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So einfach wie möglich, aber nicht einfacher

Wie guter Erklärjournalismus funktioniert

Erklärjournalismus, was soll das sein? Journalisten, wenn sie ihren Beruf ernst nehmen, betreiben so gut wie immer Erklärjournalismus: Sie versuchen, mehr Klarheit zu schaffen — indem sie Geschichten über Flucht und Vertreibung erzählen, die Bedeutung einer Hauptversammlung bewerten, den Vorsitzenden des Kaninchenzüchtervereins interviewen.

Der Begriff ist in den vergangenen Jahren üblich geworden für Texte und Formate, die einen Sachverhalt in Teile zerlegen und Fragen einzeln beantworten — so wie es vox.com mit seinen Karten tut oder SPIEGEL ONLINE mit seinem “Endlich verständlich”.

Im Tagesgeschäft kommen aber deutlich häufiger kurze F.A.Q.s vor, die ein wenig Hintergrund zu einer Nachricht liefern; manche nennen auch das Erklärjournalismus.

Online-Redaktionen können dann die Ursprungsmeldung “Bahnstreik: Lokführer legen Arbeit nieder” ablösen mit “Verspätungen, Zugausfälle, Ersatzverkehr: Was Sie jetzt über den Bahnstreik wissen müssen”. Wenn es schlecht läuft, hudelt ein Redakteur mit Agenturmaterial einen Frage-Antwort-Text hin, in dem nicht viel mehr steht als in der Meldung. Wenn es gut läuft, investiert ein Redakteur Gedanken, Recherche und Sorgfalt, und es entsteht echter Mehrwert.

Der klassische Nachrichtenjournalismus beantwortet die Fragen nach dem Wer, Was, Wann und Wo. Der Erklärjournalimus beantwortet die klassischen Kinderfragen nach dem Warum und dem Wie.

Zu finden sind die Explainer-Formate vor allem bei Online-Medien; aber auch Zeitungen wie der “Tagesspiegel” aus Berlin haben sie vor Jahren eingeführt: Auf Seite 2 beantworten dort Redakteure die “Fragen des Tages”. Viele Print-Redaktionen scheinen aber noch immer vor dem simplen Frage-Antwort-Schema zurückzuschrecken und drucken lieber Fließtexte.

Verkaufe, Anlauf, Fragen, Antworten

Wie ist ein typischer Explainer aufgebaut?

Die meisten, wenn nicht alle Explainer setzen sich zusammen aus …

  • … einer Überschrift, die auf den ersten Blick verständlich ist und die signalisiert: Ich bin mehr als eine Nachricht. Oft sind es Erklärsätze, etwa “Wie VW die Dieselmotoren manipuliert hat” oder, bevormundender, “Was Sie über den VW-Abgasskandal wissen müssen”. Das wirkt in der Masse monoton, funktioniert aber — die Leser klicken drauf, die Suchmaschinen finden es.
  • … einem kurzen Vorspann, der neugierig macht, ohne alles zu verraten, der aber nicht mehr verspricht, als der Text bietet. Oft reißt er einige Fragen an und endet mit “Der Überblick”, “Die Antworten auf die wichtigsten Fragen” oder einer ähnlichen Formulierung. Wichtig: Seien Sie bestimmt! “Eine Auswahl”, “Ein Überblick”, “Eine Stoffsammlung”, das klingt lahm — und wird nie so gut geklickt wie “Die wichtigsten Fakten”.
  • … einem ersten Absatz oder einem kurzen Anlauftext, der die zugrundeliegende Nachricht und die Relevanz transportiert. Und der im besten Fall eine eigene Idee hat. Vielleicht lässt sich ja Donald Trump nicht nur als durchgeknallter Kandidat präsentieren, sondern als Joker verstehen, der durch den Präsidentschaftswahlkampf tobt wie Batmans Gegenspieler durch die Comics und Filme.
Trump als Joker: Eine eigene Idee zu einer News
  • Fragen und Antworten zum Thema — idealerweise nicht solche, die jedem sofort einfallen und langweilig sind. Nicht: Wer ist Donald Trump? Sondern: Was macht Donald Trump gefährlich?

Klar, bei einer großen Nachrichtenlage wie den Anschlägen von Paris oder Brüssel lohnen sich Überblickstexte zu den grundlegenden Fakten: Was ist über die Täter bekannt? Wer war dabei? Was wissen wir, was wissen wir nicht? Aber das sind keine Explainer.

Um etwas zu erklären und dabei spannend zu bleiben, sind die richtigen Fragen unverzichtbar. Hier lohnt es sich, Zeit zu investieren — und mit Formaten zu experimentieren: Vielleicht lässt sich ja das Frage-Antwort-Schema aufbrechen und der Sachverhalt als Rezept aufschreiben, als Gebrauchsanweisung, als Familienstammbaum, als Liste. Anregungen gibt es bei Constantin Seibt vom “Tagesanzeiger”, der in seinem Blog “Deadline” erklärt, wie man durch richtiges Fragen das Unbekannte im Bekannten entdeckt.

Fakten schmackhaft machen

Wie Sie einen guten Erklärtext schreiben?

