Sharing Economy

Am Ende der heutigen Sharing Economy Enquete der NEOS https://parlament.neos.eu/neos-events/parlamentarische-klub-enquete-sharing-economy-x-politik war ich mir nicht mehr sicher, ob es eine sharing economy überhaupt gibt. Zumindest nicht, wenn man das, was Silvia Angelo am Podium erzählt hat, ernst nimmt. Wenn jemand Geld damit verdient, seine Wohnung (zum Beispiel über airbnb) zu vermieten, dann ist das kein sharing mehr, sondern eine Gewerbetätigkeit, hat sie gemeint. Sharing wäre nur etwas wie couchsurfing, weil man da nichts bezahlt. Aber das ist dann keine economy, weil niemand etwas verdient. Also gäbe es entweder sharing. Oder economy. Aber keine sharing economy. Und wer etwas verkauft, sei eben ein Unternehmer, der sich den Gesetzen für Unternehmer unterwerfen müsse. Ist die sharing economy eine Illusion?

Ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn wir das “Neue” und “Alte” vertauschen? Was wäre, wenn es das Internet immer schon gegeben hätte? Dann wäre es normal, dass Menschen schnell und effizient zueinander finden. Wir wären daran gewohnt, dass Privatpersonen schnell, effizient und mit geringen Kosten andere Privatpersonen finden, mit denen sie etwas tauschen wollen. Oder denen sie etwas anbieten können. Für Geld oder auch kostenlos. Es wäre Teil unserer Tradition, dass man Einheimische fragt, ob man bei ihnen kurz wohnen kann, wenn man ihre Stadt besucht. Wir würden immer daran denken, andere Privatpersonen im Auto mitzunehmen. Oder ihnen etwas zu borgen, was wir gerade nicht brauchen. All das wäre normal, weil es immer schon leicht gewesen wäre, die anderen Privatpersonen zu finden, sie als Person einzuschätzen und eine Entscheidung zu treffen, ob man mit dieser Person in Kontakt treten will. Dann wären nicht Uber und airbnb disruptiv. Sondern umgekehrt: Der Ausfall des Internet wäre disruptiv.

Nur ein Ausfall der eigentlich natürlichen, direkten Interaktion über Internet erfordert die Notlösungen, die wir heute als “normal” erachten. Wenn es mit vernünftigem Aufwand nicht mehr möglich ist, eine Privatunterkunft sinnvoll zu bewerten, bevor man abreist, eröffnet sich die Lücke für kommerzielle Anbieter. Wenn man riesige Schilder braucht, um ein Hotel erkennbar zu machen und eine ständig besetzte Rezeption, dann muss man die Beherbergung als Beruf betreiben, damit es funktioniert. Der Mangel an effizienter Kommunikation erzeugt die klare Rolleneinteilung der Industriegesellschaft: Hier Arbeitgeber, dort Arbeitnehmer. Hier Unternehmen, dort Kunde. Hier Geschäft, dort Privatleben. Das haben wir nur gebraucht, weil die Transaktionskosten sonst zu hoch gewesen wären.

Jetzt haben wir Interessensverteter, welche sich mit dieser überkommenen Rolleneinteilung identifizieren. Und die, wie Frau Angelo, darauf bestehen, alles in dieses veraltete Schema zurückzupressen. Deswegen gibt es für Frau Angelo keine sharing economy. Weil das Schema dort nicht passen würde. Das kennzeichnende Merkmal der sharing economy ist nämlich nicht, ob und wie viel bezahlt wird. Das kennzeichnende Merkmal ist, dass private Menschen ihr privates Eigentum und ihre privaten Fähigkeiten anbieten. Die typische airbnb Wohnung ist kein Betriebsmittel einer Firma, sondern eine Eigentumswohnung, in welcher der Eigentümer vielleicht selbst immer wieder wohnt. Das typische Uber Auto ist eben kein Taxi, sondern ein Privatauto. Insofern ist Uber in Wien gar kein Beispiel für eine sharing economy. Weil das eigentliche sharing economy Szenario verboten ist. Und ein airbnb Anbieter mit 50 Wohnungen, der sich vollzeit um seine Vermietungen kümmert, ist auch kein gutes Beispiel für die sharing economy. Der typische Fall ist eine Transaktion, die von privat zu privat erfolgt und die man nicht hauptberuflich macht. Die Regeln der Industriegesellschaft sind hier fehl am Platz. Die etwas zwanghafte Zuordnung in die Kategorie “Gewerbe” ist willkürlich, irreführend und kontraproduktiv.

Wesentlich interessanter wäre die Frage, welche neuen Situationen in der sharing economy entstehen und wie man das regeln soll. Welchen Schutz haben beide Seiten vor Missbrauch? Welchen Status haben die elektronischen Profile? Darf eine Plattform gewisse Gruppen ausschliessen? Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Das sind eben keine Firmen, sondern Privatpersonen. Trotzdem sind es halb-öffentliche Plattformen. Dafür brauchen wir andere Regeln. Und andere Kategorien. Der simple Rekurs auf die Denkmuster des Industriezeitalters führt in die Irre.


Originally published at oliver.hoffmann.org.

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