“Fesch seid’s”: Ein Kompliment gone wrong

Foto: Karin Molzer/Lichtpixel

Dienstag um 9 Uhr im Co-Working-Space. Wenn man in einem Großraumbüro Ruhe haben will, dann zu dieser Zeit. Den Ort hatten Melinda und ich gewählt, um das Video für unsere Kickstarter-Kampagne zu drehen. Zwei Menschen waren außer uns und unserem Kameramann noch im Raum. Die Kaffeemaschine schwieg, die beiden Personen auch. Und so war relativ gut zu hören, was wir hier eigentlich machen.

Eine halbe Stunde sprachen wir beide immer und immer wieder unsere zweiminütige Beschreibung der Kampagne ab. Warum wir einen New York-Guide für Freelancer und Freelancerinnen, Unternehmer und Unternehmerinnen und Startups schreiben. Wie Melinda nach London gezogen ist, dort Berufserfahrung gesammelt hat und jetzt selbständige Kommunikationsstrategin für Unternehmen ist. Wie ich als freie Journalistin nach San Francisco gezogen bin und dort mein Business aufgezogen und letztendlich ein Magazin gegründet habe. Was wir unseren Leserinnen und Lesern mit diesem Guide vermitteln wollen. Wie wir uns selbst in New York und anderen Städten durchgeschlagen haben und jetzt den Ratgeber schreiben, den wir auch gebraucht hätten. Wie wir Frauen, aber eigentlich alle Menschen dieser Welt motivieren wollen, weltweite Netzwerke aufzubauen. Weil wir das eben auch gemacht haben.

Kurze Verschnaufpause. Unser Kameramann checkt, ob wir gut im Bild sind. Da läuft einer der beiden Menschen, die sich mit uns im Co-Working-Space befanden, an uns vorbei. Ein Mann, in unserem Alter. Er blickt zu uns, lächelt und sagt aufgeweckt: “Fesch seid’s!” (deutsch: “Hübsch seht ihr aus”).

Ich habe ein diplomatisches WTF-Lächeln, in der Hoffnung, dass der Typ der beste Freund von Melinda und deshalb so etwas sagt. Ich blicke zu Melinda, ihr Blick sagt noch etwas lauter WTF.

“Hat der Typ jetzt echt ne halbe Stunde zugehört und das einzige Kompliment, das ihm einfällt ist ‘Fesch seid’s’?” Unsere Reaktion war einstimmig: WTF. Haben wir nicht eben zehn Mal was hintereinander etwas von “…empower women to conquer the world, expand your business, get new clients…” gesagt?

Unsere zweite Reaktion darauf war ebenso konform: “Jetzt erst recht.” Unsere Lebensläufe übertrumpfen unsere Äußerlichkeiten allemal. Unsere Lebensläufe übertrumpfen auch den unseres Kommentators, (den ich als Journalistin kenne, aber meines Wissens nach er mich nicht). Aber hey, was zählt’s. Ihr habt eine Vagina, also Hauptsache ihr seht gut aus.

War doch nett gemeint

Nein, so war es ja gar nicht gemeint. War doch nur nett gemeint, höflich. Wollte uns einfach ein bisschen aufheitern und nicht so spaßbefreit im Video aussehen lassen. Das sind die Ausreden, die man sich als Frau in solchen Situationen anhören kann. Aber ich will so eine Ausrede nicht hören, wenn Melinda und ich gerade 30 Minuten lang unsere Karriere runter gepredigt haben. Wir haben’s drauf. Dass wir offenbar nicht wie Monster aussehen, tut in einem Co-Working-Space beim einem Business-Dreh nichts zur Sache. Schon gar nicht, wenn wir uns nicht kennen.

Es sind Erlebnisse wie diese, die uns in der Startup- und Gründerszene das Leben erschweren. Selbst wenn unsere Fachkenntnisse und Lebenswege bekannt sind, zählt letztendlich Äußeres. Oder es wird zumindest verniedlicht. “Fesch sind’s, die zwei Mädls, die in die Kamera irgendwas von einem süßen New York-Ratgeber plappern.”

Besonders ärgerlich ist, dass der, um den es hier geht, mittlerweile eine Position hat, in der er Einfluss auf Startups hat, ihnen Beratung und Finanzierung geben kann — oder eben nicht. Und so über ihr Schicksal mitbestimmt. Auch über das von frauengeführten Startups. Sofern die Gründerinnen überhaupt “fesch genug” sind.

Dass es Frauen nicht einfach haben in solchen Männerdomänen, habe ich schon an vielen anderen Stellen geschrieben und dafür Ärger bekommen. Ich mache es weiter. Denn ich bekomme mittlerweile fast jede Woche ähnliche Geschichten zu Ohren. Das Erlebnis, das Journalistinnen beim DJV-Treffen diese Woche hatten, ist ein weiteres Beispiel. Die meisten bleiben trotzdem still, weil die Szene einfach zu klein ist, um jemanden zu ärgern. Ich will aber nicht als nett oder fesch in Erinnerung bleiben. Ich will etwas verändern, und deshalb habe ich hier diese Situation festgehalten.

Was der Mann statt “fesch seid’s” sagen hätte können: “Wow, coole Karrieren”. Versucht das mal, und wartet die Reaktion eures Gegenübers ab.

Wer an der erwähnten Kickstarter-Kampagne interessiert ist: Hier könnt ihr unseren Guide vorbestellen.