olewin
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Oct 3 · 5 min read

Als ich vor kurzem im Zuge des #Klimastreiks bei der #FFF-Demo im beschaulichen Gütersloh auch einige Worte an die Jugendlichen richten konnte und sie ermunterte, sich immer wieder auf die bekannten Klimawissenschaftler zu berufen und nicht von der Kritik der Erwachsenen beeindrucken zu lassen, schallte es mir von einem älteren Mann immer wieder aggressiv entgegen: “Lügner!” schrie er beständig während der kurzen 5 Minuten, in denen ich etwas sagen konnte.

Die Frage, die ich mir nicht erst in diesem Kontext sondern auch schon dann stellte, als v.a. Männer aus den Reihen des rechten/liberalen/konservativen Parteienspektrums ihre Kübel an Häme und Hass über die SchülerInnen und insbesondere Greta Thunberg ausschütteten, ist: Woher rührt all dieser Hass?

Ich hatte es zwar schon etwas vermutet, dass dies mit dem innere Gefühlsleben der hassenden Persönlichkeiten oder ihrer Psyche zusammenhängen könnte (Warum stellt man(n) ansonsten ein 16-jähriges Mädchen weltweit an den digitalen Pranger?); aber erst, nachdem ich (der ich selbst einen sozialwissenschaftlichen Hintergrund habe) zufällig auf einen wirklich großartigen Fachtext gestoßen bin, der sich mit genau dieser Frage beschäftigt, kann ich gewiss sein, dass dem tatsächlich so ist. Der Titel des Textes lautet: “Die Verleugnung der Apokalypse: Der Umgang mit der Klimakrise aus der Perspektive der Existenziellen Psychotherapie” und ist erschienen in der 3. Ausgabe 2019 des Psychotherapeutenjournals. Der Autor des Textes heißt Fabian Chmielewski. Im Kern (in meinen laienhaften Worten): Der Hass ist eine dysfunktionale Antwort auf unbewältigte Todesängste.

Dabei ist es aber wichtig vorab zu betonen, dass es dem Autor nicht um die Diagnose einer psychischen Abweichung im Einzelfall geht — es geht also nicht um die Pathologisierung der Klimawandelskeptiker. Vielmehr sind die im folgenden beschriebenen Verhaltensmuster typisch menschlich, oder wie der Autor schreibt: “Die Patienten — das sind wir alle.” Wir alle sind Adressat seines Textes.

Warum setzt die Ratio bei der Klimadebatte aus?

Seine Ausgangsfrage ist, warum selbst hochgebildete Politiker von “Verdrängungsvorgängen” betroffen sind, und damit die Erkenntnisse, die die Klimawissenschaftler seit Jahren immer wieder der Politik übermitteln, negieren. Warum weisen Politiker (der Jungen Union und der FDP) die Schülerinnen und Schüler (SuS) immer wieder darauf hin, zur Schule zu gehen, um Bildung zu erlangen, um den Klimawandel bekämpfen zu können, wenn schon heute Klimawissenschaftler alle erforderlichen Informationen über den Fakt der Klimaveränderung vorgelegt haben. Wieso wird die offensichtliche Absurdität dieser Argumentationskette nicht erkannt?

Chmielewski sieht den Erklärungsansatz in der sogenannten Existenziellen Psychotherapie begründet, die sich mit Situationen beschäftigt, in denen Menschen existenziellen Ängsten ausgeliefert sind und untersucht wird, welche Strategien Menschen im Umgang damit entwickeln. Wenn Menschen die Endlichkeit des eigenen Seins vor Augen geführt wird (wie dies beim Klimawandel der Fall ist) reagieren diese mit drei unterschiedlichen Strategien.

3 Arten der Reaktion auf Todesangst

Diagnostisch betrachtet ist die natürlich Reaktion auf Angststress in kurzzeitig auftretenden Situation “kämpfen”, “fliehen” und “erstarren und sich tot stellen”. Der Autor meint aber, dass dies mit Blick auf das Langfristprojekt Klimawandel dysfunktional ist, weil durch keine der Kurzfristreaktionen eine nachhaltige Änderung der Situation erreicht wird. Therapeutisch sind mit diesen drei Strategien “Erduldung”, “Vermeidung” und “(Über) Kompensation” verbunden. Eine Erduldung der Klimakrise ist sowohl individuell als auch systemisch dysfunktional, da sie keine Verhaltensänderung beim Einzelnen und der Gesellschaft bewirkt; vielmehr wird “Hilflosigkeit” als Überlebensstrategie perpetuiert. Schon jetzt können aber in der Psychotherapie immer mehr Fälle von Depressionen und Angststörungen als Ausdruck dieser Erduldungsstrategie diagnostiziert werden.

