Drei Gründe, warum Journalisten Watson lieben

…aber die kritische Masse schwierig zu erreichen ist

1. Embrace the Future

2013 initiierte “Spiegel”-Autor Cordt Schnibben mit #tag2020 eine Debatte über die Zukunft der Tageszeitung. Schnell zeigte sich; es war ein Kampf zwischen alter Journalistengarde und Digital Natives. Erstere waren in ihren Argumenten nicht bereit, das “Papier” loszulassen. Eine Tageszeitung funktioniere eben nur in gedruckter Form.

Ähnlich klingen die Sorgen von Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument in seinem Artikel in der Schweiz am Sonntag. Er machte sich darin Gedanken, wie Zeitungen in Zukunft noch kostengünstiger in die Haushalte geliefert werden können.

“An den Vertrieb haben wir wenig Gedanken verschwendet. Wir wissen einfach, jedes Jahr werden die Lesermärkte weniger und die Vertriebskosten teurer.”

Natürlich ist dieser Punkt berechtigt, doch ist der Fokus völlig falsch ausgerichtet. Es geht nicht darum, die Zeitung auf Papier zu retten. Die Baustelle ist Online! Es geht darum, neue digitale Kanäle als Chance zu verstehen und Formen zu entwicklen, wir wir Medienmacher unsere Geschichten am attraktivsten an die User bringen. Damit tut sich die Schweizer Medienlandschaft noch immer schwer. Jährlich sinken die Werbeeinnahmen der traditionellen Vektoren, doch konsequent neue Pfade beschreiten, wagt niemand.

Darum wünschen sich viele Journalisten, Watson möge Erfolg haben und damit beweisen, dass es für spannenden, aber zugleich unterhaltsamen Journalismus eine Zukunft gibt. Gelingt es Hansi Voigt und seinem Team, erachte ich dies als wegweisenden Aufbruch.

2. Radikalität in der Umsetzung

Constantin Seibt schrieb in seinem Deadline-Blog folgendes:

“Das Problem bei jedem Relaunch besteht aus Folgendem: Ohne Kühnheit macht er keinen Sinn / Sobald der Relaunch seinen Namen wert ist, ist er ein Risiko / Der Denkfehler bei vielen Relaunches ist, dass es hier vor allem um Zeitungsarchitektur geht.”

Diese Tücken konnte Watson getrost auslassen. Man orientierte sich nicht an einer bestehenden Zeitungsmarke und startete im Mai 2013 mutig in die Entwicklungsphase von Watson. Das zahlt sich jetzt aus. Watson.ch ist anders; grosse Bilder, freche Titel, persönliche Userstatistiken, Gifs mit Wert, und ein frischer Themenmix ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Alles muss einzig und allein auf mobilen Geräten funktionieren.

Diese Radikalität, ‘Mobile’ zu denken und ‘Mobile’ zu produzieren, ist entscheidend, wenn sich Journalismus und Werbung auf dem Smartphone durchsetzen wollen.

3. Unternehmertum

https://twitter.com/hansi_voigt/statuses/426185980132225024

Hansi Voigt wird in diesen Tagen mitunter als Messias der Medienbranche gefeiert. Das ist er nicht. Doch Voigt ist ein Visionär, der mit grosser Leidenschaft und einer gesunden Portion Idealismus Neues schaffen will.

In Zeiten schwindender Loyalität, wo Arbeitnehmer (Journalisten inklusive) heute hier, morgen da arbeiten und CEOs ihre Meinung schneller wechseln als ihre Unterhosen, ist es stets ein Hoffnungsschimmer, wenn Leute mit grosser Überzeugung ihre Unternehmen gründen, inspirierte Mitsteiter anwerben und eine eigene Vision verwirklichen. Hansi Voigt hat dieses zunehmend selten verbreitete Patron-Gen, vergleichbar beispielsweise mit einen Jean Claude Biver, Peter Sauber oder Thomas Binggeli.

So hoffen viele Journalisten auf seinen Erfolg, mir inklusive. Wenige aus persönlicher Freundschaft, viele dafür aus Hoffnung, er möge eine neue aufgeschlossene und innovative Denkweise im Schweizer Journalismus etablieren.


Der Haken an der Geschichte: So beliebt Watson in Journalistenkreisen ist, so unbekannt ist Watson (noch) beim Publikum. Noch. Im bereits stark segmentierten Medienmarkt wird es für Watson ein Kampf, sich ein grosses Stück vom Kuchen abzuschneiden. Die etablierten Marken wie Tagesanzeiger, SRF, Blick und 20min starten mit grossem Vorsprung.

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