Valposchiavo — alles „Bio“ im einst verlorenen Tal

Claudia Lazzarini steht in Le Prese inmitten der Blütenpracht ihres Feldes mit Gold- und Rosenmelisse und beginnt zu schwärmen: Von der Verveine Odorante, einer wunderbar frisch zitronig duftenden Pflanze, die sie hier unweit des Ortes Poschiavo anbaut. Vom fruchtig-blumigen Orangenthymian und der lila blühenden Agastacha Mexicana, die limettig mit einem Hauch von Anis duftet. Von der milden Apfelminze, der Waldmalve, dem Lavendel und all den anderen Blüten und Kräutern, die die grazile Powerfrau hier wachsen und gedeihen lässt, um sie an Ort und Stelle zu trocknen und ihren Tee- und Kräutermischungen beizugeben.

Und sie schwärmt von der grundsätzlichen Idee, im Tal alle Produkte rein biologisch anzubauen. „Cento per cento“ lautet das Motto: 100 Prozent Valposchiavo, das ist das Ziel. Möglichst alle landwirtschaftlichen Produkte der Region sollen „Bio“ sein, und auch vor Ort weiterverarbeitet werden. Das Ziel ist fast erreicht. 90 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen im Valposchiavo werden bereits von Bio-Suisse-zertifizierten Betrieben bebaut. Ein Spitzenwert nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa.

Claudia Lazzarini mit Goldmelisse und Rosenmelisse (im Hintergrund)

Das Valposchiavo ist eines von 150 Tälern in Graubünden und der südöstlichste Zipfel der Schweiz. Es erstreckt sich über 25 Kilometer Luftlinie von den Gletschern des Bernina-Massivs im Norden bis zu den Palmen und Obstgärten an der italienischen Grenze im Süden. Im Westen und Osten wird das Tal von mächtigen Dreitausendern begleitet, darunter der 3900 Meter hohe Piz Palü. Poschiavo ist der Hauptort. Le Prese liegt etwas südlicher am wunderschönen Poschiavo-See.

Es gibt Menschen, die sagen, das Valposchiavo liege am Ende der Welt, so abgelegen ist es vom Rest der Schweiz. Einst gehörte das Tal zum Veltlin (Valtinella). Von 1512 bis 1797 standen Valposchiavo und Valtinella unter Bündner Herrschaft. Dann besetzte Napoleon das Veltlin und schlug es der neu gegründete Cisalpinischen Republik zu, einem Vorläufer des heutigen Italien. Eine Verarmung der Bevölkerung im Valposchiavo war die Folge: Ihre fruchtbaren Veltliner Ländereien waren nicht mehr erreichbar und die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen im Valposchiavo zu klein, um die Bevölkerung zu ernähren. „Das verlorene Tal“ nannte man das Valposchiavo damals. Vom Norden über den mächtige Bernina-Paß schwer erreichbar, im Süden durch die neue Grenze abgeschnitten.

Doch die Puschlaver (die Pus‘ciavini) gaben nicht auf. Viele suchten ihr Glück in der Fremde, wanderten nach Spanien, England und ins russische St. Petersburg aus. Dort fingen sie an, heimische süße Desserts herzustellen, gründeten eigene Confisserien und hatten damit Erfolg. Sie wurden als Zuckerbäcker und Hoteliers in der Fremde reich, investierten Ihren neuen Reichtum aber in der Heimat und kehrten im Alter zurück in ihr geliebtes Valposchiavo. Stattliche Patrizierhäuser und das „Spaniolen-Viertel“ mit seinen Palazzi und Gärten, die dem Borgo von Poschiavo herrschaftlich urbanes Flair verleihen, zeugt noch heute vom Erfolg der reichen „Zuckerbäcker-Pus‘ciavini“.

Heute ist das Tal zwar nicht mehr verloren, aber mancherorts scheint die Zeit stehengeblieben: das liegt nicht nur an der Uhr unterm Hausgiebel gegenüber des historischen Hotels Albrici, die seit Jahren ohne Zeiger über der Piazza von Poschiavo hängt. Wer den Ort besucht, wird schnell merken, daß hier alles etwas langsamer, gemütlicher und entspannter zugeht, als in anderen Orten in der Schweiz.

Im Valposchiavo sagt man „bundi“

Sitzt man abends vor einem der Restaurants an der verkehrsberuhigten Piazza und genießt Puschlaver Pizzoccheri, Capunet oder ein anderes, typisches Poschiavo-Gericht, wähnt man sich eher in einem verschlafenen italienischen Dorf irgendwo in den Bergen, als in der Schweiz: Kinder toben dann über den Platz, Alt und Jung kommen hier zusammen, lachen, tauschen Wichtiges und Unwichtiges aus, genießen bei einem Glas Veltliner Wein die Wärme des ausklingenden Tags. Man spricht den alten Dialekt „Pus’ciavin“ („Puschlav“) oder italienisch, nur selten deutsch, es sei denn im Gespräch mit Touristen. Kinder lernen zuhause erst den alten Dialekt, dann meist italienisch und in der Schule Schriftdeutsch und Schwyzerdütsch. Einheimische sagen zur Begrüssung „bundi“, Italiener, die hier häufig in der Gastronomie arbeiten, grüßen mit „buongiorno“. Ein „Grüezi“ hört man nur selten.

