Kickstart Accelerator: Es rumort gewaltig

Vordergründig läuft beim Kickstart Accelerator, der unter dem Dach von Digital Zurich 2025 lanciert wurde, alles prächtig: Eben wurde bekannt gegeben, dass die Unternehmen UBS, Credit Suisse, Swisscom, Swiss Life und EY ihre Kräfte bündeln, um das Fintech-Verticle des Kickstart Accelerators zu stützen, und in den nächsten Tagen wird das Team erweitert.

Hinter den Kulissen rumort es allerdings gewaltig. Kernteam-Mitglied Nico Luchsinger, gemäss Website verantwortlich für Programming & Communities, hat den Accelerator bereits Ende Februar verlassen. Zudem sind auch der Zürcher Ständerat Ruedi Noser, immerhin Präsident des Steering Commitees, sowie ein bekannter Mentor zurückgetreten.

Zerbricht der Kickstart Accelerator bereits vor dem ersten Batch?

Offiziell äussern mag sich keiner. Gerüchten zufolge gab es unterschiedliche Ansichten über die Ausrichtung des Accelerator-Programmes. Insbesondere die Rolle der Sponsoren scheint viel Diskussionsbedarf gegeben zu haben. Dass diese sehr gewichtigen Namen bereits aussteigen, bevor im Sommer die ersten Startups das Programm durchlaufen, ist definitiv kein gutes Zeichen. Nico Luchsinger bestätigt, dass er seine operative Rolle im Team per Ende Februar aufgegeben hat. Er habe sich voll auf ein anderes Projekt konzentrieren wollen. Die strategische Ausrichtung von Kickstart habe sich zudem verändert. Der Ausstieg eines erfahrenen Mentors muss ebenfalls als Warnsignal verstanden werden, wenn gleichzeitig eine Kooperation mit namhaften Playern aus der Finanzbranche angekündigt wird. Auch Nosers Austritt, der sich noch am Launch-Event in einer öffentlichen Podiumsdiskussion für den Accelerator stark gemacht hat, kommt einem Erdbeben gleich.

Wie von verschiedenen Quellen zu hören ist, wird die operative Führung offenbar dem Team des Impact HUBs übergeben. Offiziell wird von einer Team-Erweiterung gesprochen. Die Zusammenarbeit mit dem HUB macht intuitiv Sinn, schliesslich hat der HUB bereits längere Erfahrung mit Startup-Support-Programmen. Dennoch stellt sich die Frage, was die Gründe für diesen Exodus im Kernteam sind.

Fokus auf Startups, die Corporates nützen

Im Gespräch mit verschiedenen Exponenten wird deutlich, dass Kickstart ein Kompromiss zwischen unterschiedlichsten Interessen ist. Eigentlich will man disruptive Startups aus dem Ausland anlocken, Zürich als innovativen Startup-Standort positionieren, anderseits aber keinesfalls die Digital Zurich 2025-Firmen kannibalisieren, sondern den Sponsoren einen möglichst grossen Nutzen bringen.

Finanziert ist der Kickstart Accelerator einerseits über die Kick Foundation, aber auch durch Sponsoren, die hinter Digital Zurich 2025 stehen. Das Setup sieht vor, dass neben klassischen Startups auch Corporate Startups aus den Sponsoren-Firmen das Coaching-Programm durchlaufen können. Die Gefahr besteht also, dass sich Kickstart weg von einem Startup-Accelerator zu einer ausgelagerten Innovationsabteilung für die Sponsoren entwickelt. Das Finanzierungsmodell stützt diese These: Die Sponsoren haben offenbar für den ersten Batch CHF 250’000 bezahlt — und wollen Ende Jahr natürlich Resultate sehen. Kontakte zu einigen Startups, die das Programm durchlaufen haben, reichen höchstwahrscheinlich nicht aus. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Innovation-Guy eines grossen Corporates mit seinem üppigen Gehalt kompatibel ist mit den Anforderungen von Early-Stage-Startups.

Fast noch wichtiger ist, dass die zahlenden Enterprises natürlich kein Interesse daran haben, ein Startup zu fördern, das ihnen gefährlich werden könnte, zumal die Startups keine Anteile abgeben müssen. Es werden also keine Entrepreneure mit grossen, disruptiven Ideen ausgewählt, sondern solche, die den Corporates irgendeinen nutzen bringen können. Sunnie Groeneveld, Managing Director von Digital Zurich 2025, wehrt sich gegen diese Interpretation. Der Kickstart Accelerator — gegründet von einer Standort-Initiative — sei keine Kopie von Y Combinator, der früh Anteile der teilnehmenden Startups nimmt und so den Partnern (VCs und Business Angels) Dealflow ermöglicht, sondern das Ziel sei eher, dass ausländische Startups Zugang zu Schweizer Grossunternehmen erhalten, um so beispielsweise einen attraktiven Vertriebskanal nutzen zu können oder ein Pilotprojekt mit ihnen zu realisieren.

Kickstart Accelerator für den Standort Zürich wichtig

Ich glaube, dass starke Player, die sich für den Startup-Standort Zürich und das Ecosystem einsetzen, extrem wichtig sind. Dazu gehören neben den klassischen Akteuren wie dem IFJ natürlich auch die Swiss Start Up Factory und DZh2025 mit Kickstart. Alle diese Institutionen bringen dem Standort Zürich einen grossen Mehrwert, indem sie ihre Power nutzen, um auch im Interesse der Entrepreneure zu lobbyieren. In der aktuellen Steuerdebatte haben sie sich zu Wort gemeldet, für die Startups eingesetzt und auch tatsächlich etwas bewirkt. Dass die verschiedenen Anspruchsgruppen aber den Kickstart Accelerator zerreissen könnten, zeigt exemplarisch der ominöse Blick-Artikel auf:

@BarJack @marcwalder @blogstone da fragt man sich, um was es bei @dzh2025 wirklich geht. Gefühl: „Old Economy schützen“. Schade…
— Dennis Just (@dennisjust) March 13, 2016

Es wäre kein gutes Zeichen, wenn eines dieser Prestigeprojekte bereits wieder verschwände. Essenziell ist, dass eine klare Strategie gefunden werden kann, die den Ansprüchen aller Stakeholder (Startup, Enterprises, Politik) genügen. Ich bin mir aber sicher, dass Sunnie diesen Sturm meistert und der Kickstart Accelerator mit einer klaren Ausrichtung auf Entrepreneure erfolgreich werden kann.


Originally published at www.oliver-flueckiger.ch on March 16, 2016.