Effata. Ein Aufruf.
Mehrmals im Jahr habe ich wunderbare Anlässe: die Taufe von Kindern. Immer wieder großartig.
Fast am Ende dieser Taufgottesdienste höre und spreche ich dabei fast folgende Worte: „Der Herr lasse dich heranwachsen, und wie er mit dem Ruf „Effata” dem Taubstummen Ohren und Mund geöffnet hat, öffne er auch dir Ohren und Mund, dass du sein Wort vernimmst und den Glauben bekennst zum Heil der Menschen und zum Lobe Gottes.”
Effata — öffne dich!
Diese Worte sind Ausdruck der Taufe und ein Fundament unseres Christseins: Offensein für Gott. Meine Sinne und mein Herz für ihn, Gott, zu öffnen. Und seine Liebe weiterzusagen, diese Liebe mit eigenen Worten auszudrücken. Dass diese Worte im Taufgottesdienst gesprochen werden macht mit immer wieder deutlich:
Das ist grundgelegt im christlichen Glauben, und ganz egal welcher Konfession.
Die Geschichte zum „Effata“ (in Mk 7) kommt so einfach wie existentiell daher: Jesus berührt einen Taubstummen an Ohren und Mund und sagt nur dieses eine Wort. Effata. Öffne dich.
Was für den Taubstummen ganz konkret eine wunderbare Heilung und ein hoffentlich erfülltes Leben bedeutet, wird für mich zur großen Frage. Ist es so einfach?
Die Frage stelle ich mir, wenn ich auf meine Kirche schaue, in all dem, was sie beschäftigt.
Und ich stelle mir diese Frage, wenn ich auf die Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklung schaue, ob Chemnitz oder Europa oder wo auch immer.
Nein, so einfach ist es nicht — aber genauso existentiell. Es geht um das Leben.
Wie sehr würde ich mir wünschen, dass es so einfach ist: Öffne dich. Höre Worte des Lebens und des Miteinanders! Sprich Worte der Solidarität. Des Trostes. Des Willkommens.
Stattdessen höre ich Worte des Hasses. Worte der Ausgrenzung. Des „Geh weg!“ „Raus!“ „Stirb!“ — und den Worten folgen Taten. Des Gegeneinander. Der Gewalt. Eines vermeintlichen Machtanspruchs. Selbstbezogen. Egoistisch. Beleidigend. Verletzend.
Und ich höre Worte der Verneinung und Schuldabwehr: Wir sind nicht so! Andere sind schlimmer. Oder Worte der Verharmlosung: Es ist ja nicht so schlimm. Worte der Rechtfertigung: Wir müssen uns als Volk und Kirche sauber halten — und die Lehre rein. Ich höre Worte zum Schutz der Täter — und nicht zum Schutz der Opfer. Das höre ich aus und über die Ereignisse in Chemnitz — und das höre ich in meiner Kirche. Zu den grauenvollen Missbrauchen an Kindern und Schutzbefohlenen.
Wie sehr wünsche ich mir ein Effata! Öffne dich. Öffne dich, Mensch. Öffne dich, verdammt nochmal, auch Du, Kirche. Nimm wahr, was passiert. Nimm an und nimm ernst, wie die Wirklichkeit ist. Dass Menschen systematisch und organisiert andere ausgrenzen, dass sie ihnen das Leben schwer und zur Hölle machen und dass sie es ihnen nehmen, seelisch und körperlich. Genau das Leben, dass Gott ihnen allen gegeben hat, das heilig ist — und uns allen anvertraut. Verschließ nicht deine Augen und Ohren, mach sie auf! Möchte ich rufen. Und mach deinen Mund auf. Sprich dagegen — und tu was!
Was ich erlebe, macht mir Angst.