Hier im Tal ist man stolz, ein Pus’ciavini (Puschlaver) zu sein. Man fährt nicht so oft über die Grenze nach Italien, um dort in den Supermärkten einzukaufen, sondern bleibt lieber im Tal, kauft beim Metzger vor Ort oder beim Lebensmittelhändler um die Ecke. Auf 4.500 Valposchiavo-Einwohner kommen eine Pasta-Fabrik, eine Brauerei, eine Käserei, fünf Bäckereien, vier Metzgereien, zwei Kräuterproduzenten und ein paar Geschäfte mit lokalen Spezialitäten. Gut zu essen und zu trinken ist den Menschen hier wichtig, vor allem, wenn die Produkte „von hier sind“.

„Wenn wir nicht hier bei uns vor Ort einkaufen, werden unsere Läden nicht überleben — und dann wird auch das System cento per cento nicht fortbestehen können“, meint Romeo Lardi, der bekannteste und wohl beste Wanderführer im Valposchiavo. Romeo — der ganz in der Nähe von Claudia Lazzarini wohnt und von seinem Haus auf die riesigen bunten Kräuterfelder des zweiten und größten Puschlaver Bio-Produzenten Reto Raselli schaut, führt uns auf eine Wandertour ins Naturschutzgebiet Val da Camp, einem der beliebtesten Wandergebiete im Valposchiavo. Über mehrere Stunden geht es mit Romeo in die Berge hinauf zu den einsam gelegenen Bergseen Lago di Saoseo und Lagh da Val Viola. Es scheint, als sei auch hier die Zeit stehengeblieben. Kaum ein Mensch begegnet uns, nur an den Bergseen treffen wir ein paar Schweizer, die gerne in diese Stille kommen, um hier frische Bergluft zu tanken. Sonst herrscht Stille. Wunderschön!

Mit Romeo Lardi am Lagh da Val Viola (auch er sagt „bundi!“)

Um ins Valposchiavo zu reisen, sollte man den Zug nehmen. Zum einen, weil es wunderschön gemütlich ist, sich mit der berühmten, elektrisch betriebenen und von der UNESCO als „Welterbe“ geadelten Rhätischen Bahn in die Bergwelt rund um das Bernina-Massiv entführen zu lassen. Andererseits, weil man mit dem Auto garnicht überall hinkommt, wo man hinreisen sollte. Zur Alp Grüm zum Beispiel, einer Bahnstation mit Hotel und grandiosem Bergblick in 2.091 Metern Höhe. Der Bernina-Express hält hier und gönnt den Reisenden eine längere Verschnaufpause, auch um vor der Weiterfahrt den Palügletscher zu fotografieren. Spannender wird es, wenn man hier oben in der Einsamkeit, die nicht mit dem Auto zu erreichen ist, übernachtet. Am späten Abend, nach 21 Uhr, wenn der letzte Zug der Rhätischen Bahn die Station passiert hat und bis zum nächsten Morgen um 8 Uhr auf den Gleisen Ruhe herrscht, ist man hier mit sich und der Natur. Wenn es dunkel wird, der Mond sein Licht auf den zum Greifen nahe scheinenden Gletscher wirft, wenn in der Ferne, tief unten im Tal der Poschiavo-See silbrig glänzt und hier oben nur noch das Gurgeln der Gletscherbäche zu hören ist, dann ist es hier am schönsten.

Die letzte Bahn passiert am Abend zur Blauen Stunde Alp Grüm

Bahnstation Alp Grüm und Palügletscher

Eine Station tiefer, auf der Bahnfahrt nach Poschiavo, passiert man ein weiteres Highlight des Tals: Die Gletschermühlen von Cavaglia, „Töpfe der Riesen“ genannt. Und mit etwas Glück trifft man hier auch wieder auf Romeo Lardi, den Wanderführer aus Le Prese, der in seiner zweiten Funktion als Präsident des Vereins des Gletschergartens „Giardino dei ghiacciai di Cavaglia“ vor Ort über die Entstehung dieser Gletschertöpfe berichtet.

