Die Geschichte meines ersten Velothons
Im August 2015 habe ich mich entschlossen, ein Rennrad zu kaufen. Früher eigentlich eher im Laufen angesiedelt ging das auf Grund eines Knorpelschadens nicht mehr so richtig, also musste eine Alternative her. Glücklich bin ich mit einem Cube Rad nach Hause und das Abenteuer konnte beginnen. Meine erste Ausfahrt ging, völlig unüberlegt auf den Fläming Skate..nach 90 km auf dem Rad erreichte ich total erledigt mein Auto wieder und schlich zurück nach Berlin. Alles, aber auch alles, hat weh getan. Die nächsten Ausfahrten waren definitiv kürzer und ich habe mich mehr mit dem Rad vertraut gemacht, bin immer sicherer in der Fahrweise geworden. Dann, im Dezember, ging meine Anmeldung für den Velothon Berlin ins Netz. Pam brauchte Ziele.. nicht mehr so laufen zu können wie früher belastete mich, in der Bewegung eingeschränkt kamen wieder Kilos auf die Hüften, die einfach nicht mehr weg wollten. Den Winter über stand Muskelkräftigung auf dem Programm bis endlich, im März, die erste Ausfahrt mit meinem Cube Baby auf dem Plan stand. Das Umland wurde erkundet, Strecken erprobt und fleißig abgeradelt. Von einem anfänglichen durchschnittlichem Tempo von 23 km/h auf 33 km steigerte ich mich auf 25 km/h bei 50 km. Immerhin.
Die Strecken wurden länger, Kraft fehlte, das Tempo stagnierte. Wind machte die ein oder andere Ausfahrt zum Kräftemessen, ich habe geflucht, gemeckert und war auch ab und an an der Stelle, an der ich mich gefragt habe, warum ich das mache … Dann biege ich um die nächste Ecke, eine leere Landstraße im Abendlicht und wieder kam der Kloß in den Hals, diesmal allerdings gefüllt von einem Glücksgefühl, meinem Glücksgefühl soetwas zu sehen, mein Moment, den ich ohne meine abendlichen Ausfahrten nie gehabt hätte. Der Schweiß, die Kraftlosigkeit und alles war vergessen.. Und so machte ich immer weiter. Überholt von Radgruppen, die mit scheinbarer Leichtigkeit nur so über die Straßen flogen und sich dabei auch noch unterhalten konnten, habe ich mich einer kleinen Freizeit Radgruppe angeschlossen. Die erste gemeinsame Fahrt, wie konnte es anders sein, 70% im starken Gegenwind.. Was haben wir gekotzt. Trotzdem habe ich für mich eine gute Zeit gefahren, besser als zuvor. Die Macht des Teamfahrens.. Das Training ging weiter, ich bin unter der Woche 2x nach der Arbeit meine Sprintstrecke gefahren, 40 km die mich immer schneller werden ließen, am Wochenende zusätzlich eine längere Distanz. Eine Trainingseinheit zu zweit, Windschattenfahren üben, war über 60 km mit durchschnittlich 27 km/h der Höhepunkt meines Trainings. Dieses Tempo konnte ich auch bei meiner letzten Einheit alleine vor dem Velothon halten und ich war mächtig stolz auf mich. Angemeldet hatte ich mich als Einzelfahrerin mit 24 km/h und starten würde ich nun als 7. Teamfahrerin der Winddämonen, die sich mit 28km/h angemeldet hatten 😳.
Das Velothonwochenende stand nun vor der Tür. Mein bester Freund kam extra für das Rennen zu mir, trotz 400 km Entfernung, um mich die Tage vorher und nachher zu begleiten und zu erden. Dafür bin ich unendlich dankbar.
