Facebook Coin: Eine Kryptowährung für Hunderte Millionen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern

Philipp Sandner
Jun 20 · 12 min read

Autoren: Philipp Sandner, Jonas Gross, Felix Bekemeier. See English version here.

Am 18. Juni 2019 wurde das Whitepaper zu Facebooks Projekt “Libra” veröffentlicht, einer neuartigen Kryptowährung. Erste Informationen über die Vision, das Ziel und die Umsetzung des Projekts wurden hierin erläutert und werden in diesem Artikel ausführlich dargestellt.

Auf einen Blick

  • Ziel des Projekts ist es, einen so genannten “Stable Coin” auf Basis eines dezentralen Systems bereitzustellen, der durch Bankeinlagen und Staatsanleihen besichert ist (siehe Details unten).
  • Libra wird daher nicht an den USD oder eine andere traditionelle Währung gekoppelt sein, sondern an einen Korb aus stabilen finanziellen Vermögensgegenständen (z.B. Staatsanleihen).
  • Libra wird also “Geld” sein, aber keine “Währung” im staatsrechtlichen Sinne.
  • Libra wird sich nicht auf den Bereich der Zahlungen im Unternehmensumfeld konzentrieren. Dies würde für Libra den Status einer Währung erfordern, denn Unternehmen sind verpflichtet, ihre Buchhaltung in EUR, USD usw. zu führen; Unternehmen werden ihre Buchhaltungssysteme nicht ohne großartigen Mehraufwand auf Libra umstellen.
  • Facebook richtet sich mit Libra vor allem an Hunderte von Millionen Nutzern in Entwicklungs- und Schwellenländern.
  • Die derzeit ca. 30 Libra-Partner haben insgesamt potenziell Zugang zu mehr als einer Milliarde Nutzern, die die zur Nutzung von Libra notwendigen Anwendungen bereits auf dem Smartphone installiert haben. Libra hat damit auch Zugriffs auf die “last mile”, also die Smartphone-Apps, mit denen die Nutzer direkt interagieren.
  • Die Einführung kann sehr schnell erfolgen, schätzungsweise innerhalb weniger Monate nach Beginn des ersten Quartals 2020.
  • Libra wird daher den Bereich der grenzüberschreitenden Zahlungen revolutionieren, der bis heute durch zahlreiche Ineffizienzen geprägt ist.
  • Es wird zwei Token geben: einen Payment Token (für die Zahlung) und einen Investment/Utility Token (für Rabatte und Schaffung von Anreizen).
  • Die Steuerung der Libra Association wird nicht allein durch Facebook wahrgenommen, sondern durch ein Konsortium bestehend aus großen Unternehmen sowie weiteren Partnern aus der Wirtschaft und dem akademischen Umfeld, zumeist mit Sitz in den USA.
  • Kurzfristig sind kaum Auswirkungen auf europäische Banken und andere Finanzorganisationen zu erwarten, da sich Libra zunächst auf Individuen in Entwicklungs- und Schwellenländern fokussieren wird.
  • Mittelfristig werden hunderte Millionen Nutzer Libra-Token besitzen und können diese möglicherweise an Krypto-Börsen austauschen. Dies könnte gleichzeitig Synergien zum bereits bestehenden Krypto-Ökosystem schaffen und die Akzeptanz von Kryptowährungen wie Bitcoin fördern.

Ziel des Projekts Libra

Das Hauptziel von Libra/Calibra ist es, eine Infrastruktur bereitzustellen, die es ermöglicht, weltweit Zahlungen schnell, einfach und kostengünstig abzuwickeln. Im Kern des Projektes geht es um eine eigene Kryptowährung namens “Libra”, die auf einer Distributed-Ledger-Technologie (DLT), der “Libra Blockchain”, basiert und hauptsächlich über Mobiltelefone zugänglich gemacht werden soll. “Calibra” ist ein Dienstleister, der sich mit der IT-Entwicklung von verschiedenen Komponenten des Netzwerkes beschäftigt, z.B. der Entwicklung von Wallets, die in den Apps von Facebook verwendet werden (z.B. in Whatsapp, Facebook Messenger, Instagram). Auf diesen verschiedenen Plattformen können dann auch weitere Finanzdienstleistungen wie z.B. Kredite neben reinen Zahlungen angeboten werden. Das Projekt hat das Potenzial, Transaktionskosten deutlich zu senken und hunderten Millionen Menschen weltweit die Teilnahme am allgemeinen Zahlungsverkehr zu ermöglichen (“financial inclusion”). Bis heute sind zwei bis drei Milliarden Menschen — vor allem in Entwicklungsländern — von der Finanzmarktinfrastruktur ausgeschlossen.

