Lesbos.

(ENGLISH VERSION BELOW)

Frustration wegen der politischen Umstände und Trauer um so viele Schicksale und Optimismus, Liebe und Motivation wegen so vieler intensiven Eindrücke, die ich in den letzten zwei Wochen auf Lesbos gewonnen habe. Das sind grob die sich ständig abwechselnden Stationen der Achterbahn, die meine Gefühlswelt gerade fährt.

Ich habe beschlossen, all meine Notizen und Texte, die während der Zeit entstanden sind, auf eine leserfreundlichere Länge zu komprimieren und ein wenig Intimität herauszunehmen, um das Ergebnis veröffentlichen zu können. Denn ich weiß von mir selbst, dass die Zahlen, die ab und an in unseren Nachrichten ankommen, zwar schockieren, traurig und wütend machen, aber dennoch Zahlen bleiben, die einen nur dann verfolgen, wenn man gerade daran denkt. Deshalb will ich wenigstens ein paar meiner Impressionen teilen.

So viele Menschen, die ich kenne, sind extrem unzufrieden mit dem Weltgeschehen und haben doch keine Kraft und fehlenden Optimismus, um wirklich etwas verändern zu versuchen, und zwar auch an den Ursachen der Umstände, nicht nur an der Unerträglichkeit letzterer. Ich wünsche mir, dass die, denen es anders geht, die anderen motivieren, denn vielleicht fehlt uns einfach der Mut.

Offiziell fehlen 3000 Kinder der geflüchteten Menschen, die wahrscheinlich in den Händen der Mafia oder anderer organisierter Gruppen sind. Eine Zahl, die einem den Boden unter den Füßen wegreißen kann. Menschenhandel, Pornografie…

Ich habe einen etwa vierjährigen Jungen, der allein im Camp herumlief, auf meinen Schoß genommen und versucht mit ihm zu kommunizieren. Er war total apathisch, traumatisiert. Sah mit leeren Augen in die meinen. Keine Reaktion auf gar nichts, aber von den Keksen, die ich ihm gab, aß er widerstandslos. Als eine Übersetzerin versuchte arabisch mit ihm zu sprechen, blitzte ein klitzekleines Etwas hinter seinen Augen, aber mehr nicht. Unsere Suche nach seinen Eltern endete bei einer Frau, die weder Erleichterung noch Freude zeigte, den Jungen wiederzusehen, ihn aber zu sich nahm und mit ihm verschwand. Ich werde niemals erfahren, ob er tatsächlich ihr Sohn war, oder nicht. Aber was ich mit Sicherheit sagen kann, ist dass dieses immense Chaos von Flucht und Schrecken schamlos ausgenutzt wird und die EU dabei zusieht, indem sie die Reise so vieler Menschen immer weiter illegalisiert, statt sie dabei zu unterstützen.

Ein junger Iraker erzählte mir, er habe es erst beim dritten Anlauf von der Türkei nach Griechenland geschafft. Beim ersten Mal fielen er und die anderen aus dem Boot ins Wasser, drei Menschen ertranken, er verlor seinen Pass und sein Telefon; beim zweiten Versuch erwischte man sie noch auf dem Festland, der dritte Anlauf brachte sie endlich nach Lesbos. Bei der Registrierung fragte man ihn, woher er komme. Aus dem Irak. Das sei nicht wahr, man könne hören, er sei Iraner. Er habe dort lange gelebt, aber komme aus dem Irak… So ging die Befragung und am Ende stellte man ihn vor die Wahl zwischen dem Iran als Herkunftsstaat, oder einem Aufenthalt im Gefängnis. Nun ist er offiziell Iraner, womit sich seine Chancen auf ein Leben in Europa auf ein Minimum dezidieren. So viel ist der Mensch also ohne seinen Pass.

Ich hörte außerdem die Geschichte eines jungen Mannes, der sein ganzes Leben zurücklassen musste, weil er ein Christ sein will. Für Nichtmoslems ist es im Iran sehr gefährlich, ihnen drohen Gefängnis, Folter und Tod. Konvertiert man vom Islam zum Christentum, ist die Todesstrafe sehr wahrscheinlich. Auch er wurde gefoltert und verfolgt, konnte in seiner Heimat kein friedliches Leben mehr führen.

Das offizielle Camp in Moria, wo die Menschen auch registriert werden, war früher mal ein Gefängnis.

Weil das Hauptcamp in Moria, Lesbos, wo die Geflüchteten teilweise unterkommen und registriert, und eigentlich versorgt, werden sollen, nicht gut funktioniert und den Menschen überhaupt keinen Raum und keine Atmosphäre zu einer noch so kleinen Rast gibt, haben ein paar Freiwillige ein zweites, inoffizielles Camp direkt daneben aufgebaut, in dem die Versorgung sachlich und emotional funktioniert. „Better Days For Moria“ (BDFM).

