Tschüss Berlin, hola Barcelona

Heute haben meine Frau Eva und ich einen neuen Lebensabschnitt begonnen: Wir sind von Berlin nach Barcelona gezogen. Erst mal für 11 Monate, für die Zeit danach gibt es noch weitere Reisepläne (Asien!). Unsere Wohnung in Berlin haben wir aufgegeben, Möbel, Fahrräder, Gitarren und haufenweise anderen Kram verkauft und verschenkt. Wir benutzen nur noch wenige Kartons mit persönlichen Sachen wie Aktenordnern, die im Keller von Evas Eltern stehen — und das, was wir in die zwei großen und den zwei kleinen Rucksäcken gepresst haben. Hauptsächlich Kleidung und Laptops. Den meisten Platz aber nimmt unser Vitamix, der Wasserfilter und die Küchenmaschine weg. Für einen 11-Monats-Aufenthalt wollen wir auf all das nicht verzichten.

Ausmisten tut gut.

Seit Jahren schon miste ich immer wieder aus, und auch diesmal war es ehrlich gesagt nicht nervig, sondern eine wahre Freude. Ausmisten bedeutet Entlastung. Fast alles, was in deiner Wohnung rumsteht und -liegt, brauchst du nicht. Punkt. Bücher, die du nie wieder liest. Kleidung, die du seit über einem Jahr nicht mehr getragen hast. Von Klimbim und Dekozeug mal ganz abgesehen. Ich kenne Menschen, die ziehen nicht mehr um, weil der Aufwand riesig ist. Oder die sich Regale kaufen, um dann zu überlegen, womit sie diese füllen können. Ich hingegen digitalisiere alles, speicher alles in Evernote und freu mich darüber, möglichst wenig zu besitzen. Um so weniger, um so besser. Denn so bleibe ich beweglich. Ich hasse hohe Fixkosten, mag keine Schulden und verzichte daher gerne auf unnötiges Zeug. Ich möchte keinen Job machen, der mir keinen Spaß macht, damit ich mir Zeug kaufen kann, das ich nicht brauche. Ich benötige keine riesige Wohnung, wofür auch? Unsere Wohnung liegt mitten in der Altstadt, in den schönen Gassen. Sie ist nur 30 qm groß, und man muss für sie sieben Stockwerke erklimmen. Sie ist ziemlich rumpelig, nicht zu vergleichen mit Standard-Wohnungen in Deutschland. Der Boden ist lustig uneben, weil wir quasi in einer auf das Dach gesetzte Hütte leben. Aber sie ist total charmant, und wir benötigen drei Schritte, um auf die Dachterasse zu gelangen. Und wir lieben die Dachterasse, den Blick über die Dächer der Stadt. Wir sehen die Santa Maria del Mar, den Torre Agbar oder auch die Sagrada Familia.

I ❤ Berlin

Wir verlassen Berlin nicht, weil uns die Stadt nicht gefällt. Wir beide lieben Berlin, wirklich. Ganz sicher eine der spannendsten und liebenswertesten Städte auf diesem Planeten, die unglaublich viel zu bieten hat, und die immer in unserem Herzen sein wird. Die wahnsinnig wichtig für uns beide, die nicht in Berlin geboren sind, war. Ohne Berlin wären die vielleicht wichtigsten Dinge in meinem Leben nicht passiert. Und vielleicht kommen wir auch irgenwann zurück, das ist alles andere als unrealistisch. Und trotzdem verlassen wir die Stadt und ziehen nach Barcelona. Warum?

I ❤ Barcelona

Weil Barcelona wie Berlin mit Meer und gutem Wetter ist. Eine wunderschöne Stadt, die ebenfalls unglaublich viel zu bieten hat. Eben u.a. das Mittelmeer, 15 Minuten zu Fuß von unserer Wohnung entfernt. Sonne, Sonne, Sonne. Fast nie regnet es, und die Temperaturen sind im Durchschnitt 20° C. Herrlich! Ständig gibt es coole Veranstaltungen, die Atmosphäre in der Altstadt abends ist fantastisch, der Lebensrythmus ganz anders als hier. Und überhaupt machen die Leute insgesamt einen entspannteren, fröhlicheren Eindruck als hier in Deutschland. I ❤ it. Jedes Viertel hat hier einen anderen Charakter, die Architektur ist superspannend und die Stadt ist von den Bergen eingerahmt. Ein wundervolles Bild.