Libra wirft allerdings auch Fragen in Bezug auf Zentralisierung, Datensicherheit und Regulierung auf. In welchem Bereich und in welchem Ausmaß dementsprechende Probleme auftreten können, hängt hauptsächlich von der tatsächlichen Umsetzung von Calibra ab und kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht eingehend analysiert werden.

Hauptvorteile von Libra

Für den Fall, dass der Libra Token bei Whatsapp und Instagram — mit ihren Hunderten von Millionen Nutzern — eingesetzt wird, wäre die Akzeptanz in Kurzer Zeit ermöglicht. Primär sollen Nutzer in Entwicklungs- oder Schwellenländern erreicht werden. Mit relativ geringem Aufwand würde ein neues Zahlungsmittel geschaffen werden. Hunderte von Millionen Nutzern könnten durch bereits bestehende und etablierte Formen der digitalen sozialen Interaktion erreicht werden. Der größte Vorteil dieser Art der Implementierung ist, dass Libra in bereits etablierte Netzwerke (z.B. den Facebook Messenger) integriert werden kann. Dies ermöglicht eine sehr hohe Implementationsgeschwindigkeit. Die Integration des Token ist so gestaltet, dass sich der Anwender weder um komplexe Zusammenhänge und viel Software-Code kümmern muss, noch ein großes Maß an zusätzlichem Aufwand für den Einsatz von Libra betreiben muss. Der Kernpunkt dabei ist, dass die im Libra-Konsortium zusammengeschlossenen Unternehmen bereits Zugang zur “letzten Meile” haben, d.h. zu einer sehr großen Nutzerschaft von bereits durch Endnutzer genutzten Anwendungen. Hier könnten Updates diese neue Funktionalität bereitstellen.

Libra hat das Potenzial, die Transaktionsgebühren erheblich zu senken. Dies wird als eines der Hauptziele des Projekts genannt. Gebühren können vor allem bei grenzüberschreitenden Transaktionen eingespart werden. Man stelle sich einen ausländischen Arbeitnehmer vor, der in einem anderen Land beschäftigt ist und jeden Monat Geld an seine Familie nach Hause in sein Herkunftsland überweist, typischerweise in einer anderen Währung. Heute verlangen Intermediäre häufig etwa 10% des Transaktionsvolumens als Gebühren. Das bedeutet, dass von einer Überweisung in Höhe von EUR 500 nur EUR 450 die Familie des Arbeiters erreichen können.

Facebook kann durch sein Projekt einen außerordentlichen Nutzen stiften, indem grenzüberschreitende Transaktionsgebühren für Hunderte von Millionen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern gesenkt werden. Dies würde die finanzielle Inklusion in den jeweiligen Ländern erheblich verbessern. Dem Whitepaper zufolge sind derzeit 1,7 Milliarden Erwachsene weltweit vom Finanzsystem ausgeschlossen (31% der Weltbevölkerung) und haben keinen Zugriff auf ein Bankkonto. Zwei Drittel davon besitzen jedoch Mobiltelefone mit Internetzugang. Somit könnte der Libra Token eine Infrastruktur schaffen, um Zahlungen per Smartphone durchzuführen. Dafür ist kein Zugang zu herkömmlichen Bankdienstleistungen notwendig. Alles in allem hat Libra das Potenzial, die finanzielle Inklusion von einer Milliarde Menschen auf der ganzen Welt zu fördern.

Libra wird nicht nur ein Netzwerk für Zahlungen sein. Es wird auch die Programmierung einfacher Smart Contracts ermöglichen. Auf diese Weise könnten Kredite oder andere Finanzdienstleistungen mit Libra leicht entwickelt und den Nutzern zugänglich gemacht werden.

Governance und Zentralisierung: Ein zentrales Problem des Projekts?