Als ich vor zwei Wochen dort ankam, war gerade das Wasser abgestellt worden, und zwar vom Hauptcamp, das von der Griechischen Regierung betrieben wird. Zum Glück währte dieser Zustand nur zehn Tage. „Wir brauchen euch nicht“, ist die Botschaft, „und deshalb kooperieren wir auch nicht mit euch“. Möglichst kompliziert sollen die Freiwilligen es haben. Wir sind der lebende Beweis für die Überforderung Griechenlands und wir sind außerdem Zeugen. Meine Spekulationen führten so weit, dass ein Zustand des totalen Chaos auf Lesbos sogar provoziert werden soll, denn ohne die Voluntiere würde hier wahrscheinlich kaum etwas funktionieren, um einen Vorwand für die Öffentlichkeit zu schaffen, die Grenzen zu schließen. Die politische Situation, all die involvierten Parteien und die sich ständig verändernden Regeln sind so intransparent, dass mir, außer zu spekulieren, nicht viel bleibt. Kooperiert wird jedenfalls nicht, im Gegenteil.

Die Voluntiere waren jeden Tag gezwungen, Wasser in großen Kanistern ins BDFM zu schleppen.

Am Ende meiner Zeit auf der Insel waren auf dem ägäischen Meer schließlich die griechische und türkische Küstenwache und die griechische Polizei/ das Militär, und auch NATO-Boote verschiedener Länder und Frontex vor Ort und aktiv. Die offizielle Aufgabe der NATO ist, die Schlepper zu „fangen“, wie Löwenkinder, die man einsperrt, während sich ihre Eltern ein paar hundert Meter weiter fleißig fortpflanzen. Aber leider hört man auf Lesbos, die NATO würde Boote, die sogar schon auf griechischen Gewässern fahren, zurück in die Türkei schicken. Die Küstenwache scheint inzwischen eine ganz gute Arbeit zu machen: viele Flüchtlingsboote werden noch auf dem Meer empfangen und die Menschen sicher in den Hafen gebracht. Und Frontex ist hier, um Griechenland in seinem Tun zu unterstützen, kann also nicht als separate Partei bezeichnet werden.

Die Menschen kommen auf Lesbos voller Erschöpfung an, haben manchmal tagelang nicht geschlafen. Manche Frauen, die ich im Ankleidezelt mit trockener Kleidung versorgte, fielen mir weinend in die Arme. Nur wenige sprechen Englisch und doch findet man immer einen Weg zu kommunizieren. Eine junge Frau kam mit ihrer Tochter und ihrer kleinen Schwester. Die Mutter mussten sie in Syrien zurücklassen. Sie erzählten, dass sie zu Hause viele schöne Kleider hatten, aber „Assad, bumm bumm bumm“. Manche machten Witze und lachten mit uns, die Kinder freuten sich über unsere Späße. Andere waren so müde und erschöpft, dass sie nur ins Leere sahen und das Umkleiden möglichst schnell hinter sich bringen wollten, wieder andere ließen einfach los und weinten.

Ich hoffe so sehr, dass sie alle ihren Weg finden, sich irgendwo in Sicherheit ein Leben ohne Rassismus und Diskriminierung aufbauen können. Wenn ich daran denke, was sie auf dem Weg dahin noch erwartet, kommen mir die Tränen.

Trotz all der schlechten Nachrichten und traurigen Bilder habe ich aus der Zeit auf Lesbos viel mehr Energie gewonnen, als sie mich gekostet hat. Es ist unglaublich, was die Freiwilligen im BDFM und anderen Projekten auf Lesbos 24/7 vollbringen. Alle Menschen, die dort arbeiten, haben einen riesigen gemeinsamen Nenner: Humanität schaffen wollen. Und es klappt. Plötzlich kooperieren Menschen, denken zusammen nach, kommen sich in rasanter Geschwindigkeit nahe und sind füreinander da.

Und genau daraus entstehen Kraft und Liebe, die wir an die erschöpften Menschen weitergeben können. Jedes Lächeln kann ein Multiplikator für ein paar weitere sein. Jeder einzelne Tag, den man mit Helfen verbringt, bewegt etwas. Jede kleine Veränderung, ist ein Puzzleteil einer etwas größeren.

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Frustration because of the political circumstances and sadness about so many destinies. And optimism, love and motivation because of the many intense impressions I had in the past two weeks on Lesbos. These are roughly said the constantly changing stations I’m driving through with an emotional rollercoaster right now.

I decided to put together a shorter version of the notes I’ve written in that time, to make it easier to read and to exclude some intimacy. The things we read in the news every day are shocking, saddening and exasperating. But they often disappear from our minds as soon as we put aside the newspaper. That’s why i’d like to share at least some of my impressions with you.

