Warum Europa eine Flat-Rate für Journalismus braucht

Die letzten 20 Jahre Musikindustrie haben uns gleich mehrere Lektionen in punkto Innovation und Konsumverhalten gelehrt. Nachdem sich immer kleiner werdende physische Datenträger gegenseitig aus dem Markt drängten, begann 2004 die kommerzielle Erfolgsgeschichte der digitalen Musik. Statt im CD-Regal warteten unsere Songs fortan als MP3 auf einer Festplatte oder einem iPod darauf, abgespielt zu werden. Mit der Folge, dass sich die Preisspirale schnell nach unten drehte. Die jüngste Entwicklung zeigt jedoch, dass es immer weniger begehrenswert ist, Musik überhaupt zu besitzen; Streaming ist jetzt angesagt — die ständige Verfügbarkeit unserer Lieblingssongs, ohne Anspruch auf Nachhaltigkeit. Auch dieser Trend hat grossen Einfluss auf die Preise: Wird ein Song von Taylor Swift auf iTunes heruntergeladen, verdient die Künstlerin zwischen 6 und 20 Cent. Wird ihr Song bei Spotify gestreamt, bekommt Swift nur 0.3 Cent. Klar, was dies für weniger bekannte Künstler bedeutet.

Ein Download hat etwa gleich viel Wert wie 33 Streams.

Die logische Folge ist ein weiterer Wertzerfall der Musik, ergo für das künstlerische Schaffen. Vergleichbares widerfährt dem Journalismus seit ein beachtlicher Teil der Leserschaft im Internet rund um die Uhr Inhalte konsumieren kann, ohne Abonnent oder Käufer einer Zeitungsausgabe zu sein. Wer hoffte, dass die Werbebudgets der Industrie ebenso schnell wie die Leser ins Netz verlagert würden, sah sich rasch getäuscht. Digitaler Journalismus im Netz ist bis Dato in den wenigsten Fällen wirtschaftlich.

Als logische Folge daraus begannen Verlage einen Teil ihrer Inhalte hinter Paywalls, oder Metered Walls zu verstecken um diese einem zahlungswilligen Publikum exklusiv zu präsentieren. Die Erfahrungen der letzten Jahre sind vielerorts ernüchternd. Zwar lässt sich ein treues und in aller Regel besser verdienendes Stammpublikum durchaus für ein Digitalabo gewinnen, doch die Markentreue der Generation Y ist klein und so sucht sie sich in überwiegender Mehrheit die journalistischen Inhalte dort, wo es sie gratis gibt.

Heute versucht jedes Medienhaus mit eigenen Modellen Geld und Leser zu gewinnen. Dies hat zur Folge, dass sich Mediennutzer bei jeder Marke separat registrieren und bezahlen müssen. Das ist in etwa so, als hätte jeder Musiker ein eigenes Bezahlmodell! Ein Unsinn.

Aus meiner Sicht gibt es darum nur eine Lösung, die dem teuren und wertigen Journalismus nachhaltig Publikum und Einnahmen garantiert. Die One-for-all-Lösung, nennen wir es “Medien-Abo”. Der User registriert sich einmal auf einer zentralen Medienplattform, hinterlegt seine Kreditkarte analog iTunes und bezahlt fortan Artikel einzeln, wo immer er liest. Entweder im Sinne einer Flat-Rate (gleicher Preis für alle Medienerzeugnisse) oder entsprechend dem Preis, den die Medienhäuser für ihre Geschichten verlangen. So wären kurze News günstiger, hintergründige Multimedia-Reportagen teurer.

Entscheidend dabei ist, dass der User/Leser mit einem einzigen Klick bezahlt und damit Zugang zum Inhalt erhält. Ergo muss das System komplett konsistent über alle Medienmarken hinweg funktionieren.

Die Folge davon: Eine Lösung für die ganze Branche spart Millionen an Entwicklungs- und Werbebudgets. Der Kosument gewinnt, dank einfachstem Zugang zu Medieninhalten und wird gleichzeitig “gezwungen” für Journalismus Geld zu bezahlen. Für die Verlage hat dies mehr Kompetition zur Folge — über die Landesgrenzen hinweg — und letztlich eine negative Preisentwicklung, wie wir es aus der Musikindustrie kennen.

Bedeutet das ein Ausverkauf des Journalismus? Mitnichten: Es ist wohl ihr einziger Weg zu überleben.

Besser 1 Million Leser bezahlen 25 Cent pro Artikel, als 1000 treue Zeitungsabonnenten. Dies wäre insbesondere auch attraktiv für Werbekunden im Digitalen, da diese so deutlich mehr potentielle Kunden erreichen.

PS: Die holländische Firma Blendle testet jetzt genau dieses Modell und konnte mit The New York Times, The Washington Post oder The Wall Street Journal namhafte Verlage zur Kooperation gewinnen. Bereits haben sich 200'000 User registriert.

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