Berlin Tag und Nacht: Das soziale Gruppenverhalten im Bundestag.

Jeder kennt die Ausschnitte aus dem Fernsehen. Geschwungene Reden, markige Worte, Angriffe und Zustimmung. Was sich liebt das neckt sich, oder? Wo wird geflirtet? Wo attackiert? Ein Tag im Plenarsaal.

Was passiert eigentlich außerhalb der 3 Minuten-TV-Beiträge? Wie verhalten sich die verschiedenen Gruppen? Ich habe den Datensatz einer Plenarsitzung zerpflückt. Wahllos eine beliebige Sitzung – Die Losfee greift zur 65. Sitzung des 19. dt. Bundestags. Und los.

Fakten zur Sitzung:

„Oha“ Insgesamt extrahiere ich 168 Reden aus dem Protokoll! Getagt wurde von 9:00 Uhr bis 1:10 Uhr — und… ja am nächsten Tag ging es um 9:00 Uhr mit einer Sitzung weiter.

Ganz nach Kräfteverhältnis verteilen sich Anzahl der Redebeiträge auf die Fraktionen. Klar – wer am stärksten ist, gibt zumindest auf dem Papier den Ton an:

Anzahl der Reden nach Fraktionen

Diskussionskultur

Beim Blick auf die Plenarprotokolle fällt schnell auf: Kaum eine Rede ohne “Kommentare”. Also, Anmerkungen im Protokoll. Dabei handelt es sich meist um Reaktionen auf die Rede. Hinter vielen Kommentaren stecken Zwischenrufe. Das kann natürlich enthusiastische Zustimmung sein, oftmals aber eben auch Protest und hin und wieder auch sarkastische Anmerkungen. Besonders schöne Highlights verbreiten sich dann wie gewohnt über YouTube. Das ist doch die Chance außerhalb der Redeordnung für Aufmerksamkeit zur sorgen oder?

Anzahl der Kommentare nach Fraktionen

Und diese Chance wird gerne angenommen. An diesem Tag ist keine der Fraktionen ganz zurückgezogen. Doch am häufigsten melden sich UNION, AfD und DIE GRÜNEN ungefragt zu Wort.

Die SPD hat mit 91 gezählten Erwähnungen den kleinsten Wert. (Oje, ob das mit den Verlusten der Wählerstimmen korreliert? Na – das wäre eine andere Geschichte. Heute bleiben wir mal in der Momentaufnahme)

Zeile: Macht Zwischenrufe — Spalte: Hält die Rede

Die unruhigsten Reden sind dabei die der AfD und der UNION. Die beiden starken roten Felder zeigen: bei Reden der AfD melden sich UNION und DIE GRÜNEN so oft zu Wort wie niemand sonst bei keiner anderen Rede.

Die UNION wird bei Redebeiträgen besonders von den Oppositionsparteien unterbrochen während die Unions-Fraktion selbst auch bei Reden des Koalitionspartners SPD auffallend aktiv wird.

Die Diagonale von links oben nach rechts unten zeigt wie oft die Fraktionen bei eigenen Rednern mit Kommentaren einfallen. Erwartungsgemäß ist hier alles mehr oder weniger ruhig.


War ich gut? Also, ich fand mich klasse!

Die HeatMap zum Beifall-Verhalten hat ein paar spannende Muster zu bieten. Zuerst zeigt sie den Redeanteil: Wer viele Reden hält hat natürlich auch die Chance mehr Applaus einzusammeln. (Ein Drama in Politik, dass viel reden auch zu viel Aufmerksamkeit führt.)

Deutlich wird das bei der Diagonalen die ich jetzt mal ganz simpel “Ego-Diagonale” taufen möchte. Jede Fraktion, durch die Bank, spendet sich selbst am meisten Applaus. Aber natürlich schlägt die HeatMap bei der UNION mit den meisten Reden auch stärker an als bei den GRÜNEN mit den wenigsten Reden.

Einen Ausreißer bildet dabei nur die FDP, die an diesem Tag der UNION fast genau so viel Applaus spendet wie sich selbst. Aber eben nur beinahe. (Interpretationen bleiben dem Publikum überlassen)

Zeile: spendet Applaus — Spalte: Hält die Rede

Dann zeigen sich zwei Blöcke: Zum Ersten (links oben) die Regierungsparteien die sich untereinander immer wieder den Rücken stärken. Und zum Zweiten (rechts unten) erhalten die LINKE und die GRÜNEN jeweils voneinander den meisten Fremd-Applaus.

Und zum Schluß das “AfD-Kreuz” in Dunkelblau. Die AfD gibt wenig Beifall und erhält wenig Beifall — Geschlossen durch alle Fraktionen. Und das so deutlich, dass die Zeile und Spalte der AfD in der HeatMap direkt ins Auge springt.

Quellen und Methodik: 
Ich habe mir das Plenarprotokoll im xml-Format geschnappt und es als kleine Python-Übung zerlegt. Macht euch gerne selbst ein Bild. Ich freue mich über Korrekturen, Hinweise und Ideen.

-> Das Plenarprotokoll als PDF 
->
Das Plenarprotokoll als .xml
->
Das iPython-Notebook