Wie sinnvoll sind eigentlich Acceleratoren für Startups?

Kürzlich wurde in Zürich der Kickstart Accelerator lanciert, und letzte Woche startete der erste Batch der Swiss Start Up Factory mit sechs Projekten. Grund genug, um den neusten Hype in der Schweizer Startupszene etwas genauer anzuschauen.

Vor etwa vier Jahren schossen in Deutschland unzählige Inkubatoren und Accelerators wie Pilze aus dem Boden. In der Zwischenzeit sind die meisten wieder verschwunden, da die Verantwortlichen erkennen mussten, dass fliessbandmässiges Gründen und Supporten nicht ganz einfach ist. Das sieht man auch daran, dass man die wirklich erfolgreichen Inkubatoren weltweit an einer Hand abzählen kann.

Swiss Start Up Factory mit unattraktivem Deal

In der Schweiz kam der Trend mit Verspätung an. Vor einem Jahr wurde die Swiss Start Up Factory als Inkubator gegründet. Im letzten Frühling sah ich die SSUF noch positiv. In der Zwischenzeit hat sich die Start Up Factory zu einem Accelerator gewandelt und sieht sich nicht mehr als Company Builder, sondern unterstützt drei Monate lang in einem stukturierten Programm Jungunternehmen.

Leider hat die Start Up Factory in der Gründerszene mit ihren Terms (CHF 15’000 in Cash plus CHF 35’000 in Leistungen für 10% der Shares) trotz ihrer Omnipräsenz so ziemlich alle Credits verspielt. Meine These ist, dass ein unattraktiver Deal auch nur zweitklassige Gründer anzieht. Die richtig guten Ideen gehen entweder zu einem Top-Inkubator wie Y Combinator oder sind gar nicht erst auf derartige Unterstützung angewiesen, da sie von hervorragenden VCs finanziert werden. Das ist bedauernswert, denn private Initiativen im Ökosystem sind sehr begrüssenswert.

Kickstart Accelerator setzt auf das Ecosystem

Der Kickstart Accelerator (nicht zu verwechseln mit Kickstarter!) ist aus der Stiftung Kick (die auch zusammen mit dem IFJ Venture Kick veranstaltet) und DigitalZurich2025 hervorgegangen, und kann deshalb auf breite Unterstützung aus Wirtschaft und Politik zählen. Geführt wird der Accelerator von den Szenegrössen Sunnie Groeneveld (siehe auch den Post in ihrem Blog), Dominik Wensauer und Nico Luchsinger. Auch die Mentoren sind prominent, so stehen den Gründern z.B. Marc P. Bernegger und Adrian Bührer zur Seite. Etwas schade ist, dass keine frischen Namen auf der Liste sind. Ich denke beispielsweise an Christian Reiter, der sein erstes Startup an Google verkauft hat, oder an Andreas Brenner, der mit Avrios eine Finanzierungsrunde mit Top-Investoren abgeschlossen hat. Deren Erfahrungen und Learnings wären mit Sicherheit einen grossen Mehrwert für die Teilnehmer.

Der erste Batch des Kickstart Accelerators startet im Sommer mit Startups aus den Bereichen Food, Smart & Connected Machines, FinTech und Future & Emerging Technologies. Vor allem ausländische Startups sollen angezogen werden, die via das Netzwerk von DigitalZurich2025 schnell auf das bestehende Schweizer Ökosystem (Hochschulen und Corporates) zurückgreifen können.

Besonders interessant ist, dass der Kickstart Accelerator für bis zu CHF 25’000 Seed Funding plus monatlich CHF 1’500 „Stipendium“ pro Gründer keine Shares verlangt, was nach einem sehr fairen und interessanten Deal für Neugründer klingt. Diese Initiative tut dem Standort Zürich mit Sicherheit gut und ist sehr spannend.

Auch ausländische Acceleratoren suchen Schweizer Startups

Aber nicht nur Schweizer Accelerators sind auf der Suche nach interessanten Projekten, auch amerikanische Organisationen haben die Fühler in die Schweiz ausgestreckt — ETH sei dank. Plug and Play hat neuerdings einen Schweizer Mitarbeiter, der aktiv hiesige Startups für ihre Programme in Europa und den USA sucht. Das ist für Schweizer Gründer natürlich sehr spannend, schliesslich waren auch Firmen wie PayPal oder Dropbox bei Plug and Play im Silicon Valley.

IFJ und CTI Start-up: Die klassischen Supporter

Neben dem neuen Phänomen Accelerator gibt es aber natürlich auf noch die klassischen Player wie das Institut für Jungunternehmer oder CTI Start-up des Bundes und sind verlässliche Konstanten im Startup-Ökosystem. Das IFJ veranstaltet verschiedene Events, Businessplan-Wettbewerbe und Kurse, die für Gründer sehr nützlich sind. Anders als bei einem Accelerator findet das Coaching nicht konzentriert mehrere Monate am Stück statt, sondern eher punktuell mit fokussierten Kursen. Ähnlich ist das Coaching bei CTI Start-up, das allerdings nur für qualifizierte Hightech-Startups angeboten wird. Je nachdem kann es Sinn machen, an einem solchen Programm teilzunehmen.