  • Für Erklärtexte gelten dieselben Regeln wie für alle journalistischen Texte: Die Sprache ist klar, präzise und gefällig. Geizen Sie mit Adjektiven, suchen Sie nach starken Verben, zerlegen Sie Schachtelsätze, meiden Sie Passiv-Konstruktionen.
  • Konzentration auf das Wesentliche: Arbeiten Sie heraus, was wirklich wichtig ist und was noch nicht jeder weiß. Ignorieren Sie dabei das Tabu in Redaktionen, keine Ahnung zu haben. Die eigene Neugier ist Ihr stärkster Antrieb.
  • Keine Angst vor Geschmacksverstärkern: Wenn das wirklich Wichtige zu langweilig ist, reichern Sie es mit interessanten Fakten und sprechenden Details an, die man weitererzählen kann. So bleibt vielleicht auch etwas vom Rest beim Leser hängen: Dass Baschar al-Assad ein Despot ist, weiß fast jeder. Dass er zusammen mit seinem Bruder die “Syrian Computer Society” gegründet und geleitet hat, weiß kaum jemand. Die “Neon”-Rubrik “Unnützes Wissen” funktioniert nach diesem Prinzip.
Steckbrief von Assad (mit Tippfehlern): Basiswissen, angereichert mit der Information, dass er einen Computerclub gegründet hat
  • Machen Sie es wie bei einer guten Sauce: reduzieren, reduzieren, reduzieren. Streichen Sie jedes überflüssige Wort, streichen Sie Formulierungen, die Ihnen gefallen, die aber niemand sonst versteht. Streichen Sie Gewohnheitszitate und Pflichtnennungen: Dass Ban Ki Moon empört ist, überrascht wirklich niemanden mehr. Und wiederholen Sie nicht in eigenen Worten, was Sie gerade mit einem Zitat belegt haben.
Redundanz nervt: Erst der Gesetzes-Text, dann nochmal in eigenen Worten dasselbe wiedergegeben
  • Beantworten Sie mehrere langweilige Fragen in einer spannenden. “Wer ist beim Milchgipfel dabei?” Das ist als einzelne Frage so öde, dass diesen Abschnitt nur der CvD und die Milchgipfelteilnehmer selbst lesen werden. Wenn die Teilnehmer vorkommen müssen, listen Sie sie doch in der Antwort auf eine der folgenden Frage auf: Warum ist die Milch- und Käseproduktion die wichtigste deutsche Lebensmittelbranche? Wie setzen die Milchbauern ihre Interessen durch? Wie sichern sie ihre Macht?
Laaangweilig: Wenn die Teilnehmer genannt werden müssen, verklappen Sie die Information anderswo
  • Fragen brauchen Liebe, mindestens so viel wie Zwischenüberschriften: Formulieren Sie sie so, dass die Fragen zum Lesen verführen, so dass der Leser mehrere Einstiegspunkte in den Text hat — und auch einsteigen will. Vielleicht funktioniert auch eine Kombination aus Zwischenüberschrift und Frage: “Immer wieder Dienstags: Was ist der Super Tuesday?”, “Macht und Milch: Warum sind die Bauern so einflussreich?”, “Bye-bye Britannien: Warum muss Europa den Brexit fürchten?”
  • Entwickeln Sie so etwas wie eine Dramaturgie für die Fragen: “Neon” macht das im Kleinen bei Filmbesprechungen mit der Unterscheidung zwischen “Worum geht es?” und “Worum geht es wirklich?”. Bei portraithaften Explainern kann es helfen, nach Beziehungen zu fragen: Wer sind seine Freunde und seine Feinde? Welche seiner Feinde waren früher Freunde?
  • Wechseln Sie die Perspektive und spielen Sie mit Formaten: Wie würde das aussehen, wenn Angela Merkel ein ehrliches Facebook-Profil ausfüllen müsste? Welche Fragen stellen Entscheider im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht und was würden Flüchtlinge gerne gefragt werden?
  • Die große Kunst des kleinen Textes: Behandeln Sie jede Frage und jede Antwort wie eine Reportage mit Autorenzeile, mit derselben Sorgfalt und derselben Liebe. Und machen Sie, wenn es technisch geht, jede Frage einzeln teilbar in den sozialen Netzwerken.
  • Muss es wirklich ein Text sein? Fragen Sie Ihre Kollegen aus Grafik, Bewegtbildredaktion und Producing, ob es nicht eine bessere Art gibt, einen Sachverhalt zu erklären als mit Buchstaben.

Links und Lesetipps

Wo Sie mehr über journalistisches Schreiben und Erklärjournalismus finden

  • “What is explainer journalism”: Kurzer Überblick bei fipp.com.
  • “Lesen, um zu schreiben”: Link- und Buchtipps von mir zusammengestellt und immer wieder aktualisiert hier.
  • “Deadline: Journalismus im 21. Jahrhundert”: Blog von Constantin Seibt vom “Tagesanzeiger” hier.

Dieser Vortrag basiert auf Kursen, die ich an Journalistenschulen gegeben habe. Gehalten habe ich ihn am 3. Mai 2016 beim Reporter Forum in Hamburg.