Dem Whitepaper zufolge ist Dezentralisierung eines der wichtigsten Merkmale des Projekts. Deshalb beschloss Facebook, Macht aufzugeben, um mit allen anderen Partnern im gesamten Libra-Konsortium auf Augenhöhe zu agieren. Facebook hat das Tochterunternehmen “Calibra”, den Initiator des Projekts, gegründet und bisher zahlreiche Partner gewinnen können. Es liest sich wie das “Who-is-Who” der Zahlungs- und Technologiewelt, z.B. Visa, Mastercard, Paypal, Uber, Spotify und darüber hinaus andere bekannte Blockchain- und Venture-Capital-Unternehmen. Calibra beabsichtigt, ein Konsortium mit verschiedenen Partnern — auch aus verschiedenen Geschäftsfeldern — aufzubauen. Facebook ist jedoch bisher der einzige Big Player der GAFA-Unternehmen (d.h. Google, Apple, Facebook und Amazon). Die meisten Partnerunternehmen haben ihren Sitz in den USA — kaum europäische oder asiatische Unternehmen sind derzeit als Partner vertreten. Dies kann sich jedoch bis zum Projektstart noch ändern, da die Libra Association aktuell noch nach weiteren Projektpartnern sucht. Zum Start des Netzwerks im ersten Halbjahr 2020 sollen rund 100 Partnerunternehmen dem Konsortium angehören.

Calibra und die anderen Partnerunternehmen bilden die Libra Association mit Sitz in Genf (Schweiz). Es wurde ein Schweizer Standort gewählt, da die Schweiz traditionell ein neutrales Land ist und sich in Bezug auf die Blockchain-Technologie als sehr aufgeschlossen erwiesen hat. Die Libra Association wird als unabhängige gemeinnützige Organisation tätig sein und ist für die Entwicklung des Ökosystems verantwortlich. Die Aufgaben der Association sind u.a. die Unterstützung der Entwicklungen der Libra Blockchain, die Koordination des Konsenses zwischen den Beteiligten, die Förderung, Entwicklung und Erweiterung des Netzwerks sowie die Verwaltung der Libra-Reserven. Die Association wird von einem Rat geleitet, in dem jedes Mitglied mit einem Stimmrecht ausgestattet sein soll.

Laut einer mit der Situation vertrauten Person verlangt Facebook von jedem Partner 10 Millionen Dollar, um seinen eigenen Knoten (Node) im Netzwerk zu verwalten. Dies ermöglicht allen Mitgliedern den Zugriff auf und die Ansicht des Netzwerks. Facebook könnte von den geplanten 100 Projektpartnern insgesamt 1 Milliarde US-Dollar einnehmen. Die Beiträge der Konsortialmitglieder werden zur Hinterlegung des Coins mit realen Vermögensgegenständen verwendet.

Im Jahr 2019 wird Facebook durch Calibra die führende Position des Konsortiums in operativer Hinsicht beibehalten. Facebook/Calibra wird jedoch die gleichen Rechte, Privilegien und finanziellen Verpflichtungen wie die anderen Partner der Association haben, sobald das Libra Netzwerk für die breite Öffentlichkeit gestartet ist. Dadurch werden Probleme im Hinblick auf den Einfluss von Facebook vermieden und eine ausgewogene Stakeholder-Power in der kritischen ersten Phase gewährleistet.

Der genaue Dezentralisierungsgrad kann anhand des Whitepapers und der aktuellen Informationen jedoch noch nicht vollständig ermittelt werden. Auch wenn Facebook/Calibra nur ein Mitglied des Konsortiums ist, sind die meisten anderen Partner-Unternehmen mit einer erheblichen Marktmacht ausgestattet. Ein zentralisierter Rahmen würde das Risiko mit sich bringen, dass das gesamte System von einigen wenigen zentralisierten Parteien kontrolliert werden würde. Die Parteien könnten dann ihre Positionen missbrauchen. Daher müssen der Start des Netzwerks und die ersten Wochen des Systembetriebs abgewartet und analysiert werden, um weitere Aussagen und Prognosen über den Grad der Zentralisierung treffen zu können.