Ich höre daher etwas ungläubig und fast widerwillig-erstaunt „Habt Mut, fürchtet euch nicht!“ aus der Lesung (Jes 35). „Fürchte dich nicht! gesprochen zu Verzagten — und daher auch irgendwie zu mir. Und ja, ich erinnere mich: Wir sind eine solche Religion. Wir sind die Kirche dieses Gottes, das Volk des „Fürchte dich nicht!“. Gesprochen zu immer wieder Verzagten. Zu Besorgten. Damit sie, damit wir Leben entdecken, es angehen und meistern.
Gesprochen — aber auch gehört? So richtig gehört, dass es mich erreicht?
Das „Fürchte dich nicht!“ funktioniert in der Bibel, weil es bewiesen ist. Weil Gott den Beweis immer wieder angetreten hat. Er sich gezeigt hat als solidarisch, an der Seite der Armen und Bedrängten, der Besorgten und der Verzagten — bis hin als der Machtlose und Ausgelieferte. Er hat den Beweis angetreten, was er meint — und dass er es ernst meint.
„Fürchte dich nicht!“ — das funktioniert, wenn es auch Taten dazu gibt.
Ich höre Worte: Uns hört ja keiner zu, uns nimmt keiner ernst.
Das ist schlimm. Und ich höre die Antworten darauf: Ein lautes Schweigen der Bequemlichkeit, das sich distanziert. Oder auch sehr perfide Worte, die sie gegeneinander ausspielen: die Bedrohten und Besorgten, die vom Leben Enttäuschten und zurecht auf Solidarität hoffend. Ich weiß nicht, was schlimmer ist — beide schlagen sie ihren persönlichen Profit.
Das ist daher auch Seine Stimme, die ich zu hören habe, die wir zu hören haben, vor allem als seine Kirche:
Der schmerzvolle Ruf des Verletzten. Das entkräftete Wimmern des Verhungernden. Der enttäuschte Aufschrei der vom Leben Ausgeschlossenen. Der noch hoffnungsvolle Hilfeschrei des Ertrinkenden. Der panische Angstschrei der Verfolgten.
Das ist Gottes Stimme — eine die uns herausfordert.
Herausfordert zu Solidarität. Zum Miteinander.
Mich. Jede und Jeden. Uns als seine Kirche.
Alles andere, alles Gegenteilige, was es zu hören gibt, alles Verharmlosende und Abgrenzende, alles Vernebelnde und auch alles Gewaltvolle und gegeneinander Ausspielende — das ist nicht Gott.
Gott ist der solidarische. Der einen Plan für diese Welt hat, wie es allen gut geht — und nicht nur wenigen. Auch nicht nur den Weißen oder Farbigen, den Jungen oder den Alten, nicht nur den Frauen oder den Männern oder den mit anderem Geschlecht. Auch nicht nur den Inländischen oder den Ausländischen — nein, allen!
Hörst Du das, Mensch? Hörst Du diese Stimme?
Wenn nicht: öffne Dich! Sei nicht länger taub. Verschließ dich nicht länger dieser Wahrheit.
Suche Gott. Suche den Geist der Solidarität.
Und öffne deinen Mund, erheb’ deine Stimme, Volk Gottes!
Sei nicht länger stumm.
Sprich es selbst aus zu den Verzagten, so wie er es Dir sagt: Hab Mut, fürchte dich nicht!
Und lasse den Worten Taten folgen, so wie immer hat Taten folgen lassen.
Folge seinem Geist des Miteiander, dem Geist des Lebens.
Fürchte dich nicht!
„… und wie er mit dem Ruf „Effata” dem Taubstummen Ohren und Mund geöffnet hat, öffne er auch dir Ohren und Mund, dass du sein Wort vernimmst und den Glauben bekennst zum Heil der Menschen und zum Lobe Gottes.”
Effata!
Predigtext zu den biblischen Texten der katholischen Liturgie am 9.9.2018:
Die Texte finden sich beispielsweise hier: https://www.erzabtei-beuron.de/schott/register/jahreskreis/schott_anz/index.html?file=jk23%2FSonntagB.htm
