Ray Tomlinson

Wie spricht man das @ Symbol wirklich aus? Wer kennt noch “Klammeraffe”? Oder “Strudel”? Heute sagt fast jeder “ät”, wie im Englischen “at”. Das ist auch irgendwie richtig, weil es die Bedeutung richtig andeutet. Die Bedeutung von “an” nämlich. So wie in “an folgender Adresse”.

Dass das so ist, haben wir Ray Tomlinson zu verdanken. Vor 45 Jahren hat er die email erfunden. Eigentlich nicht email als solches, aber die email-Adresse, wie wir sie heute kennen. Die mit dem @ Symbol in der Mitte. “Redet nicht darüber. Eigentlich sollten wir an etwas anderem arbeiten”, soll er seine Kollegen damals gebeten haben. Offenbar war email schon bei ihrer Erfindung eine raffinierte Form der Zeitvergeudung. Aber auch eine kreative Innovation.

Warum Briefe schreiben, wenn der Adressat auch am Computer arbeitet? Tippen wir unsere Nachricht doch einfach in eine Datei und sagen ihm, er soll sie selber ausdrucken. Und wie sorgen wir dafür, dass jeder nur die eigenen Briefe bekommt? Machen wir elektronische Postfächer. Und was, wenn der Empfänger an einem anderen Computer arbeitet? Dann wird der Name des Computers Teil der elektronischen Adresse. Und genau hier kommt das @ ins Spiel.

Am liebsten hätten die Programmierer natürlich eine Adresse so geschrieben: “Postfach für Oliver am Computer in Zimmer 101”. Aber das ist etwas lang. Und die Leerzeichen in so einer Adresse sind programmtechnisch auch mühsam zu verarbeiten. Daher wäre eine Form der Adresse besser, die aus einem einzelnen Wort besteht, welches sowohl das Postfach als auch den Namen des Computers beinhaltet. Damit das email-Programm erkennen kann, wo das Postfach aufhört und der Computer anfängt, braucht man ein Trennzeichen. Das kann kein normaler Buchstabe sein, weil jeder Buchstabe in einer Postfachbezeichnung vorkommen kann. Es muss also ein Sonderzeichen sein.

Heute würde man dafür vermutlich ein Emoticon in Form eines Postkastens nehmen. Aber das gab es damals noch nicht. Damals gab es nur den ASCII-Code, eine standardisierte Menge von Textsymbolen. Ray Tomlinson hätte also email-Adressen auch mit !, ?, $, & oder % trennen können. Insbesondere % wäre auch naheliegend gewesen, weil ein Postfach ja “Teil von” einem Computer ist und man das Prozentzeichen auch als zwei Nullen mit einer Eins sehen kann, also als Inbegriff des digitalen Zeitalters. Hätte er das damals auch so gesehen, dann würden wir heute eine email an ChunkyLover53%aol.com senden anstatt an ChunkyLover53@aol.com.

Aber die Programmierer haben das anders gesehen. Sie haben das @ schon früher als Ortsangabe verwendet, nämlich als Ortsangabe innerhalb des Computerspeichers. In der Programmiersprache Algol 68 heisst array[@101] “Datenfeld ab Adresse 101”. Bis zu einem gewissen Grad haben die Programmierer einfach das verwendet, was schon da war. Das @ Symbol war auf ihren Tastaturen, weil es als “kommerzielles a” schon vorher für Mengenbezeichnungen und später als Preis pro Mengeneinheit verwendet wurde. “10 Apples @ 1c” waren beim Greißler ums Eck “10 Äpfel zu je 1 Cent”.

Was ist die wirkliche, ursprüngliche Bedeutung des @? Wahrscheinlich gibt es darauf keine eindeutige Antwort. Unabhängig voneinander wurde der Strich um das kleine a immer wieder aus zwei Gründen verlängert: Als Dekoration oder umgekehrt aus Schreibfaulheit. Wer Zeit genug hat, eine religiöse Prunkschrift zu verfassen, kann auch diverse Buchstaben ausschmücken. Und wer als Kaufmann wenig Zeit hat, verschmiert irgendwann die Buchstaben von “at” zu @. Oder von anfora (eine Amphore) oder von arroba (ein Viertel). Auf unseren Tastaturen ist es jedenfalls gelandet, weil es in der Amerikanischen Wirtschaft in Verwendung war. Und weil es schon einmal da war, wurde es immer wieder verwendet. Mit immer wieder leicht veränderter Bedeutung.

Vorgestern ist Ray Tomlinson gestorben. Mit dem @ Symbol in der email-Adresse hat er sich in unser aller Leben integriert. Das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben.


Originally published at oliver.hoffmann.org.

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