernetzte und kurzweilige Internet-Kommunikation hinausreicht. Gegenwärtig möchte ich es jedoch bei dieser Erfahrung belassen. Primär sehe ich mich nach wie vor als Musiker und Performer, nicht als Professor.
Sind Sie denn von der Lern- und Lehrbarkeit der Lyrik überzeugt?
Ich meine, wer sich durch den Besuch einer Akademie erhofft, ein kleiner Goethe oder Shakespeare zu werden, ist sowieso nicht sauber im Kopf. Ich kann den Studenten nur Rezepte und Techniken vermitteln und ihnen behilflich sein, in ihrem Bewusstsein kreative Freiräume zu schaffen. Aber ich vermag mit Bestimmtheit keine Verträge mit den Musen abzuschliessen, damit sie sich pünktlich zu Lektionsbeginn einstellen.
Die Schule für Dichtung ist auch die andere Seite des vorherrschenden Dichtermythos vom einsam arbeitenden Genie. Doch ist nicht gerade dieser Mythos, den Sie als Popstar unbedingt pflegen müssten?
Nein. Ich habe Poesie schon immer mit den Augen eines Schamanen angesehen. Der poetische Gedanke, der eine gemeinschaftliche Zeremonie auslöst, ist bedeutend wertvoller als derjenige, der bloss auf einem Manuskript landet und anschliessend in einer verstaubten Schatulle verschwindet. Der soziale Aspekt von Dichtung ist deren höchstes Gut. Wir stehen nun mal in einer Wechselbeziehung mit anderen Wesen. Und die Poesie ist der einzige Weg, auch mit einem Tier, einem Berg oder dem Universum zu kommunizieren.
«Der Mensch lebt in den Liebesliedern und -gedichten sein Recht auf Traurigkeit hemmungslos aus.»


In Ihrer dreitägigen Lehrtätigkeit dozierten Sie zum Thema «Das Liebeslied und wie man es schreibt». Was ist Ihre subjektive Spezifikation eines Love Songs?
Ein Liebeslied ohne Schmerz ist kein Liebeslied, eher das Gegenteil, etwas Böses verkleidet in schöner, anschmiegsamer Seide. Das Liebeslied ist seinem Wesen nach schön traurig, genauer gesagt melancholisch. Das ist es letztlich nämlich auch, was die Menschen an Liebesliedern so fasziniert: Nicht allein ihre sanfte Rhythmik oder die schöne Melodie und geistvolle Metrik spricht sie an, sondern die herzzerreissenden Gefühle, die sich dahinter wie kleine Monster verbergen. Der Mensch lebt in den Liebesliedern und -gedichten sein Recht auf Traurigkeit hemmungslos aus. Sie sind Balsam für die von sozialen, moralischen und wirtschaftlichen Pflichten gemarterten Seelen.
«Verdammnis und die Suche nach Erlösung sind die Wurzeln, der Literatur, der Musik, der Mode — der Kunst und Kultur.»
Ist der Schmerz lediglich essentieller Bestandteil eines Liebesliedes oder gar dessen Prämisse?
Der Schmerz ist klar Voraussetzung. Halten wir uns den Minnegesang vor Augen: Das Motiv des Sängers, ein Lied zu verfassen und es vorzutragen, war immer das Liebesleid. Der Kummer und der Schmerz waren sein inspirierendes Moment. Heute verhält es sich noch genauso. Gäbe es keine Angebeteten, denen die Dichter verzweifelt nachstiegen, entstünden keine Liebesgedichte. Und gäbe es keinen Gott, nach dem sich unser Unterbewusstes sehnt, existierten auf der Welt keine literarischen Erzeugnisse. Axiomatisch ausgedrückt: Verdammnis und die Suche nach Erlösung sind die Wurzeln, der Literatur, der Musik, der Mode — der Kunst und Kultur.
Sind aus dieser Perspektive die Liebeslieder der modernen Popmusik überhaupt ernst zu nehmen?
Nein, wirklich nicht. Die gegenwärtige Gefühlsduselei und der ganze Boygroupkram ist lächerlich. Es gibt tatsächlich nur ganz wenige Musiker und Musikerinnen im westlichen Kulturbetrieb, die der wahren, okkulten Gesetze des Liebesliedes mächtig sind.
Wer fällt Ihnen dazu spontan ein?
Bob Dylan ist sicherlich eine dieser Koryphäen. Aber auch Patti Smith oder Leonard Cohen haben im Laufe ihrer Karrieren schon solche Poetik-Perlen komponiert. Aus der Garde der eher jüngeren Interpreten kommt mir nur P. J. Harvey in den Sinn.
Sie selbst haben nach dem frühen Tod Ihres Vaters zu schreiben begonnen.
Mein Vater starb als ich 19 Jahre alt war. Mit dem Schreiben habe ich meinen unsäglichen Schmerz kompensiert. Über die Sprache fand ich den Weg in mein tiefes Inneres und zu Gott. Mittels der poetischen Kraft vermochte ich auch wieder, mich mit meinem Vater zu unterhalten. Poesie ist magisch, eine Art metakommunikative Brücke, die man ins Jenseits schlagen kann, um sich mit seinen verstorbenen Geliebten über den Tod hinaus zu besprechen. Es ist ein Paradoxon, aber mein Verständnis der Sprache, evoziert durch das Ableben meines Vaters, lehrte mich die Unverletzlichkeit des Lebens. Mein Vater musste sterben, damit ich das unmittelbare Wissen um die Kräfte und Energien des Universums zurückgewinnen konnte.
Sie haben eine sehr bewegte Vergangenheit, die über weite Strecken im Zeichen von Drogen und Depressionen stand. Heute scheinen Sie beseelt von der unglücklichen Idee der romantischen Liebe. Ist das eine Konsequenz daraus?
Das ist gut möglich. Obwohl ich eigentlich schon immer schwermütig veranlagt war, hat mein Gang durch die Hölle mein Inneres endgültig nach aussen gekehrt. Ich habe mich lange vor dem wirklichen Leben verstecken wollen, mit nur damit beschäftigt, ein alternatives Universum zu konstruieren, wo ich mich ungestört narkotisieren konnte. Irgendwann dann die Seifenblase geplatzt, und ich wurde mit den ganzen Schmerzen und Obsessionen, die sich angesammelt hatten, konfrontiert.
*Das Gespräch mit Nick Cave gehört in die Reihe «The Interview Archives». Es wird mit anderen Interviews im Herbst 2016 in Buchform erscheinen wird.