Völlig zu Recht sagt Stefan Steiner, Managing Director Deutschweiz bei venturelab des IFJ: “ Es gibt mittlerweile mehr Support-Organisationen als gute Startups“. Deswegen besteht die Gefahr, dass auch weniger gute Startups vom aktuellen Startup- und Accelerator-Trend profitieren, mitgeschleift werden und erst später scheitern, wenn sie keine Anschlussfinanzierung finden. Dass der Streit zwischen Startups.ch und dem IFJ vor zwei Jahren mit harten Bandagen geführt wurde, beweist, dass offenbar auch die Anbieter von Coaching gutes Geld verdienen können.

Was brauchen Early-Stage-Startups wirklich?

Die Angebote der Accelerators sind vielfältig. So wird oft mit kostenlosen Arbeitsplätzen geworben. Das ist zwar nett und USM-Möbel verleihen auch einen Corporate-Charme, aber ich behaupte, dass ein Early-Stage-Venture keine eigenen Büros braucht. Ein Arbeitsplatz in einer Bibliothek, Meetings in einem Café oder bei einem Gründer daheim reichen zu Beginn völlig aus. Diese Art von Pain gehört zur Gründungsphase dazu; daran denkt man später mit einem Lächeln zurück. Hinzu kommt, dass Storys à la Googles Garagengründung im Erfolgsfall auch ein netter Aufhänger für Medienberichte sind.

Jeder Accelerator veranstaltet am Ende des Zyklus‘ einen Demo Day. Man kann sich leicht vorstellen, wieviele Demo Day-Einladungen ein professioneller VC erhält — und nach welchen Kriterien er seine knappe Zeit einsetzt. Bestimmt fliegt er nicht nach Zürich zu einem unbekannten Accelerator. Die üblichen Verdächtigen, die auf jedem Startup-Event anzutreffen sind und sowieso nie investieren, füllen die leeren Plätze. Die Folgen sind absehbar: Trotz erfolgreichem Durchlauf des Batches erhalten die Startups keine Anschlussfinanzierung.

Aber was brauchen Startups in den ersten Monaten wirklich — oder anders gefragt: Wie sieht das optimale Unterstützungsprogramm aus?

  • Cash: Die Burn Rate muss im Early Stage zwar tief sein, dennoch kostet die Produktentwicklung Geld, und auch die Rechnungen der Gründer bezahlen sich nicht von selbst. Die Lebenskosten können war selbst in Zürich signifikant gesenkt werden, dennoch sollte ein kleines Gehalt für die Founder möglich sein. Deshalb halte ich CHF 25’000 für ein gutes Seed-Funding.
  • Faire Bewertung: In der Regel verlangt der Accelerator für seine Leistungen Equity. Das Angebot sollte für beide Parteien fair sein; CHF 15’000 in Cash für 10% sind für mein Verständnis unattraktiv, da das einer Bewertung von lediglich CHF 150’000 entspricht (es kann natürlich auch sein, dass dieser Preis gerechtfertigt ist — das spräche dann aber weniger für die ausgewählten Geschäftsideen…). Schlussendlich muss aber jeder Gründer selbst wissen, zu welcher Bewertung er die ersten Shares weggibt. Die Unterstützer täten gut daran, bei den Anteilen eine gewisse Flexibilität zu zeigen, um auf die erreichten Milestones besser eingehen zu können.
  • Massgeschneiderte Unterstützung: Der Support sollte punktuell und auf das Startup zugeschnitten erfolgen. Was nützt einem Hardware-Startup ein Workshop bei einem Luxusgüterhersteller? Wahrscheinlich relativ wenig; hinzu kommt, dass die Gründer wertvolle Zeit verlieren. Deshalb sollten die Founder dort auf das Netzwerk des Accelerators zurückgreifen können, wo es tatsächlich sinnvoll ist. Mit dem richtigen Know-How und guten Erfahrungsberichten kann ein Jungunternehmen schneller vorankommen.
  • Gute Mentoren: Qualität geht vor Quantität. Je mehr Coaches mitreden, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass einer falsche Ratschläge gibt. Deswegen sollten die Mentoren selber Gründer sein (die Erfahrungen eines Top-Managers nützen einem Venture im Early Stage wohl eher wenig) und vor allem noch immer unternehmerisch aktiv sein. Zu schnell ändern sich Strategien und best Practices, veraltete Strategien sind hochgefährlich.
  • Mut: Wer wirklich disruptiv sein will, braucht Mut und Weitsicht für grosse Ideen. In der Schweiz wurden visionäre Gründer in den klassischen Coaching-Programmen leider häufig auf KMU-Level zurechtgestutzt, damit das Risiko kleiner wird, damit die ach so schöne Success-Statistik (in der Schweiz sollen 90% der Startups erfolgreich sein — im Silicon Valley ist es genau umgekehrt: Trotz den weltweit besten Investoren und Gründern schaffen es nur 10%…) nicht getrübt wird. Um einen richtig grossen Markt bearbeiten zu können muss man aber zwingend ein grosses Risiko eingehen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch in der Schweiz längst nicht alle Accelerator überleben, v.a. diejenigen mit einem weniger attraktiven Angebot oder Finanzierungsproblemen. Was denkt Ihr? Lohnt sich die Teilnahme in einem Accelerator-Programm? Werden Startups nach dem Durchlauf eher erfolgreich? Ich freue mich über Kommentare oder Shares auf Facebook und Twitter!


Originally published at www.oliver-flueckiger.ch on January 26, 2016.