Reise nach Bethlnhnms

Der Verfasser geht als Projektleiter eines Raum-Zeit-Experiments auf eine Reise zwischen parallelen Universen. Als dem Projekt die öffentlichen und kommerziellen Mittel entzogen werden und die Rechnerkapazität auf nicht dedizierte Ressourcen herabgestuft wird, gerät die Echtzeitberechnung aus dem Takt und das Bewusstsein des Verfassers muss in einem parallelen Universum zwischengespeichert werden. Er nutzt diesen Aufenthalt für eine Erforschung der Welt unter ähnlichen, aber in entscheidenden Punkten abweichenden Prämissen und entdeckt dabei die Welt der Yahoos.

Ich war verloren gegangen. Niemals war bei einem Projekt so etwas passiert. Es gab keine Handlungsroutine dafür, wie es mit mir, meinem Körper und meinem “verlorengegangenen” Bewusstsein, weitergehen würde. Man könnte die Einheit einfach durch Zurücksetzen auf die letzte gespeicherte Version wiederherstellen. Dann aber würden im Fall der — unerwarteten — Rückkehr meines Bewusstseins aus der parallelen Welt zwei Versionen existieren, mit unlösbaren ethischen Implikationen.

Darüber musste ich mir aber momentan keine Gedanken machen. Ich war ohnehin nicht in der Lage, mein Hiersein zu verändern, also versuchte ich, das Beste daraus zu machen und spürte den Gegebenheiten meiner neuen Umgebung nach.

Bislang hatten wir nur die Existenz paralleler Realitäten untersucht, nicht die darin enthaltenen Tatsachen. Was ich wahrnahm, war ungewohnt, merkwürdig, aber nicht fremd. Unvertraut vertraut. Es war das Gefühl großer lebendiger Nähe, körperlich. Noch genauer: Es war voller Empathie und Zuwendung. Ich konnte zwei Lebewesen wahrnehmen. Sie atmeten langsam und ruhig, einer stärker als der andere, aber genau im selben Rhythmus: ein…aus…ein…aus… Waren es Menschen? Ich konnte es nicht gleich erkennen.

Als Lebewesen haben wir ein intuitives Erkennen von anderen Lebewesen. Es genügen minimale Anhaltspunkte, Spuren, Geruch, Körperwärme, Atemgeräusche. Auch ein blind-taub geborener Mensch, der nie gesehen oder gehört hat, “spricht” mit der menscheneigenen Intelligenz durch die Art der Berührung und Gegenberührung, die er mit einem anderen austauscht. Auch dafür haben wir ein intuitives Erkennen.

Das Gefühl intimer Verbundenheit erschien mir hier so präsent, dass ich nicht wagte, mich zu erkennen zu geben. Ich konnte ja nicht wissen, ob sie überhaupt meiner gewahr werden konnten und ob es sie erschrecken oder gar aggressiv machen würde.

Meine Überlegungen wurden jäh unterbrochen, als einer der beiden seine Aufmerksamkeit auf mich richtete und nach mir suchte. Ich spürte genau, meine Anwesenheit war entdeckt. Das Lebewesen sprach mich an: “Was willst du? Du siehst doch, dass ich arbeite.” Ein Mensch, es war eindeutig ein Mensch.

“Ich weiß nicht, wie es erklären soll. Es ist kompliziert,” stammelte ich vor mich hin, “eigentlich gehöre ich nicht hier an diesen…”. Der Mensch erwiderte: “Sei mein Gast. Du interessierst mich. Kannst du nach meiner Schicht wiederkommen, in einer Stunde? Ich genieße diese Arbeit gerade so sehr, dass ich mein Bewusstsein nicht auch noch mit dir teilen kann.”

“Wohin soll ich…? Gibt es noch einen anderen Ort? Wie komme ich dahin?” war meine hilflose Antwort. Doch vernahm ich nichts mehr als das gleichmäßige Atmen der beiden. Wie konnte es so etwas geben? Was war mit der zweiten Person? Und was meinte er nur mit “arbeiten”?

Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich mich offenbar schon die ganze Zeit in der Anwesenheit einer unübersehbar großen Anzahl anderer Lebewesen befand, die einzeln oder zu mehreren waren und mich nicht wahrnehmen konnten oder wollten. Doch ich empfand nichts außer Leben. Konnte ich nicht anders oder gab es hier nichts anderes?

Als ich meinen Gastgeber wiedertraf und er sich mir mit seiner ganzen Aufmerksamkeit widmete, erfuhr ich, dass er und alle hier sich als “Yahoo” bezeichneten und ich mich an einem Ort namens “Bethlnhnms” befand. Mein Yahoo erklärte er mir auch, was ich nach stundenlangem Grübeln schon selber herausgefunden hatte, nämlich dass Menschen dieser Realität ausnahmslos alle ein erfülltes Leben lebten und bei ihrer Arbeit glücklich waren.