Ein Zug der Rhätischen Bahn (unten) schlängelt sich gen Süden nach Cavaglia (in der Mitte der Bahnhof, dahinter liegt im Wald der Gletschergarten). Ganz hinten der Poschiavo-See

Einst rutschte der Palügletscher über einen steilen Hang Richtung Tal und bildete dort, wo er abgebremst wurde im heutigen Cavaglia zunächst eine Mulde und dann einen Hügel („Gletscherschwelle“). Nach Überwindung dieses Hügels nahm der Gletscher wieder Fahrt auf. Unter dem Druck des Gletscherstroms bildeten sich Querspalten, in die das an der Gletscheroberfläche fließende Wasser mit hohem Tempo und viel Druck samt Steinen und Geröll bis auf den felsigen Untergrund hinabstützte. Hartes Gestein vom Piz Palü bohrte sich in den weicheren Fels von Cavaglia und mächtige Strudel entstanden — ganz so, als hätte jemand den Stöpsel aus einer gigantischen Badewanne gezogen. Große Steine wirbelten in den Strudeln und ließen im Laufe der Jahrtausende die kreisrunden Löcher entstehen. 21 dieser Gletschermühlen wurden inzwischen freigelegt und in vielen liegt noch heute der Stein, der sie einst geformt hat. Muß man unbedingt gesehen haben.

Romeo Lardi in einer Gletschermühle. Unten der Stein, der dem Topf die Form gegeben hat

Naturspektakel, Einsamkeit, Berge, lokale Bio-Produkte und Menschen wie Romeo Lardi und Claudia Lazarrini, die Traditionen bewahren und das einst verlorene Tal in eine ökologisch gesunde und erfolgreiche Zukunft führen wollen: Das macht das Valposchiavo aus. Viele Touristen fahren mit dem Auto oder dem Bernina-Express auf ihrem Weg ins italienische Tirano durch das Tal, ohne längeren Halt zu machen. Und verpassen dabei das Schönste: Die Abende auf der Piazza von Poschiavo oder die Nacht auf Alp Grüm. Das Naturschutzgebiet Val Camp oder die Gletschertöpfe von Cavaglia. Die Gespräche mit Claudia Lazarrini, die nicht nur Kräuter anbaut, sondern auch Berber-Pferde züchtet und seit kurzem die alte Weberei von Poschiavo managt, in der eine der zwei letzten Auszubildenden der gesamten Schweiz diesen aussterbenden Beruf erlernt. Auch hier heißt es, Traditionen zu bewahren. Bewundernswert. Anhalten lohnt sich. Ein paar Tage bleiben lohnt sich noch mehr!

In der Weberei von Poschiavo

Text und Fotos sind urheberrechtlich geschützt: © Peter von Stamm

Und was isst man so im Valposchiavo? Dies ist das wohl typischste Gericht:

Pizzöcar ala pusc’ciavina (Puschlaver Pizzoccheri)
Pizzoccheri scheinen für die Pus‘ciavini (Puschlaver) ein Lebenselixier zu sein: Mindestens einmal pro Woche müssen sie Pizzoccheri essen, sonst fühlen sie sich nicht wohl… Pizzoccheri sind Buchweizennudeln, die von Hand vorbereitet, mit Kartoffeln und Gemüse gekocht und mit Käse, Knoblauch, etwas Butter sowie Salbei angerichtet werden. Unbedingt vor Ort probieren. Köstlich, wenn auch für Ungeübte etwas schwer (hier sagt man „nahrhaft“).

Weitere Infos:

Ente Turistico Valposchiavo (Touristik-Information, sehr gute Website!)
 Stazione
 CH-7742 Poschiavo
 Tel +41 81 844 05 71
 info@valposchiavo.ch
 www.valposchiavo.ch

Claudia Lazzarini — Azienda Agricola Biologica Al Canton
 Famiglia Zanetti-Lazzarini
 CH — 7746 Le Prese
 Tel: +41 081 834 63 12
 info@al-canton.ch
 www.ai-canton.ch

Infos zur Weberei:
 Tessitura di Valposchiavo
 Palazzo de Bassus-Mengotti
 Via da Spultri
 CH-7742 Poschiavo
 T +41 81 844 05 03
 info@tessitura.ch
 www.tessitura.ch

Infos zum Bio-Kräuter-Produzenten Raselli:
 RASELLI Erboristeria Biologica
 CH — 7746 Le Prese
 Telefon +41 81 844 08 14
 info@bioraselli.ch
 www.bioraselli.ch

Konatkt zu Wanderführer Romeo Lardi
 Cavresc 756
 CH — 7746 Le Prese
 Tel: +41 79 333 26 48
 lardi.consulting@bluewin.ch

Infos zu den Gletschermühlen von Cavaglia:
 www.ghiacciai.info

Infos zur Rhätischen Bahn (UNESCO Welterbe):
 www.rhb.ch/de/unesco-welterbe-rhb

Tags: Allgemein, Schweiz, Travel Blog

Ähnliche Beiträge


Originally published at petervonstamm-travelblog.com on August 21, 2016.

Show your support

Clapping shows how much you appreciated Peter von Stamm’s story.