Gönn (ich) dir nicht.
Als ich ein kleiner Junge war, so etwa 9 oder 10 Jahre alt, wollte meine Mutter meine alte Flikflak Uhr meinem jüngeren Bruder geben. Ich hatte die schon lange nicht getragen, obwohl sie zwei lustige Figuren als Zeiger hatte, und so bunt wie robust war. Ich hatte eine Uhr meines Vaters übernommen, groß, golden, heute würde man prollig sagen, als Kind fand ich sie einfach nur super.
Ich erinnere mich noch gut an meine Reaktion. Ich schrie, ich weinte, ich nahm meinem Bruder die Uhr ab und band mir trotzig beide Uhren um das Handgelenk, um zu beweisen, dass die flikflak Uhr unabdingbar war. Der Gedanke, dass jemand anderes, selbst mein eigener Bruder, etwas bekommen sollte, das mir mir mir gehörte, machte mich wahnsinnig. Ganz unabhängig davon, dass die Uhr seit Wochen unbeachtet im Schrank gelegen hatte, wollte ich nicht akzeptieren, dass jemand anderes sich an ihr erfreuen sollte.
Heute, viele Jahre nach diesem eindrucksvollen Abend, beobachte ich dieses Verhalten nicht so sehr bei Kindern sondern vor allem bei Erwachsenen. Vor wenigen Tagen erschien ein Artikel in der Zeit, in dem Kersten Augustin sich ausführlich über die Diversität aufregt, die er im neuen Ikea Katalog findet. Der Artikel ist so lang wie er dumm ist, die Grundaussage ist “Ich finde, dass normale Familien mit Frau am Herd nicht genug im Katalog zu finden sind, und das macht mich wütend” und gipfelt in der idiotischen Forderung:
Warum nennst du BILLY nicht gleich YUSSUF?
Was mir daran auffällt, ist das Kersten Augustin keinerlei Schaden erleidet, dadurch dass verschiedene Familienkonzepte und diverse Freundesgruppen nebeneinander abgebildet werden. Er stellt selbst fest, dass eine klassische Mann-Frau-Kind-Hund-Familie sogar einmal abgebildet ist. Doch anstatt sich das bevorzugte Lebenskonzept rauszupicken, und zu sagen “Ach das hier gefällt mir am besten”, schreibt er einen vierseitigen Zeit online Artikel, in dem er es doof findet, dass andere andere Konzepte gut finden.
Es fällt mir schwer, einen passenden Namen für das Phänomen zu finden. Streng genommen ist es nicht Neid, denn dieser setzt voraus, dass einem etwas fehlt, das ein(e) andere(r) besitzt, und dass man dem/derjenigen diese Sache nicht gönnt. Vielmehr gönnt man einem anderen Menschen etwas nicht, von dem man selbst genug hat. Kersten Augustin hat sein eigenes Lebenskonzept, mit dem er hoffentlich glücklich ist, und es stört ihn, dass andere mit einem anderen Konzept ebenso glücklich werden können. (Abstruserweise stört es ihn vor allem, dass ein schwedisches Möbelhaus in einem Werbekatalog abbildet, wie andere Menschen mit anderen Konzepten glücklich werden.)
Ich weiß nicht, ob ich es nur selektiv wahrnehme, doch meine ich zu beobachten, dass dieses Nicht-Gönnen sehr deutsch ist. Ich arbeite in einer internationalen Umgebung. Einmal die Woche gibt es eine Kuchenpause, zu der Menschen freiwillig Kuchen bringen, der dann gemeinsam verzehrt wird, während man sich über dies und das austauscht. Weil es sich um viele Leute handelt, kommt viel Kuchen zusammen, und dieser wird nicht immer aufgegessen. Und so steht gerne mal am Abend noch Kuchen vom Nachmittag in der Küche. Seit einer Weile nun stört sich vor allem ein Teil der Deutschen hier daran, dass sich abends, wenn alle weg sind und der Kuchen trocken, manche etwas von dem Kuchen einpacken und mitnehmen. Ich selbst kann das ob der Qualität der Kuchen nicht nachvollziehen, aber hier geht es um etwas anderes.
Den Kuchen hätten sie bezahlt und gebracht, sagen einige, und es sei falsch wenn jemand anderes den mit nach Hause nähme. Die meckernden sähen den Kuchen also lieber trocken am nächsten Morgen in der Mülltonne als am Abend in der Tasche eines Kollegen. Hätte der Kollege den Kuchen zur Pausenzeit aufgegessen, wäre das auch in Ordnung. Es ist schon wieder dieses “Ich-Gönn-Dir-das-nicht”, obwohl kein eigener Nachteil entsteht. Aus Prinzip.
Es geht immer so weiter, sei es das nicht-Gönnen von Hilfen für Flüchtlinge oder andere Benachteiligte, weil diese ja selbst nicht eingezahlt haben, seien es verschlossene Supermarktmülltonnen, damit niemand sich an Müll bereichern kann, bis hin zu der Diskussion um Twitterperlen, wo ein zugegeben fantasieloser Verlag mit den umsonst in die Welt getwitterten Inhalten anderer Geld macht. Das ist zwar nicht elegant, witzig oder innovativ, aber wenn Menschen für ausgedruckte Tweets bezahlen wollen, dann entsteht den Twitternden kein Nachteil. Außer dieses dumpfe Gefühl des “ich hab das umsonst und zum Spaß gemacht, ich will nicht, dass ein anderer davon profitiert.”
Für mich persönlich habe ich entschlossen, dieses Gefühl anzugehen. Immer wenn der Ärger hochkommt, dass jemand davon profitiert, dass ich oder andere etwas geleistet haben, frage ich mich, wer dabei zu schaden kommt. Meist ist die Antwort: niemand. Wenn Reste verspeist, öffentliche Inhalte gesammelt oder verschiedene Familienkonzepte nebeneinander gezeigt werden, dann schadet das den Bäckern, Urhebern oder Kataloglesern genau gar nicht. Stattdessen freue ich mich, dass es noch ein paar mehr Menschen gibt, die von etwas Gutem profitieren können.