Zu Beginn wird die Libra Blockchain als zulassungsbeschränkte (permissioned) Blockchain betrieben. Es ist jedoch geplant, die Blockchain in Zukunft auf ein zulassungsfreies Netzwerk umzustellen (public Blockchain). Im Whitepaper wird außerdem argumentiert, dass derzeit keine getestete Lösung für ein zulassungsfreies System existiert, welche ein ausreichendes Maß an Stabilität und Sicherheit gewährleistet. Es wird eine Aufgabe der Libra Association sein, die Auswirkungen eines Wechsels von einem zulassungsbeschränkten auf ein zulassungsfreies System zu analysieren und den Grad der Dezentralisierung im Laufe der Zeit zu erhöhen. Der Wechsel wird innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Einführung der Libra Blockchain von Statten gehen. Dieser Schritt ist unerlässlich, um den Grad der Dezentralisierung innerhalb des Projekts zu erhöhen.

Weitere wichtige Aspekte

Unzureichende Datensicherheit ist ein weiteres Problem, dass den Erfolg des Projekts gefährden könnte. Innerhalb des Konsortiums erhalten die Partner das Recht auf Zugang und Einsicht in das Netzwerk. Somit könnte das System so konzipiert werden, dass die individuellen Transaktionsdaten für Partnerunternehmen zugänglich werden.

Die Verbreitung des Token über Dritte wirft regulatorische Fragen auf. Wird es im Libra-System möglich sein, Libra Token über Dritte zu kaufen, auch ohne Know-Your-Customer (KYC)-Verfahren durchlaufen zu haben? In dieser Hinsicht treten Spannungsfelder in Bezug auf Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung auf, die sich nicht wesentlich von denen klassischer Kryptowährungen wie Bitcoin unterscheiden. Libra bietet jedoch die Möglichkeit, das finanzielle Verhalten der Nutzer besser zu verstehen und verdächtige finanzielle Aktivitäten zurückzuverfolgen.

Auswirkungen auf bestehende Unternehmen

Die Auswirkungen des Projekts auf bestehende Unternehmen sind voraussichtlich eher gering. Obwohl Libra mit realen Vermögensgegenständen besichert ist, klassifiziert sich der Token dennoch als Kryptowährung, genauer gesagt als “Payment Token”. Unternehmen müssen gemäß regulatorischer Rahmenbedingungen ihre Buchhaltung allerdings in Fiat-Währungen wie Euro oder US-Dollar führen. Libra kann dementsprechend als Geld klassifiziert werden, da es die drei gängigen Funktionen des Geldes — nämlich Zahlungsmittel, Tauschmittel und Wertaufbewahrungsmittel — erfüllen dürfte, aber keine Währung. Daher sollten die Auswirkungen auf Unternehmen eher begrenzt sein — insbesondere kurzfristig. Es ist zu beachten, dass sich Libra vor allem auf den Markt für Überweisungen fokussiert. Dieser umfasst vor allem das Privatkundengeschäft in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Das Libra-Projekt ist zu einem gut gewählten Zeitpunkt öffentlich geworden. Aktuell werden in Europa neue Regeln zur Bekämpfung von Geldwäsche (Anti Money Laundering, AML) diskutiert. Insbesondere das Bundesfinanzministerium in Deutschland beabsichtigt, neue AML-Regeln durchzusetzen. Diese Regeln sind so konzipiert, dass auch Kryptowährungen im Geltungsbereich erfasst werden. Somit erfordert auch die Verwahrung und der Handel mit Libra Token die Einhaltung dieser regulatorischen Vorgaben. Also müsste ein Unternehmen, das Libra Token hält oder mit ihnen handelt — in Deutschland ab dem 1. Januar 2020 — eine Lizenz der BaFin besitzen. Derzeit gibt es in Deutschland kaum ein Unternehmen, das sowohl über die technologische Expertise verfügt, um mit Libra Token zu experimentieren, als auch eine solche Lizenz dazu nutzt. Natürlich gibt es Unternehmen mit dem technologischen Wissen und andere Finanzinstitute mit den entsprechenden Lizenzen, jedoch schließen sich die beiden Aspekte aktuell noch aus: Technologie und Lizenz. Es bleibt abzuwarten, ob es sich um eine Chance oder ein Risiko handelt, dass derzeit kein Unternehmen sowohl Technologie als auch Lizenz kombiniert und es somit Stand heute in Deutschland kaum ein Unternehmen gibt, das ab dem 1. Januar 2020 mit Libra Token agieren dürfte.

