Prioritäten für Europa und Deutschland: Der Euro muss auf die Blockchain — Identitäten ebenfalls

Philipp Sandner
Sep 8 · 11 min read

Asien und die USA: Währungen kommen auf die Blockchain

In der Blockchain-Welt geht es derzeit heiß her. Der aktuelle Fokus: Libra, China und Binance. Vor kurzem wurde das Projekt Libra angekündigt, eine Kryptowährung von einem internationalen Konsortium, dass zukünftig aus 100 Organisationen bestehen soll. Zum Einsatz kommt hier zwar nicht die Blockchain-Technologie, wie sie ursprünglich bei Bitcoin umgesetzt wurde, aber sehr wohl eine Weiterentwicklung dieser Technologie. Der Fakt, dass Facebook mit seiner Basis von über zwei Milliarden Nutzern dieses Projekt initiiert hat, wird dem Projekt zum Erfolg verhelfen, da es anders als bei vielen anderen Projekten eine “garantierte Nutzerbasis” gibt. Schätzungen zufolge würde die Marktkapitalisierung von Libra quasi über Nacht einige hundert Milliarden Euro betragen, wenn Libra wie geplant in 2020 startet. Zum Vergleich: Bitcoin hat derzeit, August 2019, eine Marktkapitalisierung von ungefähr 200 Milliarden Euro.

Und wo steht Europa und im Speziellen Deutschland?

Doch was passiert aktuell in Europa und in Deutschland? Wenig, zumindest in Bezug auf Großprojekte mit Systemrelevanz. Konkret formuliert: Hier werden wesentlich kleinere Brötchen gebacken. Ja, es gibt eine lebhafte Startup-Szene im Blockchain-Bereich, die etwa in Berlin, Zürich, London und Paris ansässig ist. Konzerne wie Bosch, Daimler, die Commerzbank und andere unterhalten eigene Blockchain-Abteilungen. Auch Behörden wie die BaFin in Deutschland oder deren Äquivalente in der Schweiz und in Liechtenstein schaffen gemeinsam mit den entsprechenden Ministerien und Behörden die rechtliche Basis, damit die Blockchain-Technologie in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden kann. Die Europäische Zentralbank baut Expertise auf, die Deutsche Bundesbank betreibt erste Experimente. Dies ist alles gut und richtig. Aber es wird nicht ausreichen, um international auf Augenhöhe mit weltweit führenden Projekten zu agieren.

Der Euro auf der Blockchain

Das zusätzlich geschaffene Budget sollte vor allem in folgende Vorhaben investiert werden: Der Euro muss auf die Blockchain und das Thema Identitäten auf Blockchain-Basis muss umfassend behandelt werden. Bei diesen beiden Aspekten handelt es sich um breite Anwendungsfelder, welche das Fundament für die digitale Wirtschaft der Zukunft darstellen werden. Eine Wirtschaft ohne Euro und Identität auf Blockchain-Basis können sich Kenner der Technologie nicht vorstellen.

Die Identität auf der Blockchain

Der Euro auf Blockchain-Basis ist nur die eine Seite der Medaille. Denn eine Transaktion findet zwischen zwei Parteien statt. Natürlich sind dies zunächst Personen und Firmen, können aber auch “Dinge”, wie Geräte oder Maschinen sein. Das Thema Identität auf der Blockchain ist sehr weitreichend und zielt darauf ab, dass Menschen mit ihrer physischen Identität z.B. in Form eines Personalausweises, Firmen mit deren Handelsregistereintrag und letztlich Maschinen einen “digitalen Ausweis” auf der Blockchain erhalten. Dann können Transaktionen zwischen Mensch und Unternehmen (Beispiel: Carsharing) aber auch zwischen Mensch und Maschine (Beispiel: Personentransport eines autonomen Autos) oder aber zwischen zwei Maschinen (Beispiel: autonomes Auto parkt auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz) effizient — also schnell und kostengünstig — abgewickelt werden.

Und was nun?

Entscheidungsträger in Unternehmen, Regierungen etc. müssen akzeptieren, dass sie sich mit der Blockchain-Technologie intensiv beschäftigen müssen. Sie müssen Budgets schaffen, Blockchain-basierte Projekte initiieren, Entscheidungen treffen, Teams zusammenstellen, neue Kollegen einstellen und ihre Mitarbeiter technologisch weiterbilden. Der wichtigste Fakt ist, dass die Blockchain-Technologie zumeist ITler im eigenen Haus erfordert, da IT von strategischer Relevanz ist und in zahlreiche Prozesse direkt eingreift. Wenn der Euro und Identitäten auf einem Blockchain-System laufen, so ist indirekt jedes Produkt und jeder Zahlungsempfänger betroffen. Ein Auslagern an einen IT-Dienstleister oder das Wegdelegieren an die “EDV-Abteilung” wird nicht funktionieren. Das Hoffen darauf, dass die Blockchain-Technologie erst später relevant wird, wenn der Nachfolger den eigenen Sessel erklommen hat, ist insofern unsinnig, weil die Technologie bereits da ist. Es ist grob fahrlässig, die Entwicklungen um Libra, die chinesische digitale Währung und Binance, und auch Bitcoin, nicht sehen zu wollen. Der Kelch geht nicht vorüber, sondern er ist uns direkt in die Hand gegeben worden. Bitcoin wird nicht mehr verschwinden — wie viele immer noch glauben — sondern zu einem IT-System internationaler Bedeutung auswachsen. Dies mit der Hand ignorierend wegzuwischen ist gefährlich und bringt die Zukunft unserer Wirtschaft und unserer Unternehmen in Gefahr.

Bemerkungen

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    Philipp Sandner

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    Frankfurt School Blockchain Center

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