Missbrauchsvorwürfe in einer Berliner Kita — Einzelfall oder gesellschaftliches Problem?

Der Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg gilt als kinderreichste Gegend Europas und wird gerne humorvoll als „Pregnancy Hill“, als „Schwangerschaftsberg“, beschrieben. Hier reihen sich Bioläden an Szenecafés und Designerläden, gefühlt schiebt jedes zweite Elternpärchen einen kostspieligen Bugaboo-Kinderwagen vor sich her. Die Welt scheint hier in Ordnung! Nicht ganz … Die Berliner Tageszeitung taz berichtete kürzlich über Missbrauchsvorwürfe in der Kindertagesstätte Gleimstrolche. Kinder, die nicht schlafen wollten, sollen fixiert worden sein. Wenn die Kleinen nicht aßen, wurde angeblich das Essen mit Daumen und Zeigefinger nachgedrückt. Als betroffener Familienvater, der dem gleichen Träger sein Vertrauen schenkt, fängt sofort das Kopfkino an. Auch die noch so kleine Verstimmung meiner zweijährigen Tochter betrachte ich plötzlich in einem ganz anderen Licht. Der Kita-Träger steht nun unter Generalverdacht. Zu Recht?

Warum zunächst die Unschuldsvermutung gelten sollte

Ich kann verstehen, dass Eltern hier sehr emotional reagieren. Schließlich geht es um unsere Kinder. Trotzdem halte ich es für den falschen Weg, jetzt mit Medienvertretern zu sprechen, die sich schnell vor den Kita-Toren einfanden. Neue Gerüchte entstehen: Die Jungs wurden zum Urinieren im Sitzen gezwungen und Kissen sowie Kuscheltiere dienten dazu, Kinder ruhig zu stellen. Schade ist, dass diese Anschuldigungen unter dem Deckmantel der Anonymität hervorgebracht werden. Auch wenn der Quellenschutz im Journalismus ein hohes Gut ist, so halte ich doch die Häufung von anonymen Quellen in der Berichterstattung für fragwürdig. Fakt ist, dass die pädagogische Leitung freigestellt und die beschuldigte Erzieherin fristlos entlassen wurde. Um das nun folgende strafrechtliche Verfahren nicht zu gefährden, kann sich die Kita-Leitung nur sehr bedingt äußern. Eine Tatsache, die für die betroffenen Familien höchst unbefriedigend ist. Trotzdem sollten wir dem Träger die nötige Zeit für eine vollständige Aufarbeitung geben. Der ganzen Sache dienlich ist zudem eine Rückkehr zur Normalität. Hiermit meine ich das Wahrnehmen von gemeinsamen Aktivitäten wie das Elterncafé oder Tagesausflüge. Auch die Erzieher sollten nicht mit bestimmten Fragen behelligt werden, da sie momentan ohnehin eine schwere Zeit durchleben.

Verständnis für die Beschuldigte?

Der Beruf des Erziehers ist ein Knüppeljob. In Berlin kommen auf eine pädagogische Fachkraft im Schnitt 6,2 Kinder — Fortbildungen, Urlaube und Krankheitsausfälle nicht eingerechnet. Ich stelle mir also sechs kleine Würmer vor, von denen sich eines in die Hose macht. Während ich damit beschäftigt bin, das Malheur zu beseitigen, fangen zwei andere an, sich zu streiten. Ein weiteres klettert gerade auf die Fensterbank und ich frage mich, wie ich da den Überblick behalten soll? Meine fast dreijährige Tochter bringt mich teilweise schon an den Rand der Verzweiflung; spannend wird sicherlich, wie ich meine Nerven bei dem bevorstehenden zweiten Kind im Zaum halten werde. Deswegen kann ich mir gut vorstellen, dass es im Alltag eines Erziehers Situationen der Überforderung gibt. Ich will das mögliche Fehlverhalten der beschuldigten Person nicht rechtfertigen. Ich möchte nur die Sinne dafür schärfen, was unsere Erzieher für einen Durchschnittsverdienst von 2.239,- Euro (ostdeutscher Tarif) leisten. Für mich ist es ein gutes Gefühl, wenn meine Tochter morgens freudestrahlend in die Arme der Erzieherin läuft und ich sorgenfrei in den Tag starten kann. Mein Dank gilt der Mehrzahl an pädagogischen Fachkräften, die täglich einen sehr guten Job machen. Dies tritt leider in den Hintergrund, wenn ein Einzelfall den Ruf eines ganzen Berufsstandes gefährdet.