Architektur von Libra

Libra ist als Stable Coin konzipiert und wird durch Sachwerte, den sog. Libra-Reserven, gestützt. Dies ist ein Unterschied zu den meisten klassischen Kryptowährungen wie Bitcoin, die nicht durch Sachwerte besichert sind. Die hohe Volatilität und die unzureichende Skalierbarkeit sind Gründe dafür, dass Kryptowährungen heute noch nicht so häufig eingesetzt werden. Das Hauptziel des Designs als Stable Coin ist es, die Volatilität zu verringern. Dies kann das Vertrauen und die Akzeptanz in großem Umfang fördern.

Die Libra-Reserven werden an Börsen zum Handel angeboten werden. Somit können sie gemäß eines flexiblen Wechselkurses in Fiat-Währungen umgetauscht werden. Daher dürfte der Wert der Token mehr oder weniger stabil bleiben. Außerdem werden die Libra-Reserven durch eine Sammlung von Vermögenswerten mit geringer Volatilität gestützt, nämlich Bankeinlagen und kurzfristige Staatsanleihen, die von stabilen Volkswirtschaften ausgegeben werden. Allerdings ist der Wechselkurs nicht perfekt fixiert und kleinere Schwankungen sind zu erwarten, denn der Wert der Libra-Reserven ändert sich mit dem Wert der zugrunde liegenden Vermögenswerte. Die Vermögenswerte werden an geographisch getrennten Standorten gelagert. Weiterhin werden die Erträge aus der Verwaltung der zugrunde liegenden Vermögenswerte (d.h. der Zinssatz) zur Deckung der Betriebskosten, zur Senkung der Transaktionsgebühren und zur Ausschüttung von Dividenden an Frühinvestoren verwendet. Der letztgenannte Punkt ist legitim, da die Unternehmen, die bereits dem Konsortium beigetreten sind, frühzeitig 10 Millionen US-Dollar investiert haben.

Der Libra-Token basiert auf der Libra Blockchain, die entwickelt wurde, um eine hohe Skalierbarkeit, Sicherheit und Flexibilität bei einer bemerkenswerten Transaktionsgeschwindigkeit von bis zu 1.000 Transaktionen pro Sekunde zu ermöglichen. Für die Implementierung der individuellen Transaktionslogik und der entsprechenden Smart Contracts wurde eine neue Programmiersprache namens “Move” entwickelt. Dem Whitepaper zufolge haben Sicherheitsaspekte höchste Priorität. In Zukunft soll Entwicklern der Zugang zur Blockchain ermöglicht werden, um selbst Smart Contracts zu erstellen und die Weiterentwicklung von Move zu unterstützen.

Ein weiterer interessanter Punkt ist der Prozess der Konsensfindung im Libra DLT-Ökosystem. Der Konsens wird in Form eines Byzantine-Fault-Tolerant (BFT)-Mechanismus mit dem Konsensusprotokoll LibraBFT erfolgen. Im Whitepaper wird diese Entscheidung durch die hohe operationelle Sicherheit des Systems begründet. Es wird erwartet, dass die Konsensfindung auch dann gewährleistet sein wird, wenn einige Knoten nicht richtig funktionieren — nur ⅔ der Knoten sind für die Bestätigung der Transaktionen notwendig. Außerdem soll der Konsensmechanismus eine geringe Latenzzeit bieten und ist im Vergleich zum Proof-of-Work deutlich energieeffizienter. Wie bei DLT-Systemen üblich werden in der Libra Blockchain die Daten durch Hashes gesichert, sodass Änderungen innerhalb der vorhandenen Daten erkannt werden können. Das Verwenden von Pseudonymen ist möglich. Sie erleichtern es den Kunden, eine oder mehrere Adressen zu verwenden, die nicht mit ihrer Offline-Identität verbunden sind. Aktuell existiert bereits ein Libra-Testnetz auf Open-Source Basis und ist somit frei zugänglich. Künftig kann jeder Kunde, Entwickler und jedes Unternehmen das Open-Source Libra-Netzwerk nutzen, um Produkte auf Basis der Libra Blockchain zu entwickeln, um sie z.B. in den täglichen Zahlungsverkehr zu integrieren.

