Wetten, dass diese App unser Leben verändert?

In China sammeln Viel-Käufer mit einer App Punkte und werden so belohnt. Jetzt ist auch die Regierung interessiert, Bürger anhand ihrer Daten einzuordnen und zu belohnen. Ist das womöglich erst der Anfang einer technischen Entwicklung, die tief in unsere Gesellschaft eingreifen wird? Ja!

Ein paar persönliche Fragen, um mit dem Thema warm zu werden. Bereit?

  • Bin ich bereit meiner Krankenversicherung zu übermitteln, wie viel Alkohol ich trinke, wie lange ich schlafe und wie oft ich Sport treibe, um bei gesunder Lebensweise von einer Prämienreduktion zu profitieren?
  • Bin ich bereit all meine Käufe registrieren zu lassen, wenn ich dafür nur noch Werbung und Vergünstigungen erhalte, welche mich tatsächlich interessieren?
  • Bin ich bereit meine Nutzung von Verkehrsmitteln überwachen zu lassen, um im jährlichen Umwelt-Ranking der Stadt, nicht automatisch unter den “Sündern” aufzutauchen?
  • Bin ich bereit all meine Smartphone oder Watch-Daten dem Staat zu senden, um mitzuhelfen, öffentliche Einrichtungen zu optimieren, wenn ich im Gegenzug eine Steuerreduktion bekomme?

Kaum eine Frage lässt sich aus heutiger Betrachtungsweise uneingeschränkt mit Ja beantworten. Doch das Abwägen zwischen dem Preisgeben persönlicher Daten und der Belohnung durch monetäre oder soziale “Geschenke” ist bei jeder dieser Frage zentral. Letztlich wird es für entsprechende Anbieter darum gehen, die psychologischen Anreize genug gross erscheinen zu lassen. Der zurzeit in China populäre “Sesame Credit Score” (Hintergrundartikel zur App) könnte als Vorreiter einer ganzen Reihe von Services sein, die unsere Daten gezielt zu nutzen wissen.

Renner in China: Sesame Credit Score

Katzenbilder und Memes teilen, das gehört in China zum Volkssport. Neuerdings wird aber auch der “Sesame Credit Score” eifrig geteilt (Bild).

Sesam Credit Score

Dieser Score wird von Ant Financial vergeben, einer Tochter-Firma des chinesischen Webgiganten Alibaba. Ant Financial zählt mit seinem Service AliPay über 300 Millionen registrierte User.

Der “Sesame Credit Score” analysiert das Kaufverhalten der User/Kunden um mit dem Score zwischen 350 und 950 eine Aussage über die Kreditwürdigkeit und Kaufkraft einer Person zu machen. Will man einen Kredit beantragen, muss man eine gewisse Anzahl Punkte vorweisen. Doch die Anzahl Punkte bringen im Alltag noch ganz andere Vor- oder Nachteile.

500 Punkte und der User bekommt fünf Tage Gratismitgliedschaft auf einer Datingplattform, 600 Punkte gibt einen 16 Dollar-Bonus beim Buchen eines Hotelzimmers. 650 Punkte und beim Mieten eines Autos fällt das Pfand weg. 700 Punkte und der User erhält ein Visa nach Luxemburg.

Schnell wird klar: Je mehr Kaufkraft, desto mehr Benefits.

Bereits zeigt die chinesische Regierung Interesse daran, mit ähnlichen Systemen, Daten der Bürger zu sammeln und zu verwerten.

Auch Finanzdienstleister in den USA und Europa arbeiten an vergleichbaren Ideen. Schon seit einigen Jahren wird beispielsweise versucht, durch eine gezielte Analyse von Social-Media-Aktivitäten, rechtzeitige Hinweise zum Kundenverhalten zu erhalten. Verwendet ein User das Wort “verschwendet/wasted” in einem Post, so würde das als Hinweis gewertet, dass ein Kredit womöglich nicht zurückbezahlt werden kann.

Sind wir uns ausreichend bewusst, dass alle unsere Internet-Aktivitäten aufgezeichnet werden, weil sie für jemanden wertvoll sein könnten?

«Das Internet wird verschwinden.»

Diese kantige These kommt ausgerechnet von Eric Schmidt, dem ehemaligen CEO des Technologiegiganten Google. Schmidt hat keine Albträume oder Existenzängste. Er ist lediglich davon überzeugt, dass das Internet selbstverständlich werde — und damit aus unserer Wahrnehmung verschwinde.

Sei es das Auto, der Kühlschrank, die Uhr am Handgelenk oder die Brille auf der Nase: Alles werde künftig konstant online sein — immer mit dem Internet verbunden. Es gibt kein Offline mehr. Die Chance ist gross, dass wir komplett vergessen, Daten zu generieren und diese freimütig an die Hersteller zu übermitteln.

Big Data ist noch zu Big

Big Data beschreibt die gesamte Datenmenge, aller digitalen Geräte. Kaum jemand hat eine Vorstellung davon, wie gross dieser angesammelte Datenberg ist und wie schnell er anwächst. Innert nur einem einzigen Jahr verdoppelt sich zurzeit die gesamte Datenmenge. Und diese Entwicklung nimmt exponentiell weiter zu. Der Grund: wir hinterlassen immer mehr Daten; über unser Smartphone, Smartwatches, den TV, Kundenkarten, Apps, und immer häufiger “The Internet of Things “— mit dem Netz verbundene Geräte, wie zum Beispiel intelligente Haushaltsgeräte und Systeme.

Die Datenmenge, welche wir erzeugen, wird zwar auf Servern gesammelt und gelagert, kann nur ein Bruchteil daraus kann ausgewertet und genutzt werden. Systemische Datenverarbeitung und Erkenntnisgewinn daraus ist eine junge Disziplin, welche sich erst entwickelt.

So kennen Datenriesen wie Facebook und Google unser Verhalten besser, als den meisten ihrer Nutzer bewusst ist, und selbst die Nahrungsmittel-Grossverteiler wissen dank Kundenkarten präzise, welche Produkte wir wann wo und wie häufig kaufen. Doch bislang vermag uns niemand perfekt auf den Leib zugeschnittene, als wertvoll empfundene Produkte zu liefern oder zu empfehlen. Man scheitert an der Übersetzung von Datenmengen zu persönlichem Nutzen. Doch das könnte sich rasch ändern.

Wie verändert sich unsere Gesellschaft?

Mit Apps wie dem “Sesame Credit Score”, welche Geldtransaktionen und Käufe registriert und die fleissigen Kunden belohnt, öffnet sich die Tür zu einer nachhaltigen gesellschaftlichen Reformation. Hin zu einer transparenten Konsum-Gesellschaft, in der es Bürger mit hohem und andere mit niedrigem Score gibt. Bürger, die für ihren gesunden Lebensstil belohnt und andere die für ihr schädigendes Verhalten bestraft werden (können).

Als Gedankenexperiment ist mit dieser Grundlage alles denkbar: Gesellschaftliche Kasten, Einschränkung zivilisatorischer Freiheiten, Verlust von Privatsphäre, sozialer Druck zu erwünschtem Verhalten und so weiter.

Die Grenze bestimmen wir als Individuen. Doch wage ich zu behaupten, dass es entsprechenden Anbietern rasend schnell gelingen wird, uns davon zu überzeugen, Daten gegen Leistung abzugeben. Unser Belohnungszentrum im Hirn wird stärker reagieren, als die reine Vernunft.

Ich freue mich über Ihren Kommentar und Ihre Meinung zum Thema.

Martin Oswald

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