Die Vermeidungsstrategie bringt den Versuch mit sich, sich nicht mit dieser existenziellen Bedrohung auseinandersetzen zu müssen. Es werden Formen der Ablenkung, des “Hedonismus” und der Beschäftigung mit “dringenden Tätigkeiten” gesucht, um Ablenkung zu bekommen. Alternativ wird das problem auch versucht zu externalisieren, indem sich eingeredet wird, dass der Klimawandel nur “irgendwelche Inselvölker” betrifft. Spannend und hochaktuell ist der Text, als an dieser Stelle der Autor den Begriff des “letzten Retters” einführt. Damit ist der Glaube an eine letzte Technik oder den entscheidenden Politiker gemeint, die fähig wären, das Lenkrad im letzten Moment noch herumzureißen. Kommt uns das nicht sehr bekannt vor? In diesem Kontext bezeichnet der Autor gerade die Kinder, die gegen die Apokalypse ankämpfen als “existenziell gesund”, da sie eine höchst funktionale Reaktion zeigen, während die Erwachsenen nicht gesund reagieren, da sie sich dysfunktional verhalten.

Die Überkompensation wird schließlich sichtbar im Versuch, einen “Kreuzzug” gegen die Klimawissenschaft und die Fridays For Future-Bewegung zu führen, wie dies die AfD nun, politisch anders formuliert, angedeutet hat oder aber die eigenen Werte der Individualität (“Ein Tempolimit schränkt meine Freiheit ein”) zu überhöhen, um sich als Gruppe, die diese Werte hochhält, gegenüber den anderen Gruppen abzusetzen und so die eigene (Werte-) Identität als übermenschlich und unsterblich zu sehen. Der Autor betont, dass nachgewiesen werden konnte, dass solche Menschen im Angesicht des Todes “gieriger” und “rücksichtsloser” werden.

Er schreibt: “Verteidigen Menschen aber Werte wie Wachstums- und Profitorientierung, um sich gegen Todesangst abzuschirmen, kann klimaschädliches Verhalten resultieren.”

3 Ansätze gegen dysfunktionale Lösungen

Entsprechend der drei unterschiedlichen persönlichen dysfunktionalen Bewältigungsstrategien schlägt er auch drei Lösungsstrategien vor. Menschen, die die Erduldung gewählt haben, muss die eigene Handlungsmacht vor Augen geführt werden. Es muss deutlich gemacht werden, dass jeder Einzelne die Möglichkeit besitzt, Einfluss auszuüben — sei es durch Änderung des persönlichen Verhaltens oder durch Politisierung.

Menschen mit Vermeidungsstrategien kann man mit dem Appell an die persönliche Verantwortung sowie durch die Personifizierung des Klimaproblems adressieren. Spezifische Handlungsvorschläge und auch hier die Sichtbarmachung von Wirksamkeit sind Werkzeuge, um die Befassung mit dem Problem voranzubringen.

Am schwierigsten sind aber die Menschen zu erreichen, die die Überkompensation gewählt haben und die durch Vorwürfe der “Klimahysterie” in der Debatte auffallen. Es sind dies zudem die Menschen, die sich gegen scheinbaren Eingriff in ihre Selbstbestimmung durch “Öko-Dirigismus” wehren. Der Autor schlägt vor, diese Ich-Fixierung zu nutzen, um persönliche Sinnerfüllung (Die Welt zu retten, ist eine sinnvolle Aufgabe), Zugehörigkeitsgefühl (Wir Menschen sitzen alle in einem Boot) oder die Steigerung des Selbstwertgefühls (“Kosmischer Held” im Klimakampf) zu erreichen.

Am Ende schlägt der Autor noch Strategien vor, um den Druck auf die Politik zu erhöhen. Zu Recht meint er, dass es Sinn macht, wenn Klimawissenschaftler und Psychotherapeuten gemeinsam überlegen, wie man durch geeignete Kommunikationsstrategien die Bereitschaft der Menschen und der Politiker steigert, sich den notwendigen Veränderungen offensiv zu stellen.

Globale Herausforderungen benötigen interdisziplinäre Lösungsansätze

Ich halte diesen Fachtext für Nicht-Therapeuten für augenöffnend. Wieder einmal ist es mehr als offensichtlich, worin der Mehrwert eines interdisziplinären Vorgehens bei solche globalen Herausforderungen besteht. Zudem bietet der Autor ein Analyseraster für die tägliche politische Debatte zur Klimakrise in den sozialen Medien an. Setzt man diese Analysebrille auf und betrachtet durch diese so manche Äußerung prominenter Politiker zur Klimakrise, hat man schnell dieses Raster vor Augen und kann kommunikative Dynamiken besser verstehen und darauf reagieren. Spannend hätte ich noch gefunden, die Analysen der Beweggründe, AfD zu wählen (Angst vor Statusverlust, Erfahrung des Statusverlusts, Gefühl nicht mitzukommen) abzugleichen mit der Angstbewältigungsstrategie der Überkompensation. Dies würde vielleicht erklären, warum der Hass v.a. (aber nicht nur!) von Männern aus dem rechts-konservativen Umfeld kommt.

Es ist lohnenswert, diesen Fachtext auf der oben verlinkten Seiten mal in Gänze zu lesen.

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