Fazit

Libra hat das Potenzial, im Rahmen eines weltweiten, dezentralen Finanzökosystems beeindruckende Vorteile zu erzielen, wie z.B. die Senkung der Kosten von Finanztransaktionen (z.B. im Hinblick auf Überweisungen) und die Förderung der finanziellen Inklusion in Entwicklungs- und Schwellenländern. Gemäß des veröffentlichten Whitepapers, sind Dezentralisierung und Datensicherheit Schwerpunkte des Projekts. Facebook verspricht, keine Daten aus Libra-Transaktionen zu sammeln, um Werbeanzeigen auf Verbraucher zu richten und sich nicht in den Vordergrund des Projekts zu stellen. Dies betrifft vor allem Stimm- und Entscheidungsrechte im Entwicklungs- und Betriebsprozess durch die Abspaltung in Calibra in Verbindung mit der Libra Association. Allerdings müssen weitere Entwicklungen in Bezug auf die technische Architektur und den Umgang mit dem Thema “Datenschutz” genau beobachtet werden, um zu bewerten, ob Dezentralisierung und Datensicherheit tatsächlich gewährleistet sein werden. Diese Faktoren werden den Erfolg des Projekts maßgeblich beeinflussen.

Wichtig ist an dieser Stelle, dass Libra entsprechende Stable Coins, die mit Fiat-Währungen besichert sind, nicht überflüssig macht. Das Projekt zielt vor allem darauf ab, die Transaktionskosten zu senken und die finanzielle Inklusion von Einzelpersonen zu erhöhen. Hier liegt der Schwerpunkt auf dem Geschäft von Nichtbanken in Entwicklungsländern. Im Gegensatz dazu, können Fiat-Währungen, wie Euro oder US-Dollar, auf der Blockchain (“Cash on Ledger”) ihr volles Potenzial in fortgeschrittenen Volkswirtschaften und Unternehmen ausschöpfen. Insgesamt gibt es also zwei verschiedene Geschäftsmodelle, die den jeweiligen Token zugrunde liegen, und sich aus diesem Grund nicht gegenseitig rivalisieren.

Bemerkungen

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Prof. Dr. Philipp Sandner ist Leiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) an der Frankfurt School of Finance & Management. Im Jahr 2018 wurde er von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), einer der größten Zeitung in Deutschland, als einer der “Top 30” Ökonomen ausgezeichnet. Darüber hinaus gehört er zu den “Top 40 unter 40” — einem Ranking des deutschen Wirtschaftsmagazins Capital. Die Expertise von Prof. Sandner umfasst insbesondere Blockchain-Technologie, Krypto-Assets, Distributed Ledger-Technologie (DLT), Euro-on-Ledger, Initial Coin Offerings (ICOs), Security Token (STOs), Digital Transformation und Entrepreneurship. Du kannst ihn per Mail (email@philipp-sandner.de), via LinkedIn (https://www.linkedin.com/in/philippsandner/) oder auf Twitter (@philippsandner) kontaktieren.

Jonas Groß ist Project Manager und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Seine Interessengebiete sind vor allem Kryptowährungen. Außerdem analysiert er im Rahmen seiner Doktorarbeit die Auswirkungen der Blockchain-Technologie auf die Geldpolitik der weltweiten Zentralbanken. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Innovationen wie Central Bank Digital Currencies (CBDC) und Central Bank Crypto Currencies (CBCC). Du kannst ihn per Mail (jonas.gross@fs-blockchain.de), LinkedIn (https://www.linkedin.com/in/jonasgross94/) und via Xing (https://www.xing.com/profile/Jonas_Gross4) kontaktieren.

Felix Bekemeier ist Project Manager und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Frankfurt School Blockchain Center (FSBC). Zu seinen Interessen gehören die mikroökonomische Analyse des Agentenverhalten in DLT-Netzwerken sowie die Identifizierung von Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain Technologie. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit Geldtheorie und -politik sowie finanzmarktbezogenen Regulierungsstrategien der Zukunft. Du kannst ihn per Mail (felix.bekemeier@fs-blockchain.de) oder über LinkedIn (https://www.linkedin.com/in/felix-bekemeier kontaktieren.

    Philipp Sandner

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