Kultur des Hinschauens

Auch wenn mein uneingeschränktes Vertrauen den Erziehern meiner Tochter gilt, so beschäftigt mich bis heute ein zentraler Punkt: Wie kann es sein, dass das Fehlverhalten einer Person nicht aufgefallen ist? Tatsache ist, dass das Ansprechen eines Missstandes ein hohes Maß an Mut erfordert und mit persönlichen Konsequenzen verbunden sein kann. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass sich im Rahmen des aktuellen Falls zunächst Ex-Praktikanten und -Mitarbeiter zu Wort gemeldet haben. Sie müssen schließlich keine beruflichen Sanktionen fürchten. Doch haben sich die aktiven Kollegen nur nicht getraut oder hat die Kita-Leitung nicht reagiert? In der Vergangenheit ist der eine oder andere Missbrauchsfall durch die Presse gegangen, bei denen sich die Kita-Verantwortlichen mehr Sorgen um den Ruf der Einrichtung gemacht hatten als um das Wohl der Kinder. In jedem Fall benötigen wir eine Kultur des Hinschauens, die auch bei den Verantwortlichen Gehör findet. Selbst wenn die Forderung der Jugendsenatorin Sandra Scheeres das Grundproblem nicht lösen wird, so halte ich sie doch für einen guten Ansatz: eine unabhängige Stelle, an die sich Erzieher in bestimmten Fällen wenden können.

Das eigentliche Problem

Welche Rolle der Kita-Träger gespielt hat, bleibt abzuwarten. Was allerdings keine Zeit mehr hat, ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches in der derzeitigen Diskussion leider zu kurz kommt. Auch wenn Eltern seit 2013 einen Rechtsanspruch auf eine Kita-Betreuung haben, so fehlen immer noch 230.000 Plätze (Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaft Köln). Um auf den erhöhten Bedarf zu reagieren, werden zunehmend fachfremde Betreuer eingestellt, was deutlich zu Lasten der Qualität geht. Die politischen Akteure konnten sich bis heute nicht auf ein bundeseinheitliches Qualitätsgesetz in Kindertagesstätten einigen. Dies könnte z. B. einen adäquaten Personalschlüssel festlegen, der aus pädagogischer Sicht bei dreiKindern liegt. Die Realität: In Ostdeutschland kommt eine Betreuungsperson auf 6,4 Kinder. Nicht zu vergessen, dass die Aufnahme von Flüchtlingskindern zusätzliche Ressourcen erfordert. In diesem Zusammenhang möchte ich die provokante Frage stellen, was Kinder in unserer Gesellschaft eigentlich Wert sind?

Die Qual der Wahl

Dass sich mehr gut ausgebildete junge Menschen unter diesen Rahmenbedingungen für einen Job in der Kita entscheiden, wage ich zu bezweifeln. Zudem sind wir von einer leistungsgerechten Bezahlung weit entfernt. In Frankreich und Schweden hingegen gilt die Kinderbetreuung als gut ausgebaut. Die Gehälter der meist studierten Erzieher orientieren sich hier an denen der Lehrer. Warum ist also der europäische Nachbar Deutschland nicht in der Lage, Anreize für die das pädagogische Fachpersonal von morgen zu schaffen? Grund genug, die Familienpolitik der Parteien bei der anstehenden Bundestagswahl auf den Prüfstand zu stellen. Eines ist sicher: Meine Tochter und ich werden uns an den Parteiständen nicht mit Lippenbekenntnissen und einem Luftballon abspeisen lassen.

Linktipps:

Erzieherin warnt „Manche Erzieher sind so überfordert, dass sie regelmäßig ausrasten” Quelle: Berliner Zeitung

Erzieherin klagt an: Ich erlebe jeden Tag, wie wenig Kinder in diesem Land wert sind Quelle: Huffington Post

Schlecht bezahlt in der Kita Quelle: Zeit Online

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