Wir haben uns da missverstanden
Valerie
136

Liebe Valerie,

vielleicht führt meine Frage in eine ganz verkehrte Richtung, aber — von Kollege zu Kollegin gefragt — warum würden Sie den Hinweis Ihrer Großmutter anders gewichten als den Hinweis Ihrer Bekannten? Natürlich nehmen wir Kritik ganz unterschiedlich wahr. Und natürlich ist es immer auch eine Frage, aus welcher “Leserecke” beispielsweise eine Kritik kommt. Dass ich es nie allen Lesern recht machen kann, ist mir bewusst. Gleichwohl muss ich mich doch, wenn eine entsprechende Kritik aus meiner Leserschaft — oder modern gesprochen: Zielgruppe — kommt, damit auseinandersetzen. Und wenn ich merke, dass ich beispielsweise schon mit dem Einstieg in einen Text an meiner Leserschaft vorbei geschrieben habe, dann habe ich eben doch vielleicht etwas “falsch” gemacht. Also: Kritischer Blick auf die eigene Arbeit — und vielleicht stelle ich fest, dass es gegebenenfalls etwas missverständlich war, aber der Text trotzdem eine Linie, einen “roten Faden” hat. Kritik sollte also immer — ganz gleich von wem geäußert — Chance und Anreiz sein, die eigene journalistische Arbeit zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen. Auch Journalismus ist kein Selbstzweck.

Wenn ich nun vom Konkreten zum Abstrakten wechsele: Vielleicht ist das der Grund der vielen Missverständnisse zwischen Franziskus und Ihnen. Sie haben sich beide auf dieses außergewöhnliche Projekt eingelassen. Und dafür gebührt Ihnen beiden Respekt. Ich habe aber erst mit diesem Beitrag von Ihnen den Eindruck, dass Sie beginnen, zumindest ansatzweise einen Perspektivwechsel zuzulassen.

Die bisherigen Beiträge habe ich mit sehr großem Interesse gelesen. “Gestört” hat mich dabei, dass Sie einerseits bei Franziskus und den Katholiken, die Sie schildern, eine sehr verengte Weltsicht festzustellen glauben, und dies mehr oder minder offen auch kritisieren. Ich hatte bisher nach keinem einzigen Blog-Beitrag den Eindruck, dass Sie sich auf den katholischen Menschen Franziskus wirklich eingelassen haben. Sie haben ihn begleitet, sie haben an verschiedenen Vorgängen teilgenommen, dies eindrücklich beschrieben, aber bei mir ist zumindest nicht angekommen, dass Sie aus Ihrem Weltbild wirklich herausgegangen sind.

Das mag — und das will ich gar nicht bestreiten — ein Rezeptionsproblem meinerseits sein. Vielleicht ist aber eben doch Ihre Prämisse etwas zu fest zementiert. Sie haben — natürlich durch Ihre Sozialisation — ebenfalls ein sehr festes und auf seine Art sehr stringentes Welt- und Gesellschaftsbild. Das will Ihnen auch niemand nehmen. Wir alle wissen spätestens seit Max Weber, dass es im Journalismus keine Werturteilsfreiheit geben kann. Gleichwohl muss ich als Journalist fähig sein, meinen eigenen Standpunkt, meine eigenen Überzeugungen etwas in den Hintergrund rücken zu lassen. Es geht dabei nicht unbedingt um den Anspruch größtmöglicher Objektivität. Aber es geht darum, meine Leserschaft, deren sozialisationsbedingte Weltbilder hochgradig heterogen sind, eben zu erreichen und sie auch mitzunehmen. Das gilt meines Erachtens auch für moderne Darstellungsformen wie einen Blog.

Ich habe bei der Lektüre ein unbeschreibliches Deja-vu: Zölibat, Frauenpriestertum, Sexualmoral. Alles sind wichtige Themen, über die man reden muss. Das ist unbestritten. Aber wenn Sie in die Gemeinde vor Ort schauen, dann sind es ganz andere Themen, die den Gläubigen “auf den Nägeln” brennen. Für die Kirche sind das ebenso wichtige Fragestellungen, die aber in der öffentlichen Rezeption und damit natürlich auch im öffentlichen Diskurs weniger “reizvoll” sind. Die Reduktion auf den Dreiklang Zölibat, Frauenpristertum, Sexuallehre wird einer angemessenen Kritik der Institution Katholische Kirche bedauerlicherweise nicht gerecht.

Am Thema Sexualität wird dies deutlich: Die insbesondere von der katholischen Kirche vertretene Sexuallehre ist unzweifelhaft nicht zeitgemäß. In einigen Detailfragen vollzieht sich aber seit einiger Zeit ein Paradigmenwechsel, der für die Katholiken und den Klerus revolutionär; für die der Kirche fern stehede Öffentlichkeit aber offensichtlich komplett unbedeutend ist.

Darüber hinaus gibt es aber sehr unterschiedliche Sichtweisen auf Sexualität. Die scheinbar moderne, aber auch sehr hedonistische, die Sie äußern. Und diejenige, die Sie von Franziskus erfahren — und tausende, wenn nicht gar millionenfache Grauschattiereungen dazwischen. Die “Kirche” lediglich auf eine Position zu reduzieren, ist einerseits nicht fair und entspricht andererseits auch nicht der Realität, denn was in Gemeinden, in Familien und von Einzelnen aktiv gelebt wird, unterscheidet sich noch einmal ganz erheblich von dem, was offizielle “Lehrmeinung” ist. Nun könnte man argumentieren, man müsse die “Lehrmeinung” dringend reformieren, damit sie der Realität entspricht. Vielleicht kann man aber auch die eigene Realität an solchen “unumstößlichen” Lehrmeinungen und Philosophien messen … man muss sie dann nich antizipieren, aber versteht vielleicht plötzlich, dass die andere Sichtweise ebenfalls begründbar, lebbar — und ja, auch schön sein kann. Und für einige Menschen ist sie dann auch ein anstrebbares Ideal.

Ihnen und Franziskus wünsche noch viele spannende — und auch kontroverse Gespräche

Herzliche Grüße
Peter Kleinort