Wir waren schon zwei mal einen ganzen Monat da und haben uns nachhaltig in die Stadt verliebt. Und irgendwann haben wir uns gesagt: “Wie toll wäre das, wohl hier zu leben?”. Und dann: “Wir KÖNNEN hier leben!”. Dieser Feststellung folgte recht schnell der Entschluss, das auch wirklich zu tun. Jetzt ist es soweit.

Was ich vermissen werde

Meine echten Freunde und meinen Hund Spike, die Chaostheorie und ein paar gute vietnamesische Restaurants, Fahrradfahren (ist in Barcelona nur eingeschränkt empfehlenswert).

Was ich nicht vermissen werde

Die vermeintlich echten Freunde, die keine waren. Die mich ausgenutzt haben, weil ich leider einfach zu naiv manchmal bin, zu sehr an das Gute im Menschen glauben möchte. Ich bin froh, eine größere Distanz zwischen mich und diese Menschen bringen zu können. Das meistens schlechte Wetter: Heute Herbst, morgen Sommer. Das nervt mich. Die Abwesenheit eines Meeres.

Hoffnungen & Erwartungen

Natürlich verspreche ich mir von diesem Umzug nicht nur besseres Wetter. Ich möchte mich persönlich weiter entwickeln, neue Ideen entwickeln für meine berufliche Zukunft. Abschließen mit den Menschen, die mich verletzt haben. Zur Ruhe kommen. Zur Ruhe kommen. Zur Ruhe kommen. Mir Zeit nehmen für Yoga, Meditation und überhaupt für meinen Körper. Alles hat etwas gelitten in den letzten Jahren, und ich benötige mal etwas Erholung, auch wenn zumindest die nächsten Monate noch Buchprojekte und andere To-Do’s auf der Liste stehen. Aber das wird alles mit der Zeit weniger, und ich werde mir mehr Zeit für mich nehmen können. Darauf freue ich mich sehr. In Zukunft werde ich besser auf mich selbst aufpassen.

Barcelona ist der Start eines neuen Lebensabschnittes, dem wir seit einigen Monaten sehnsüchtig entgegen fiebern. Aus “Oh man, nur noch 50 Tage” ist plötzlich “Krass, morgen geht es endlich los!” geworden. Die Wohnung ist leer, die Taschen sind gepackt und die Emotionen schwanken zwischen Traurigkeit (wegen der Freunde und Berlin) und großer Freude auf das “neue Leben”. Wir haben nicht weniger vor, als das in vollen Zügen zu genießen. Auf unserer Dachterasse, am Meer, auf dem Placa del Sol im Stadtteil Gracia, im Teresa Carles oder auf dem Platz vor dem MACBA. An zig und hunderten anderen wundervollen Plätzen, die diese Stadt uns anbietet.

Ist das mutig?

Erfordert so ein Schritt großen Mut? Ich finde ehrlich gesagt nicht all zu sehr. Natürlich: Alles aufzulösen und ins Ausland zu ziehen ist keine Kleinigkeit. Wir wissen nicht, was passieren wird. Aber das wüssten wir auch nicht, blieben wir hier. Wir ziehen in eine europäische Großstadt, lediglich 2,5 Flugstunden entfernt. Eine Stadt mit allen Annehmlichkeiten. Wir können JEDERZEIT zurück nach Berlin. Wir haben ein gut gefülltes Konto und könnten auch Zeiten ohne Job überbrücken. Es kann uns nicht wirklich irgendwas passieren, was uns in Berlin nicht auch passieren könnte.

Ein Traum geht in Erfüllung — und dafür bin ich irre dankbar.

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