Ich erinnerte mich an die gleichmäßigen völlig übereinstimmenden Atemgeräusche, die ich ganz zu Beginn wahrgenommen hatte und wollte nun wissen, worin diese “Arbeit” genau bestehe, denn davon war bis jetzt noch nicht ein einziges Mal die Rede gewesen, als wäre es das Selbstverständlichste von allem. Diese Frage brachte meinen Gastgeber zum Lachen. “Wir arbeiten,” lachte er, “wenn wir uns anderen Lebewesen zuwenden.”

“Also arbeitet ihr im sozialen Bereich?” fragte ich in das peinliche Gelächter. “Alle Arbeit bei uns ist sozial,” korrigiert mein Gastgeber mich. Ich wollte schon erwidern: “In einem gesellschaftlichen Gemeinwesen trägt jede Arbeit zum Bruttosozialprodukt bei und ist damit “sozial”, das ist banal.” Doch die entwaffnende Schlichtheit, mit der seine Worte wählte, sagte mir, dass “sozial” in dieser Realität etwas anderes bedeutete.

“Unser gemeinschaftliches Vermögen, wenn du das meinst”, erriet er meine Gedanken, “ist nicht abstrakt sozial, es ist durch und durch konkret.” Und fuhr fort: “Alle Arbeit ist eine direkte Handlung an einem oder mehreren anderen. Sie kann Hilfe sein oder Unterstützung, Unterhaltung, Pflege und auch Liebe. Andere Arbeit haben wir nicht.” “Und woher bekommt ihr Essen, Trinken, Kleidung und andere existenzielle Dinge?” wollte ich nun wissen. “Ach das meinst du, das ist keine Arbeit für uns, das erledigen die Automaten.”

Da er meine zweifelnden Blicke sah, fuhr er fort und erklärte mir in sehr übersichtlichen Schritten die Entwicklung von der lokalen bäuerlichen zur globalisierten, auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Wirtschaft und deren Weiterentwicklung zur Vollautomatisierung, was eine vollständige Proletarisierung und die völlige Entkoppelung von der menschlichen Basis zur Folge gehabt habe.

“Das ist leider eine absehbare Entwicklung in meiner Realität”, warf ich ein, “und es ist keineswegs sicher, dass die Menschheit das überstehen kann. Wir leben in einer von hemmungslos entfesselter Gen-Technik, Militarisierung und Klimaschädigung gefährdeten Welt.” Ja, das sei auch die Entwicklung in seiner Welt gewesen, meinte mein Gastgeber.

Er schien aber mit großer Selbstverständlichkeit davon auszugehen, dass sich herausstellen werde, dass der Einsatz von Technik und Gewinnstreben ohne Einbeziehung des Menschen, aller Lebewesen, jedes Lebens als zentralem Ziel von Arbeit ein Irrtum sei. Diese Einsicht sei schmerzhaft, aber unausweichlich. “Du wirst es vielleicht nicht mehr erleben, aber sei gewiss. Es gibt nur diese Entwicklung auch in deiner Realität: Alle Systeme aus lebenden Bestandteilen streben nach einem Gleichgewicht: Leben und leben lassen. Überall wird es so kommen.”

Ein Flackern in meinem Unterbewussten deutete mir an, dass man mit Erfolg nach mir gesucht hatte und nun die Synchronisierung mit meinem Körper bevorstand. Gleich würde ich wieder vollständig “ich” sein, mit Armen und Beinen. Wir mussten Abschied nehmen. “Eine letzte Frage”, rief ich hastig. “Was war das für eine Arbeit, als du mit dem anderen so gleichmäßig geatmet hast? War das, äh, Liebesarbeit?”

“Ja und nein”, erklärte mein Gastgeber mit deutlich hörbarer Nachsichtigkeit, “es ist eigentlich ganz einfach: Ich bin seine Lungenmaschine. Ich ersetze ihm die gelähmte Atemmuskulatur, indem ich seinen Brustkorb in regelmäßigen Abständen komprimiere und wieder loslasse. Was du gespürt hast, war seine Liebe für mich, weil er ohne meine Arbeit nicht lebensfähig ist. Das ist, was sie bei euch Lohn nennen.” “Und jetzt ist ein anderer bei ihm und er liebt diesen auch?” wollte ich noch wissen. “Ja, solange ich mit dir gearbeitet habe”, konnte ich gerade noch vernehmen, bevor der Kontakt abriss.

Und während ich schon die zurückkehrenden vertrauten Empfindungen meines Seins in meiner eigenen Realität wieder zu spüren begann, wurde ich von einer unglaublichen Dankbarkeit erfasst. Ich war dankbar für das Gefühl, welches ich bei diesen Yahoos erfahren hatte, das sie Arbeit nennen.

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