Am Raceday klingelte um 04:30 der Wecker, müde machten wir uns nun auf dem Weg zum Start. Aus dem 7 köpfigen Team der Winddämonen sind krankheitsbedingt nur 4 am Start versammelt. Eine musste aus einem anderen Startblock starten, so waren wir nur noch 3. Mein Freund Tom verabschiedete sich und ging Richtung Siegessäule um das Feld kurz nach dem Start bildlich festzuhalten. Im Kollektiv gingen wir alle nocheinmal (zum wievielten Mal habe ich vergessen 😂) auf’s Klo und mischten uns dann unter die Starter im Startblock. Nervosität herrschte, Angst vor einem Sturz im Getümmel und der Hektik der Startphase; würden alle bedacht und umsichtig losfahren? Ich wurde immer ruhiger.. Dann der Startschuss. Langsam rollten wir vor zur Startlinie, dann fest die Klicks in die Pedale und los gings. Yvonne düste gleich davon, vom Pulk mitgezogen. Alex und ich fuhren gemeinsam weiter. An der Siegessäule habe ich Tom am Rand entdeckt, ein letztes Winken und los ging es auf die Strecke. Ein gesurre um mich rum.. Herrlich..Die Strecke war sehr schön ausgewählt. Durch die vielen Radfahrer war es leicht, das Tempo zu halten, Windschatten, Adrenalin und Freude. Auf der Havelchaussee angekommen, ist Alex auch los, er ist halt viel schneller und sollte sein Rennen fahren. Ich fuhr mein Tempo weiter, habe die Atmosphäre aufgesogen und die Gegend genossen. Die Streckenposten waren super, an zwei erinnere ich mich besonders, im letzten Drittel der Havelchaussee standen zwei dunkelhäutige Helfer an der Seite, aus dem Auto kam Hip Hop und sie feuerten uns tanzend an. Nach einer Stunde hatte ich einen Schnitt von 29 km/ h und grinste vor mich hin. Weiter ging es durch die Stadt, vorbei an fleißigen Anfeuerern.
Dann war er da, der Hauptbahnhof..at least nur noch 3 km bis zum Ziel. Jetzt wurde mir kalt. Emotionen.. An der Siegessäule hörte ich meinen Namen: Pamiiiiii… ich war wie im Tunnel. Ich fuhr alleine auf die Zielgerade, fremde Menschen feuerten mich an, Jubelschreie.. Ein Wahnsinnsgefühl.. Ich kann das nicht in Worte fassen, jeder der soetwas erlebt hat, weis, wovon ich rede.. Dann die Ziellinie.. Uhr gestoppt..weiter in den Ausrollbereich.. Keine Chance, die Tränen liefen.. Ich hatte es geschafft.. Die Monate der Schweißes, des Frusts, der Schmerzen haben sich tausendfach gelohnt.
Den Tom nach dem Rennen wieder eingesammelt haben wir uns auf dem Heimweg gemacht. Mit einem Dauergrinsen im Gesicht.. Was für ein Erlebnis.
Mit einer Zeit von 2:09 Stunden auf 66,3 km bin ich einen Schnitt von 30,74 km/h gefahren…für mich eine super Leistung und ich bin mega stolz auf mich… hieß es doch im Mai letzten Jahres seitens meines Orthopäden: kein Laufen mehr, Sport nur bedingt, am besten schwimmen und radfahren nur zum spazierenfahren..
Platzierung: 114 in meiner AK von 836 Frauen der AK gesamt, 349 von 4194 Starterinnen im 60 km Rennen insgesamt.
Mein größter Dank gilt meinem besten Freund Tom, der mich nach der OP immer aufgebaut und unterstützt hat. Mein Training aus der Ferne immer begleitet hat und vor allem immer an mich geglaubt hat. Glücklich ist der, der einen solchen Freund an seiner Seite hat, danke dafür. Danke auch meiner Mutter, die trotz ihrer Ängste dass ich stürze immer hinter mir steht. Und der Claudi aus Frankfurt, die immer so lieb bei meinen sportlichen Aktivitäten virtuell dabei ist. Danke der Community bei Strava, Garmin, Twitter und Google+ fürs Begleiten und Peter Gnüchtel für die aufmunternden Worte zum Rennen, nächstes Jahr auf ein Bier im Ziel :-) .
Schweiß, Schmerzen, Tränen, Fluchen, Frust.. Alles Begleiter eines Freizeitsportlers.. all das wird durch Glücksmomente wett gemacht.. sei es durch besondere Augenblicke im Training, das Genießen der Landschaft, die man sonst so nicht wahrgenommen hätte, durch besondere Erlebnisse mit Freunden, durch den Stolz auf sich selbst, über sich hinauszuwachsen.
Eure
Pam