Many people I know are terribly unsatisfied by the things that happen in our world right now but unfortunately don’t have enough power and optimism to get active, go out and change something, namely not only the grievances but also their causes. I wish that those who feel differently might motivate the ones who lack the faith for being capable of building a better future.

Officially 3000 children are missing and are probably taken captives by the mafia or other organized groups. A number which makes you lose the ground under your feet. Human trafficking, pornography…

There was a four year old boy walking the camp by himself, who I tried to communicate with. He was obviously apathetic and traumatized. He looked at me with emptiness in his eyes and didn’t react on anything, though he was eating the cookies that I gave him without any resistance. There was a tiny flash in his eyes when a translator spoke to him in arabic language but nothing more. Our search for his parents ended up when a women told us she was the mother and took him roughly to her side without any relief or joy. I will never know whether or not he was truly her son, but what I can certainly say is that this immense chaos of fleeing and sorrow is being used shamelessly. The EU is only watching while illegalizing their journey instead of supporting them with a #safepassage.

A young Iraqi told me about his three attempts to make it to Greece from Turkey. The first one ended up in the water, three people drowned, he lost his passport and his cellphone. When they tried again the police busted them already on the mainland and with the third attempt he eventually came to Lesbos. While registration he was asked where he came from. From Iraq, he said. They accused him of lying and said he must be from Iran because of his accent. He replied that he lived there for a long time but originally comes from Iran. In the end of the inquiry he was told to have two options: being from Iran from now on or going to jail. Now he officially is Iranian thus his chances for living a life in Europe has decreased to a minimal extent. Is that what a human being is worth without his passport?

I also was told the story of a young man who had to leave his whole life behind him because he believes in the christian god. For people who are no moslems it is highly dangerous in Iran, they are likely to be thrown in jail, experience torture or even death. If you convert from islam to christianity the death sentence is quite certain. He also was tortured and persecuted so he could not live a peaceful life in his homeland anymore.

Usually refugees are supposed to be registered and provided with shelter in the main camp in Moria, Lesbos, but this doesn’t work very well. This is why another camp was built by a few volunteers right next to it, to give the people a place and the atmosphere for a little rest and where the supply functions materially and emotionally much better. „Better Days for Moria“ (BDFM).

When I arrived there two weeks ago the water supply was just turned off by the main camp engaged by the greek government. Luckily this was only for ten days. „We do not need you“, that was the message, „ and this is why we do not cooperate with you“. The volunteers should have it as complicated as possible. We are the living proof for the overextension of the greek government and we are also witnesses. My speculations went so far that a complete chaos is being purposely provoked, to find an excuse to close the borders. Without all the volunteers presumably nothing would work at all on this island. Regarding the political situation, all the involved interest groups and the constantly changing rules and responsibilities it is very hard to see through and for me it is hard to do much more than speculating. Anyway there is no cooperation at all.

At the end of my time on Lesbos there were the Greek and Turkish coastguard, the Greek police/ military and also NATO-ships from multiple countries as well as Frontex on the Aegean sea. Officially the NATOs task is to „catch“ the smugglers although this goal is impossible to achieve as long as there is no safe passage to Europe. This issue certainly will not be solved by military ships on the Aegean sea. Disgustingly it is to hear that some ships are even forced to turn around although they are already in Greek waters. The Greek coastguard seems to do quite a good job by now: Sometimes the people on the rubber dinghies are rescued on the sea and then brought safely to the islands.

The people arrive on Lesbos completely exhausted and sometimes haven’t slept for days. Some women I provided with dry clothes in the dressing tent just fell into my arms crying. Only very few of them speak english but there is always a way to communicate. A young woman came with her daughter and her little sister. They had to leave their mother in Syria. They told me, they had many nice clothes back home but „Assad, bumm bumm bumm“. Some of them were laughing with us and the children were happy because of our jokes. Some were so tired and exhausted that they just gazed into space and wanted to finish the dressing as fast as possible. Others just released their tears.

I hope so much that they will all find their way and live a life in safety and without racism and discrimination anywhere on this planet. When im thinking of all the things that might happen to them on their way my eyes well up with tears.

Despite all the bad news and sad pictures I gained much more energy from the time on Lesbos that it took me. It is incredible what all the volunteers in BDFM and other projects on the island accomplish 24/7. All the people who work there are connected by one thing: humanity. And it works. Suddenly people cooperate, think together, come together, get close very fast and are there for each other.

From this emerges power and love, that we can pass on to the depleted people. Every smile can be a multiplication for many more. Every single day spent with helping others has an effect. Every little change is a small piece in a big puzzle. Let us be the change we want to see in the world.

(I thank my friend Bert for helping me with the translation since my English is not that good.)